Kunst
Gedanken zum überstürzten Weltuntergang - gemalt und gezeichnet

Politisch aktueller als Pat Noser ist hierzulande kaum eine Malerin. Das beweist sie im Kunstraum Baden – unterstützt von Affen.

Sabine Altorfer
Drucken
Teilen
Die «Wallstreet» ist in der Hand von Affen.

Die «Wallstreet» ist in der Hand von Affen.

Pat Noser

Vier Köpfe hat Pat Noser auf die Milchglasscheiben des Kunstraumes Baden gemalt. Durch Ausputzen der trüben Beschichtung und zusätzlich mit groben weisslichen Pinselstrichen. Vier der mächtigsten und reichsten Erdenbewohner blicken auf uns herab: Elon Musk, Jeff Bezos, Marc Zuckerberg und Larry Fink. «Ich habe Gouache verwendet, du kannst das nach der Ausstellung leicht wieder putzen», sagt die Künstlerin Pat Noser zur Galeristin Claudia Spinelli. Wir lachen. Weil Noser damit das Thema der Ausstellung so einfach auf den Punkt bringt.

Larry Fink auf der Scheibe des Kunstraumes. Er ist Gründer, Aufsichtsratsvorsitzender und Vorstandsvorsitzender des weltgrössten Vermögensverwalters BlackRock.

Larry Fink auf der Scheibe des Kunstraumes. Er ist Gründer, Aufsichtsratsvorsitzender und Vorstandsvorsitzender des weltgrössten Vermögensverwalters BlackRock.

Rolf Bismarck

Ums Wegwerfen geht es in dieser Ausstellung wie der Fachbegriff «geplante Obsoleszenz» im Titel deutlich macht. «Gemeint sind damit Sollbruchstellen oder die künstliche Verkürzung der Lebensdauer von Geräten, damit stetig Neues gekauft und die Produktion angekurbelt wird», sagt Pat Noser.

Das Resultat dieses steten Wachstums sind Umweltverschmutzung, Armut, Raubbau an Ressourcen und die wachsende Vermüllung von Wasser und Erde. Diese Themen treiben Pat Noser, 51, in Aarau aufgewachsen, nun in Biel wohnhaft, seit Jahren um.

Pat Noser beim Einrichten

Pat Noser beim Einrichten

Rolf Bismarck

Weltuntergang und Naturschönheit

Für den Kunstraum Baden hat sie eine Auswahl ihrer meist grossformatigen Malereien und Zeichnungen zu einem Panoptikum der Weltlage zusammengestellt. «Gedanken zum überstürzten Weltuntergang» nennt sie es im Untertitel. Doch es sind keine Pamphlete, keine Illustrationen zum Thema, sondern Bilder, die Geschichten erzählen, Collagen aus Realität und Vorstellung, Blicke in die Welt und auf die Welt. Die können düster und zornig, aber auch liebevoll besorgt oder staunend sein.

zvg

Eine chinesische Stadt aus der Vogelperspektive, ein Moloch mit schwarzer Tusche auf rot grundiertes Papier gebannt, wirkt mit den sich im Smog auflösenden Wolkenkratzern wie ein Endzeitgemälde. Ebenso ein Bild, in dem nebeneinander Raffinerien, ein Hochhaus in London, der Himmel hinter Demonstration und die Umgebung einer Weltraumrakete brennen.

Doch vor einer anderen Hochhaussilhouette blühen Seerosen, betörend die Sinfonie aus Grün, Blau und Rosa. Die kleine Zeichnung mit Soldaten während einer Exekution hätten Betrachter und sie nicht ausgehalten, erzählt sie. Nun blühen drei prächtige rote Rosen im Vordergrund, «und doch nehmen wir die brutale Szene dahinter sehen.»

Ausgangsmaterial seien Fotos, meist eigene. «Eigentlich bin ich Fotografin», sagt Pat Noser und lacht. Aber weil ihr ein einfacher Blick nicht reicht, um die Komplexität der Erscheinungen und Ereignisse wiederzugeben, verschränkt sie Sujets in Collagen, reiht sie Ereignisse, interpretiert und kombiniert sie. Selbst das Selbstbildnis ist eine filmisch überschnittene Abfolge ihres Gesichtes – ernst, lachend, schreiend, mit herausgestreckter Zunge, still…. Ein Auge ist je in zwei Gesichtern platziert, was die surreale Wirkung des über drei Meter langen Streifens nochmals steigert.

Böse Firmen und liebe Viecher

Meist schafft sie Verlinkungen und Komplexität durch die Hängung. So hat sie eine Schwarz-Weiss-Serie zu globalen Konzernen – Naturdarstellungen mit den Namenszügen und Firmensignete – auf einer der grössten Wände neben- und übereinander gehängt.

Blick in den Kunstraum

Blick in den Kunstraum

Rolf Bismarck

Mitten unter der wirtschaftlichen Weltmacht hocken auf drei Bildern unter übergrossen Pilzen drei nackte Frauen mit Affenköpfen: «Hörnix», «Sehnix», «Sagnix». Die Interpretation des Ganzen überlässt sie der Betrachterin. Aber in der Broschüre zur Ausstellung wird sie explizit und nennt die Firmen «Abzocker, Aufrüster, Betonköpfe, Einpeitscher, (…) bis Volksverhetzer, Warmduscher, Zukurzgekommene».

Die Porträts der Menschen, die Pat Noser schätzt – Literaten, Kämpferinnen für Gerechtigkeit und Klima – hat sie auf einer Ikonenwand vereint. Auch Affenforscherinnen. Denn die Primaten mag sie, seit ihrer Kindheit. So tummeln sie sich in ihren Zeichnungen und Gemälden auf Panzern, in verlassenen Städten und Friedhöfen. Als Stellvertreter der Menschen, als ihr harmloses Alter Ego wohl. Auch Rosenkäferlarven widmet Noser ein Gemälde, ebenso einer bald hundertjährigen Druckmaschine, die sie beeindruckt, weil sie immer wieder repariert wird.

Und wie wohl die meisten Menschen sehnt sich auch Pat Noser nach Ruhe und Frieden. Friedhöfe werden in ihren Bildern zu verwunschenen, friedliche Refugien, behütet von Engeln, Affen und alten Steinen.

Pat Noser

Pat Noser Geplante Obsoleszenz. Kunstraum Baden, bis 24. Oktober. Vernissage: Fr 27. 8., 19 Uhr.

Aktuelle Nachrichten