Kunst, Kitsch und Kommerz eng beieinander

War er ein vielseitiges Genie oder ein genialer Geschäftsmann? An Francis Picabia, dessen rasante Stilwechsel das Kunsthaus Zürich in einer grossen Retrospektive zum Dada-Jahr vorführt, scheiden sich die Geister. Auch die Ausstellungsmacher haben Mühe.

Florian Weiland
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Francis Picabia: Idylle, 1927. (Bild: Kunsthaus)

Francis Picabia: Idylle, 1927. (Bild: Kunsthaus)

Er wusste schon früh, wie man aus Kunst Geld macht. Um seine Briefmarkensammlung finanzieren zu können, kopierte er Stück für Stück die Gemäldesammlung seines Vaters und verkaufte die Originale. Francis Picabia (1879–1953) lieferte dem Kunstmarkt, was gefragt war.

Er beherrschte jeden Stil

Ganz gleich, ob Impressionismus, Pointillismus, Fauvismus oder Kubismus – Picabia beherrschte jeden Stil. Und das mit einer Perfektion und malerischen Virtuosität, die beeindruckt. Doch gerade das hat ihm auch viel Kritik eingebracht. Der Vorwurf einer gewissen Beliebigkeit liegt nahe. War Picabia nur ein Epigone oder, um es noch zugespitzter zu formulieren, gar ein Opportunist?

Auf einmal realistisch

Der Verdacht scheint nicht unbegründet. Während des Zweiten Weltkriegs ändert er seinen Stil ein weiteres Mal. Der französische Künstler mit kubanischen Wurzeln malt auf einmal realistische Bilder, die ganz dem Geschmack der Besatzer und ihrer Kollaborateure entsprachen. Die Ausstellung tut sich sichtbar schwer damit und scheitert bei dem Versuch, diese schwülstigen Gemälde als Parodie umzudeuten. Der nächste radikale Stilbruch lässt nicht lange auf sich warten.

Die stilistische Vielfalt des Künstlers irritiert immer wieder. Das Kunsthaus Zürich versucht durch die Einteilung der Ausstellung in zwölf Kapitel nicht den Überblick zu verlieren. Ein schwieriges Unterfangen, sind doch insbesondere die 1930er-Jahre durch ein Nebeneinander der unterschiedlichsten Stile gekennzeichnet.

Der grosse Erotomane

Die Retrospektive, die in Zusammenarbeit mit dem Museum of Modern Art in New York entstand, präsentiert rund 200 Exponate, darunter allein 100 Gemälde, aber auch bisher kaum Bekanntes, wie illustrierte, intime Briefe, die Picabia als grossen Erotomanen zeigen. Der Rundgang führt vor Augen, wie sich Picabia, der seine ersten Erfolge als impressionistischer Maler feiert, zunächst immer weiter der Abstraktion zuwendet, nur um sie alsbald brüsk abzulehnen. Ähnlich verhält es sich mit dem Dadaismus, zu dem Picabia einen wichtigen Beitrag leistet. Auch Dada bleibt, obgleich eine der produktivsten Phasen in seinem Werk, nur eine kurze Etappe. Wenige Jahre später verkündet Picabia mit grossen Worten seine Abkehr. Im Spätwerk meldet sich Dada dann überraschend zurück.

Ein unterschätzter Künstler

Grosse Kunst, Kitsch und Kommerz liegen bei Picabia eng beieinander. Als ihn sein Galerist bittet, er solle an die Verkäuflichkeit seiner Bilder denken, wählt er für seine tanzende Salome ein damals skandalöses Aktfoto der Wiener Fotografin Trude Fleischmann als Vorlage. Auch sonst greift er gerne auf Vorlagen aus Pin-up-Magazinen zurück. Picabias «Salome» gehört zur Serie der «Transparences». Nie wirkte Picabias Kunst eleganter.

Immer wieder finden sich aber auch Beiträge, die belegen, dass Picabia ein unterschätzter Künstler ist. Arbeiten, die kinetische Effekte der OpArt vorwegnehmen, Experimente mit der Emailfarbe Ripolin und abstrakte Punkte-Bilder. Spannend auch Picabias Weiterentwicklung des Kubismus, eine Mischung zwischen Abstraktion und Figuration. Und: Der grandiose Dada-Film «Entr'acte» von René Clair, zu dem er das Drehbuch schrieb.

Kunsthaus Zürich, bis zum 25. September

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