Kunst kommt von Karton

Zwei Künstler und ein Kollektiv verwandeln den Shed im Eisenwerk Frauenfeld in eine Landschaftsskulptur. Da geht einiges ab.

Dieter Langhart
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Aufbau und Proben für «KartonAge»: Raphael Winteler, Felix Hergert, Reto Karli, ­Gianin Conrad und Quirina Lechmann.Bild: Dieter Langhart

Aufbau und Proben für «KartonAge»: Raphael Winteler, Felix Hergert, Reto Karli, ­Gianin Conrad und Quirina Lechmann.Bild: Dieter Langhart

Die Shedhalle im Eisenwerk ist kaum wiederzuerkennen. Bis unter die hohe Decke ragt so etwas wie eine skulpturale Landschaft aus Schrofen, Gipfeln, Graten. Nicht aus Stein, aus banalem braunen Karton. «We dress to impress», steht unten auf dem übergrossen und natürlich kartonbraunen Flyer. So lautet der Slogan der Model Holding, Verpackungsspezialist aus Weinfelden und Hauptsponsor des Projekts «KartonAge».

Nein, nicht Kartonage wie in der Verpackungstechnik, sondern KartonAge. Die Hippies feierten das Zeitalter des Wassermanns, die Künstler im Shed sind jünger und feiern das Zeitalter der Umhüllung (während CEO Daniel Model am Modelhof in Müllheim Oberhaupt des Staates Avalon ist und Kultur veranstaltet).

Viel Offenheit und ­Situationsbezug

Die beiden Künstler Thierry Perriard (1978) und Gianin Conrad (1979) haben ein interdiszipli­näres Kunstprojekt ausgeheckt. Mit ins Boot geholt haben sie die Winterthurer Band Antipro – ein Künstlerkollektiv, das sich frei zwischen Kunst und Theater ­bewegt.

Auf Pirsch zwischen Kartonstücken und Werkzeugen, und über allem schwebt Musik. Ich entdecke Gianin Conrad und Vincent Hofmann von Antipro (Periard ist heute nicht da) und höre mir an, was sie ausgeheckt haben. Entstanden war die Idee zu «KartonAge» vor vier Jahren, jetzt hat es geklappt – auch weil es schön zu Frauenfelds Kulturtag Ende September passt. Dann steigt eine Performance mit der Sopranistin Quirina Lechmann und Antipro, die zweite nach der Vernissage.

«KartonAge» ist skulptural und performativ und situativ angelegt. «Da ist viel Offenheit im Projekt», sagt Conrad. «Wir gönnen es uns, diesen grossen Raum zu bespielen, ohne dass wir von Anfang an wissen, wie das Ende aussieht.» Hofmann: «Wir führen kein Theaterstück auf, improvisieren viel, können spontan auf alles reagieren.»

Sie mögen es nicht ­geschliffen und fertig

Karton ist für Conrad ein Sinnbild: Normgrössen, schnell zu verarbeiten, billig – also im Widerspruch zur in der Kunst üblichen Ästhetik. 2014 fiel Conrad in der Kunsthalle Winterthur mit zusammengezimmerten Hölzern und Bricolage-Objekten auf, die auf handwerkliche Perfektion verzichteten.

Gianin Conrad und Vincent Hofmann betonen eine Wesensverwandtschaft: ihr Gegenentwurf zum etablierten Kunstbetrieb. «Wir liefern nichts Pfannenfertiges ab, uns geht es um den Prozess.» Zur Zusammenarbeit mit Antipro meint Gianin Conrad ironisch: «Thierry und ich spielen mit und schieben Kulissen.» «KartonAge» beginnt also nicht einfach mit der Vernissage und dauert bis zur Finissage – ein reiches Rahmen- und Vermittlungsprogramm bietet Raum für Spontanes.

KartonAge
Interdisziplinäres Kunstprojekt im Shed des Eisenwerks Frauenfeld, initiiert von Gianin Conrad und Thierry Perriard in Zusammenarbeit mit dem Künstler­kollektiv Antipro.
• 30.8., 19 Uhr: Vernissage mit Performance von Antipro und einer kurzen Einführung ins Projekt
• 11.9., 14–17 Uhr: Workshops für Kinder von 7 bis 13 Jahren
• 21.9., 16 Uhr: öffentlicher Filmdreh von Antipro und Gespräch mit den Projektinitianten und den Kuratorinnen Almira Medaric und Katja Baumhoff
• 28.9., 20 Uhr: Kulturtag, mit einer Performance der Sopranistin Quirina Lechmann und Antipro
• 4.10., 19 Uhr: Finissage mit Performance von Daniel Aschwanden alias Dog_man.
Geöffnet Do/Fr 19–21, Sa 16–20 Uhr