Kunst sieht Krankheit - mit anregenden Nebenwirkungen ist zu rechnen

Ein Wechselbad der Gefühle bietet der Kunstraum Baden: Zehn Künstlerinnen und Künstler thematisieren Krankheit. Anstecken kann man sich nicht, aber anregen lassen. 

Sabine Altorfer
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Modell statt Mensch: «Mediceische Venus» von Anna Jermolaewa.

Modell statt Mensch: «Mediceische Venus» von Anna Jermolaewa.

Bild: Rolf Bismarck

Wollen wir uns freiwillig mit dem Thema Krankheit beschäftigen? Nur zu! Die Ausstellung im Kunstraum Baden ist weder ansteckend, noch sind toxische Nebenwirkungen zu befürchten. Ernsthaft sind und waren die Diagnosen für die zehn Kunstschaffenden oder für die Menschen in ihrer Umgebung allerdings schon. So ernsthaft, dass sie sich daran gewagt haben – oder wagen mussten –, die Krankheit oder Sucht, das Gebrechen oder gar den Tod in Bilder zu fassen.

Wer eine düstere, morbide Schau fürchtet, dem sei gesagt: Die Werke sind intensiv, emotional, aber nie abstossend oder deprimierend. Wenn Artur Zmijeski in seinem Video zeigt, wie ein gesunder Mann einen Beinamputierten von hinten umarmt, ihn hält und halb trägt, um gemeinsam als Dreibeiner gehen zu können, so spüren wir nicht Trauer, sondern positive Energie und Menschlichkeit.

Krankheit ist eine seltene Kunst-Diagnose

Es sei gar nicht so einfach gewesen, Arbeiten zum Thema zu finden, sagt Kuratorin Claudia Spinnelli an der Vernissage. Ob Literatur oder Kunst, objektiv lasse sich Krankheit schwer darstellen. Wie können also Künstlerinnen und Künstler (eigene) Erfahrungen in Bilder fassen? Dürfen sie an unser Mitleid appellieren? Wollen sie das? Nein, lautet die Erfahrung nach dem Besuch der Ausstellung.

Berührend sind die grau-weiss-schwarzen Porträts, die Wilfried Bolliger Jahrzehnte nach dem Tod seiner Mutter nach alten Fotos gemalt hat. Nicht optisch, sondern gefühlsmässig habe er in der Erinnerung ihr Bild gesucht, sagt er. Klage oder gar Anklage spricht nicht aus den Bildern. Auch Otto Lehmanns Zeichnungen, mit denen er Haarzellen-Leukämie-Bösewichte zeichnerisch dingfest macht, wirken mit ihren leuchtenden und kräftigen Farben vital und fast fröhlich.

Zeichnung von Otto Lehmann.

Zeichnung von Otto Lehmann. 

zvg

Ob Demenz, Krebs, Trunksucht oder Burnout: Die Krankheitsbilder decken ein breites Spektrum ab, die künstlerischen Instrumente ebenso. Scharf wie ein Skalpell zeichnet Susanne Perrottet, dumpf wie die Wirrnis im Kopf klingt Nicole Schmids Audioinstallation, die zerstörerische Wut eines Burnouts entlädt sich bei Maya Bringolf in abgefackelten Bürostühlen und bunt blinkende Pillen als Zeichen der Hoffnung hängt Gianluca Trifilo ins Schaufenster.

Auch das Video von Anna Jermolaewa über den Kauf einer Perücke, bevor eine Chemotherapie die Haare ausfallen lässt, gehört eher zur witzigen als zur tragischen Sorte. Ebenso ihre Modellvenus mit offenem Bauch. Gar erheiternd komisch erscheint der Wettlauf von Ross Sinclair gegen die Trunksucht. Von ihm stammt auch der Titel der Ausstellung: «Touch Me I’m Sick».

Das titelgebende T-Shirt von Ross Sinclair.

Das titelgebende T-Shirt von Ross Sinclair.

zvg

Keine Angst also, Krankheit in Kunstform ist nicht übertragbar. Sie wirkt eher wie ein bildgebendes Verfahren (so ein Arbeitstitel von Thomas Mühlenbach), das schattig wie ein Röntgenbild oder tiefenscharf wie ein MRI die Ängste und Hoffnungen, den Schmerz und Lebenswillen ausleuchtet. In der Apotheke kann man das nicht kaufen.

Touch Me I’m Sick Kunstraum Baden, bis 29. März.