KUNST: Süssigkeiten fürs Auge

Was bedeuten Identität und kulturelle Zugehörigkeit? In der Kunsthalle Winterthur verführt Olga Titus mit einem prächtigen, oft sinnlichen Farbenrausch. Sie erweist sich dabei erneut als virtuose Videokünstlerin.

Martin Preisser
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Die Künstlerin Olga Titus vor ihrer Videoarbeit «Hybrids» (2014) in der Kunsthalle Winterthur. (Bild: Urs Bucher)

Die Künstlerin Olga Titus vor ihrer Videoarbeit «Hybrids» (2014) in der Kunsthalle Winterthur. (Bild: Urs Bucher)

Martin Preisser

martin.preisser@tagblatt.ch

Eine rosa Hochzeitstorte hat die Winterthurer Künstlerin Olga Titus auf jeder Ebene mit Tänzerinnen und Tänzern aus verschiedenen Kulturen bestückt. Flamenco-, Derwisch-, Charlestontänzer, aber auch Silvesterkläuse drehen sich mit der Torte. Technisch geschickt durchdacht erzeugt die Arbeit «Rosy Hues» die Illusion eines kontinuierlichen Bewegungsablaufs, verstärkt durch galoppierende Pferde unten an der Torte. Die Figuren hat Olga Titus aus dem Internet und drapiert sie neu in Pappe im analogen Raum.

Hier sind wir bei einem Markenzeichen der in der Ostschweiz aufgewachsenen und inzwischen auch international beachteten Künstlerin: Ihr spielerischer, direkter, unverkrampfter Umgang mit Unmengen von visuellem Ausgangsmaterial. Olga Titus beherrscht die Kunst multimedialer Schnitttechniken souverän. Sie hat keine Angst vor fast überbordender Bilderflut und Reizüberflutung. Sie überlädt und überlagert – mit dem Ergebnis einer ganz eigenen Kunst-Sprache. Werbung, Computerspiele, Bilder verschiedener Kulturen, Verkleidungen, Maskeraden sind nur einige der Bildwelten, die Olga Titus im Netz findet und in ganz individueller Grammatik zusammenfügt.

Die Welt fliegt im Regenbogen

Exemplarisch ist das im Video «Das Auge». Die verschiedenen Bereiche des Auges wie etwa Iris oder Pupille werden zu bunten Spielfeldern virtuoser Bildfolgen und Reizströme. «Candy Crush» heisst die Ausstellung und nimmt dabei Bezug auf ein Handygame, bei dem Süssigkeiten hin- und hergeschoben werden. Es ist diese Menge von Süssigkeiten fürs Auge, die Olga Titus’ Kunst so einladend macht. Ganz konkret fliegt auf dem Augen-Video die Welt im Regenbogen vorbei.

Diese Farbfülle nimmt Olga Titus, die stark filmisch denkt, zum Ausgangspunkt für Fragen nach Identität und kultureller Prägung. Wie konkret sind solche Begriffe überhaupt oder erweisen sie sich als Illusion? Titus konstruiert ungeniert mit virtuellem Ausgangsmaterial ihre Vorstellungswelten, mit grosser Erfahrung im Umgang mit den Mitteln. Exotisch oder vertraut, komplex oder verspielt, schrill oder liebevoll, konzentriert oder spontan: Ihre Regie über das Bildermeer ist selbstbewusst.

Bananen vermehren sich in Rekordzeit, tropische Früchte schweben über der Szenerie. In ihrer Arbeit «Family Chat» geht Olga Titus, Tochter einer Bündnerin und eines Malaien, auf eigene Spurensuche. Man ist magisch angezogen von dieser Familiensaga zwischen der Schweiz und Fernost, vom Spiel verschiedener Kulturen und Klischees. Man wird in eine Welt hineingezogen, die ganz natürlich zu fliessen scheint und gleichzeitig ein irritierend schönes Kunst- und Fantasieprodukt ist. Olga Titus’ Kunst wird auch zum prall überhöhenden Abbild unserer Zeit.

Nochmals: Was ist Identität? Besitzen wir sie tatsächlich oder ist sie ein Konstrukt? Überraschend reduziert kommt da die Videoarbeit «Hybrids» daher. An nur einem Tag ist sie in einem Kieswerk im zürcherischen Mar­thalen entstanden. Olga Titus erweist sich hier auch als Choreografin von Laiendarstellenden und Künstlerin stark symbolhafter Bilder und Gedankenketten.

Selbstinszenierung oder Selbstporträt sind bei Olga Titus keine fest geplanten Strategien. Sie ergeben sich aus der Arbeit mit den Bilderfluten selbst. Und doch sind ihre virtuellen Selbstdarstellungen das Humorvollste dieser Ausstellung. Da versucht sie verkleidet als Afrikanerin mit Früchtekorb auf dem Kopf ein Eis zu schlecken. Gebannt schaut man ihrem unentwegten Zungenspiel zu, das nicht dem Eisschlecken dient, sondern sich skurril verselbstständigt. Videokunst auf hohem Niveau, eine beeindruckende Bildsprache, auch mit Witz, zeigt Olga Titus in der Kunsthalle Winterthur. Und wenn sie sich in einem Video ununterbrochen unter den Achseln kratzt, dann fängt es auch den Betrachter fast zu jucken an.

Bis 23. April, Kunsthalle Winterthur (Marktgasse 25); Mi–Fr 12–18, Sa/So 12–16 Uhr. Begegnung mit der Künstlerin: Do, 6.4., 18.30 Uhr; kunsthallewinterthur.ch