Kunst und Kulinarik

Kunst à discrétion kann man in diesem Herbst in 26 Gasthäusern im Appenzellerland erleben – vom Kursaal Heiden bis zur Ebenalp.

Christina Genova
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Kitschige Sonnenuntergänge in Öl von Francisco Sierra im Restaurant Adler in Herisau. (Bilder: pd/Jürg Zürcher)

Kitschige Sonnenuntergänge in Öl von Francisco Sierra im Restaurant Adler in Herisau. (Bilder: pd/Jürg Zürcher)

Die Serviceangestellte weiss Bescheid: «Ah ja, sie meinen die <Lichtdinger>!» Wenn man auf der Suche nach Kunst in Gasthäusern ist, gibt es keine Aufsichten, die man fragen könnte. Das Kunstprojekt «à discrétion» der Ausserrhodischen Kulturstiftung und der Innerrhoder Kunststiftung macht es möglich, dass 30 Künstler in 26 Restaurants im ganzen Appenzellerland ihre Werke ausstellen. Alle beteiligten Künstler wurden in den letzten Jahren von den beiden Stiftungen gefördert.

Rohes Fleisch mit Geranien

Als «Lichtdinger» bezeichnet die etwas gehetzt wirkende Frau die sechs Leuchtkästen, die Christian Meier in der Bar des Romantikhotels Säntis in Appenzell aufgehängt hat. Die 3D-Bilder machen sich gut auf der silbern schimmernden Tapete, nur dass der Künstler sie teilweise mit Baugerüstelementen im Raum befestigt hat. Schaut man die Arbeiten genauer an, sieht man ein rohes Stück Fleisch, das sich über rote Geranien legt, einen Haribo-Bären und schwebende Dildos.

Keinerlei Irritationen verursachen hingegen die zarten Scherenschnitte von Nicole Marsch im Gästehaus Bären in Gais. Die dekorativen Arbeiten passen derart gut in das hübsche Appenzellerhaus, dass wir sie erst auf den zweiten Blick als Teil von «à discrétion» identifizieren. Die Scherenschnitte erinnen an bestickte Stoffe und Spitzendeckchen aus Grossmutters Zeiten. Geschäftstüchtig verkauft die Künstlerin auch Handsiebdrucke auf Baumwolltüchern und Postkarten. Auch im Kursaal Heiden halten wir vorerst vergeblich Ausschau nach der Arbeit von David Berweger. Im Untergeschoss finden wir eine Vitrine mit Objekten. Ist das die gesuchte Kunst? Und schon sind wir mittendrin in einer Diskussion über unseren Kunstbegriff. Denn es stellt sich heraus, dass David Berwegers Skulptur draussen auf der Wiese steht. Die zwei vormittäglichen Roadtrips der Schreibenden kreuz und quer durchs Appenzellerland erweisen sich als spannende Feldforschung in Sachen Kunst und Beizenkultur. Im Café Laimbacher in Appenzell werden uns nicht nur ausgezeichnete Nussgipfel und kunstvoll verzierte Cappuccini serviert. Sondern der Konditor zeigt uns auch stolz den Biberfladen, den er in Zusammenarbeit mit Corinne Rusch kreiert hat. «I am Part of this word let me be or eat me up» steht darauf geschrieben. Der Satz bezieht sich auf die Fotoarbeiten der Künstlerin, die Menschen aus allen Kulturen zeigen. Ein Eritreerin, ein gepiercter Mann und eine ältere Innerrhoderin in der Sonntagstracht sind auf dem Gruppenbild friedlich vereint.

Nachhaltiges Kunstprojekt

Eine weitere spannende Kooperation hat sich im Gasthaus Krone in Hundwil ergeben. Künstlerin Vera Marke hat zusammen mit dem Wirtepaar Monika und Thomas Speck den Eingangsbereich des Restaurants renoviert. Alte Farbschichten wurden abgelaugt, das Geländer geschliffen und das Holz neu gestrichen. Schliesslich wurde es von der Künstlerin mit einer zarten Marmorierung versehen. Sie stimmt ein auf den einzigartigen Rokokosaal im ersten Stock, wo sich das Motiv der Marmorierung wiederfindet. Vera Markes Malerei wird bleiben und entfaltet somit eine nachhaltige Wirkung. Eine ortsspezifische Arbeit hat auch Isabel Rohner im kürzlich eröffneten Kafi Anton auf dem St. Anton bei Oberegg realisiert. Dort erlebt man dank des aufgefrischten Original-Interieurs eine Zeitreise in die 1960er-Jahre. Der freundliche Gastgeber Walter Kägi empfiehlt selbstgemachte Rezessionshörnli und Backwaren aus der hauseigenen Bäckerei. Isabel Rohner hat sich mit der atemberaubenden Aussicht beschäftigt und den grossen Panoramafenstern blinde Fenster beigefügt. Zusammen ergeben sie einen raumumfassenden Fries. Besondere Wahrnehmungserlebnisse sind zu erwarten, wenn im Herbst der Nebel aufsteigt.

Mit Traumlandschaften hat sich Francisco Sierra im Restaurant Adler in Herisau beschäftigt. Nach Vorlagen aus dem Internet hat er tropische Palmenstrände in fotorealistischer Manier gemalt. Es sind Motive, die als Kunstdrucke massenhaft vertrieben werden. Der gebürtige Herisauer hingegen hat sie aufwendig in Öl gemalt. «O sole mio» lautet der ironische Titel der Serie, die das eigene Geschmacksempfinden und die Malerei an sich hinterfragt.

Achtung Ruhetag

Nach sieben Stunden ist die Rundreise durchs Appenzellerland zu Ende auf den Spuren von «à discrétion» zu Ende. In neun Dörfern haben wir 14 Gasthäuser besucht und gelungene und weniger gelungene Werke von 16 Künstlern gesehen. Die Vielfalt an Kunstwerken und Gasthäusern ist beeindruckend, der Austausch mit den Wirtsleuten über die Kunst in ihren Gaststuben war spannend. Das Fazit: Wer Anspruch auf Vollständigkeit hat und auch kulinarisch auf seine Kosten kommen will, braucht Zeit. Um nicht vor verschlossenen Türen zu stehen, ist eine gute Vorbereitung unabdingbar, denn jeder Wirt braucht mal einen Ruhetag.

Bis 23.10. Infos unter www.adiscretion.ch

Isabel Rohner hat im Kafi Anton in Oberegg die Panoramafenster mit blinden Fenstern ergänzt.

Isabel Rohner hat im Kafi Anton in Oberegg die Panoramafenster mit blinden Fenstern ergänzt.

Christian Meier hat seine «Leuchtdinger» in der «Säntisbar» in Appenzell aufgehängt.

Christian Meier hat seine «Leuchtdinger» in der «Säntisbar» in Appenzell aufgehängt.

Christian Hörlers Installation in der «Krone» in Heiden setzt sich in die Unendlichkeit fort. (Bild: jürg zürcher)

Christian Hörlers Installation in der «Krone» in Heiden setzt sich in die Unendlichkeit fort. (Bild: jürg zürcher)

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