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KUNST: Töfflilust und Mathefrust

Vor über vierzig Jahren hat Dieter Hall in Trogen die Kantonsschule besucht. Nun kehrt der Künstler mit einer Ausstellung zurück an den Ort seiner Jugend. Er hat auch die Schülerinnen und Schüler von heute in sein Projekt integriert.
Christina Genova
Dieter Hall hat auf dem Campus der Kantonsschule Trogen zwölf besondere Wegweiser angebracht. (Bild: Mareycke Frehner)

Dieter Hall hat auf dem Campus der Kantonsschule Trogen zwölf besondere Wegweiser angebracht. (Bild: Mareycke Frehner)

Christina Genova

christina.genova@tagblatt.ch

Das frechste Bild hängt gleich beim Eingang. «Alpabzug» lautet der Titel, doch Kühe finden sich nur als Beschläge auf dem Chüeligurt. Der Senn hat sich seiner Hose und Socken entledigt, das «Öberefahre» ist zu Ende. Der unkonventionelle Alpabzug gehört zum neuen Appenzeller Zyklus von Dieter Hall; ausgestellt ist er in der «Arche», dem markanten Schulgebäude der Kantonsschule Trogen, das wie ein gestrandetes Schiff am Hang liegt. Es riecht nach Mittagessen, Orchesterklänge schweben in der Luft. Dann und wann wird der Künstler von einem vorbeieilenden Schüler oder Lehrer gegrüsst: Gemeinsam mit 80 Schülerinnen und Schülern und den Lehrkräften für bildnerisches Gestalten hat Dieter Hall im Oktober eine Projektwoche zum Thema «Mythos Appenzellerland» durchgeführt. Die dabei entstandenen Werke sind ebenfalls in der «Arche» zu sehen.

Putzen für die Kunst

Dieter Hall, der sonst alleine in seinem Atelier arbeitet, geniesst die Schulatmosphäre sichtlich. Es gefällt ihm, für einmal nicht in einem White Cube auszustellen. Als der Künstler vor über vierzig Jahren in Trogen zu Schule ging, stand die «Arche» noch nicht. Der Thurgauer besuchte dort das Langzeitgymnasium, sechs Jahre wohnte er oben im Dorf in der Pension von Rektor Kuhn. Später studierte Dieter Hall Kunstgeschichte und lernte Martin Disler kennen. Der Künstler wurde zu einem wichtigen Freund und Mentor und bald wusste Hall: «Was der macht, das will ich auch, das bin ich auch.»

Dieter Hall eignete sich die Malerei autodidaktisch an und zog nach New York. Er hielt sich mit Putzjobs und Büroarbeiten über Wasser, bis der künstlerische Durchbruch kam. 2011 kehrte er nach 30 Jahren nach Zürich zurück. Seither beschäftigt sich der Künstler vermehrt mit seiner Biografie. Für die Appenzeller Werkserie war Dieter Hall letztes Jahr viel im Appenzellerland unterwegs auf der Suche nach Motiven. Er fand auch, was er gar nicht gesucht hatte und glaubte vergessen zu haben: schöne Erinnerungen an seine Zeit als Töfflibueb, als er mit Kollegen in der Nähe des Ruppen ein verlassenes Bauernhaus «besetzte» und dort die ganze Freizeit verbrachte. Aber auch schlimme Erinnerungen an den Weg in die Mathematikstunde: «Ich starb jeweils fast vor Angst und Wut.»

27 Gemälde entstanden, die sich einerseits mit der Landschaft des Appenzellerlandes, aber auch mit der Zeit des Heranwachsens auseinandersetzen. Halls melancholische Landschaften sind menschenleer, alle Jahreszeiten sind vertreten. In Anlehnung an das Format des Alpaufzugs wählte er schmale Querformate, als Gegensatz aber auch extreme Hochformate. Halls Art zu malen bleibt immer gegenständlich und hat wie die Appenzeller Malerei etwas Naives. Zwei Gspändli von damals, mit denen er heute noch befreundet ist, hat Dieter Hall porträtiert; die zwei älteren Herren erinnern an die eigene Vergänglichkeit.

Ein Platz für die Liebe

Den Jugendlichen von heute Gedankenanstösse mitzugeben, ist dem 62-Jährigen ein Anliegen: «Ich habe sehr bewusst ein paar Botschaften eingebaut, aber nicht mit dem moralischen Zeigefinger.» Ein Stuhl, der von einem roten Luftballon davongetragen wird, mahnt die Schülerinnen und Schüler, an Utopien zu glauben; ein Strassenschild ohne Beschriftung ist Metapher für die Wege, die ihnen offenstehen.

Wegweiser hat Dieter Hall auch auf dem ganzen Areal der Kanti verteilt. Die blau-weissen Hinweisschilder unterscheiden sich erst auf den zweiten Blick von herkömmlichen: Der Weg vom Bahnhof Trogen hinunter in die Kanti heisst nun «Elfenbeinturm-Weg» und dort, wo sich zu Dieter Halls Zeiten die Liebespärchen ein Stelldichein gaben, findet sich die «Place d’Amour». Schliesslich hat es auch einen «Heidi-Klum-(Lauf-)Steg», benannt nach dem Model, dem die Mädchen von heute nacheifern.

Bis 1.12., Kantonsschule Trogen; Mo–Fr: 9–18 Uhr, Sa: 12–18 Uhr (Dieter Hall ist anwesend). 16.11., 19.30 Uhr: Appenzeller Konzert in der Aula; 20.11., 16.30 Uhr: Podiumsgespräch mit ehemaligen Kantonsschülern.

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