KUNST: Schneebälle zu verkaufen

Die Ausstellung «Who Pays?» im Kunstmuseum Liechtenstein regt dazu an, über den Wert von Geld und Arbeit nachzudenken. Mitmachen ist erwünscht: Ein Raum ist fürs Teilen, Tauschen und Schenken reserviert.

Christina Genova
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Der Wanderkiosk macht Halt im Kunstmuseum. Bei Budiker David Johannes ist der Preis Verhandlungssache. (Bild: Daniel Ospelt/PD)

Der Wanderkiosk macht Halt im Kunstmuseum. Bei Budiker David Johannes ist der Preis Verhandlungssache. (Bild: Daniel Ospelt/PD)

Christina Genova

christina.genova@tagblatt.ch

Auf indiskrete Fragen muss man in dieser Ausstellung gefasst sein: «Haben Sie schon gestohlen?», «Möchten Sie eine reiche Frau?», «Fürchten Sie sich vor den Armen?» Diese und weitere Fragen rund ums Geld findet man im Besucherheft zu «Who Pays?», der neu eröffneten Schau im Kunstmuseum Liechtenstein. Sie stammen aus dem Fragebogen VI von Max Frisch und sind ein Auszug aus seinem Tagebuch von 1966 bis 1971. Die Fragen stimmen ein auf eine Ausstellung, die zahlreiche Denkanstösse liefert zu unseren Vorstellungen von Reichtum und Armut, Geld und Kapital.

Wie peinlich berührt Menschen reagieren, wenn man sie nach ihrem persönlichen Budget oder ihrem Einkommen fragt, zeigt die auf Video festgehaltene Strassenumfrage von Linnea Bronner und Leandra Weber. Die beiden Frauen studieren an der Zeppelin-Universität Friedrichshafen, die an der Ausstellung mitbeteiligt ist.

«Herr Trump ist reich», antwortet eine Passantin auf die Frage, ob sie vermögend sei. Wie der frischgebackene amerikanische Präsident zu seinem Reichtum gekommen ist, erfährt man in einer Arbeit aus der Werkgruppe der «paper stacks» von Felix Gonzalez-Torres von 1990. Sie besteht aus einem Stapel loser Papierblätter, die von den Besuchern mit nach Hause genommen werden können. Darauf abgedruckt ist eine kleine Zeitungsmeldung, die von der Eröffnung des Spielcasinos und Hotels Trump Taj Mahal in Atlantic City im April 1990 berichtet. Schon ein Jahr später musste Trump mit dem Milliardenprojekt Insolvenz anmelden, das er unter anderem mit Schrottanleihen (Junk Bonds) finanziert hatte.

Baden im Geld wie Dagobert Duck

Doch nicht nur die Auswüchse des Kapitalismus werden in der Ausstellung thematisiert, sondern auch Alternativen dazu, ausgehend von der von Joseph Beuys formulierten Formel «Kunst = Kapital». Er verstand das kreative Gestaltungspotenzial eines jeden Menschen als Grundlage für eine gerechte und nachhaltige Wirtschaftsordnung: «Die einzige revolutionäre Kraft ist die Kraft der menschlichen Kreativität.» Annähernd lebensgross läuft Beuys den Besuchern auf einem Multiple von 1972 energischen Schrittes entgegen. Seine Aufforderung in der Beschriftung ist unmissverständlich: «La rivoluzione siamo Noi» (die Revolution sind wir).

Eine eindrückliche Umsetzung von Beuys’ Formel gelang Susanne Bosch mit ihrer Restpfennigaktion. Zwischen 1998 und 2002 sammelte die Künstlerin in ganz Deutschland 13 Tonnen Kleingeld und parallel dazu 1601 Ideen und Wünsche. In der Ausstellung laufen sie auf einem LED-Display, Wunsch 870 zum Beispiel lautet: «Ich würde sooo gerne in dem Geld einmal baden. So wie Dagobert Duck in seinem Geldspeicher», oder Wunsch 478: «Bemalung aller parkenden Autos mit Graffiti-Kunst». Eine Kommission aus den Teilnehmern wählte schliesslich vier Projekte zur Umsetzung aus. Subversiv und gleichzeitig poetisch weist David Hammons in einer auf Video dokumentierten Kunstaktion, die im Winter 1983 stattfand, auf die Vergänglichkeit materieller Werte hin. In Manhattan, dem Herz des Kapitalismus, bot er auf einem Teppich Schneebälle in allen Grössen feil, welche die Passanten für ein paar Dollar erwerben konnten.

Das Büro ins Museum verlegen

Nicht Schneekugeln, sondern Meisterwurz, Tschick oder Kaffee bietet Budiker David Johannes im Seitenlichtsaal des Kunstmuseums in seinem Wanderkiosk an und dazu noch zahlreiche weitere Bedarfsgüter. Für Uneingeweihte: Ein Budiker schmeisst die Bude, Meisterwurz ist ein Schnaps und Tschick sind Zigaretten. Letztere sind beim Budiker auch einzeln erhältlich. Den Kaffee gibt es nicht auf Knopfdruck, sondern erst nach vier Minuten Wartezeit – so lange braucht es, bis in der Bialetti der Kaffee hochsteigt. Die Preise sind Verhandlungssache, und wenn der Budiker gut gelaunt ist, gibt es auch etwas umsonst. Der mobile Wanderkiosks, ein Ort der Begegnung und der Kommunikation, wurde vom Architekten Martin Mackowitz entworfen und kann auch als Bühne genutzt werden.

Ebenfalls im Seitenlichtsaal ist die Zukunftswerkstatt Liechtenstein zu Gast. Sie lädt dazu ein, den Raum als Gemeinschaftsbüro zu nutzen und mit Gegenständen auszustatten, die man wahlweise ausleihen, tauschen oder schenken kann. So sollen alternative Formen des Wirtschaftens und Arbeitens erlebbar gemacht werden.

«Who Pays?». Bis 21.5. Di–So 10–17, Do 10–20 Uhr. Begleitprogramm: kunstmuseum.li