Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Konto per E-Mail erhalten.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

KUNST: Frauen besetzen Räume

Konrad Bitterli, Direktor des Kunstmuseums Winterthur, hat den ersten grossen Auftritt an seinem neuen Wirkungsort. Gemeinsam mit Kuratorin Simona Ciuccio provoziert und überzeugt er mit Themen.
Christina Peege
«Meister Gerhard» von Isa Genzken aus dem Jahr 1983, Nitrolack auf Abachiholz, 292 Zentimeter hoch. (Bild: Pro Litteris)

«Meister Gerhard» von Isa Genzken aus dem Jahr 1983, Nitrolack auf Abachiholz, 292 Zentimeter hoch. (Bild: Pro Litteris)

Christina Peege

ostschweizerkultur

@tagblatt.ch

«Mein Riechsalz!» – denkt man sich, wenn man das Jahresthema des Kunstmuseums Winterthur zur Kenntnis nimmt. Denn «Frauen» bildet den Schwerpunkt des diesjährigen Ausstellungsprogramms, das Direktor Konrad Bitterli für die neugeschaffene Dachmarke «Kunst Museum Winterthur» gesetzt hat. Im Übrigen lauten die Titel «The Female Touch», «Women – Frauenbilder durch die Jahrhunderte». Bitterli schätzt die Herausforderung, in Winterthur nun keine einzelnen Häuser mehr zu bespielen – insgesamt drei –, sondern sie thematisch um ein Thema zu positionieren, wie er sagt. Hähne im Korb sind Alberto Giacometti und Ferdinand Hodler, die im Sommer gemeinsam zu sehen sind.

Aber so viele Frauen? Als erster Reflex stellt sich Skepsis ein. Doch am Presserundgang kommt man gleich schwer ins Nachdenken. Denn wer zu erraten versucht, wie viele Werke von Frauen in der permanenten Ausstellung zu sehen sind, liegt sicher um mehrere Dutzend daneben. Es sind aber nur Werke von gerade mal zwei Künstlerinnen: Sophie Taeuber-Arp und Alice Bailly.

Es werden keine Phrasen gedroschen

Das wischt jegliche Frage vom Tisch, ob heute das Thema «Frauen» in der Kunst noch relevant sei. «Wir erleben einen Backlash», erklärt Konrad Bitterli auf dem Rundgang mit Verweis auf die Vereinigten Staaten und deren Machopräsidenten. Wichtig sei deshalb, dass Frauen Präsenz zeigten und eben «Räume besetzen». Parallel zu dieser Ausstellung, die von Simona Ciuccio kuratiert wurde, hat Bitterli die Künstlerin Katinka Bock unter dem Titel «Sonar / Tomorrow’s Sculpture» nach Winterthur holen können. Die Ausstellung, die Aspekte der grossen Ausstellung vertieft, wurde von ihm selbst kuratiert.

Simona Ciuccio verfolgt in ihrer Schau einen unideologischen Ansatz und stellt Arbeiten vor, die ausschliesslich durch ihre künstlerische Qualität überzeugen, die weibliche Auseinandersetzung mit der männlich geprägten Kunst jedoch nie leugnen. Alle Werke stammen aus der Sammlung – Frauen, sagt die Kuratorin, seien in Winterthur nie unter dem Gender-Aspekt gesammelt worden, sondern immer im Rahmen von künstlerischen Strömungen.

Raffiniert dreht Ciuccio den Blick des Betrachters um – das ist der männliche Blick auf das Objekt Frauenkörper. Akte und andere Darstellungen von Frauen sind in der Kunst zu Tausenden vertreten – hingegen sind männliche Akte wie die Bronzeplastik der französischen Bildhauerin Germaine Richter (1902–1959) gleich am Eingang der Schau eher die Ausnahme. Zu dieser Figur tritt ein «Idol» von Meret Oppenheim (1913–1958), welches aus einem Holzschwamm und anderen Materialien besteht. Heidi Bucher (1926–1993) ist mit Latexhäutungen präsent, in denen die Körperlichkeit nur noch zitiert wird.

Das Thema Körper und seine Objektivierung in der Kunst der Männer wird hier vielschichtig durchdekliniert, ohne ästhetisch Phrasen zu dreschen.

Einen Höhepunkt bildet der Saal mit Rita McBrides «Resonance I–III» aus dem Jahr 2006, drei geschwungenen grossen Holzskulpturen, die einst ein In­strument, einen Resonanzkörper gebildet haben könnten.

Hier begegnet man auch der 1948 geborenen deutschen Künstlerin Isa Genzken und ihrer Installation unter dem Titel «Meister Gerhard», mit der sie auf ihren ehemaligen Partner Gerhard Richter anspielt. Die schwarz lackierte Holzfigur, deren geschwungene Formen den Raum fast bis zur Decke «besetzen», bildet einen starken Akzent. Genzkens Gips- und Betonarbeiten stellen einen denkbar grossen Kontrast dar und zeigen, welch kühne Spannungsbögen Künstlerinnen in ihrem Oeuvre aufbauen.

Kuratorin Simona Ciuccio verzichtet mit ihrer Werkauswahl auf feministische Seitenhiebe. Nur die «Mid-Rise Automobile Parking Structure» von Rita McBride – ein absurdes Architekturmodell aus Metall eines Autosilos – spielt mit Augenzwinkern auf der meisten Männer liebstes Spielzeug an, das Auto.

Arbeiten aus einem «weiblichen» Material

Konrad Bitterli hat dieses Motiv dann mit der Keramikinstallation von Katinka Bock nochmals aufgegriffen, in welcher Abdrücke von Autoreifen auf einer sechsspurigen Autostrasse eingedrückt und durch den Brand verewigt sind. Die in Deutschland geborene Künstlerin mit Jahrgang 1976 arbeitet mit historischen Posi­tionen aus den Sechziger- und Siebzigerjahren. Raffiniert zitiert sie mit Keramik ein Material, mit dem man Frauen immer ein wenig hat «kunsthandwerklich kreativ» sein lassen. Umgekehrt giesst sie Kakteen oder Karpfen mit Bronze zu Plastiken aus und persifliert das absolu- te Renommiermaterial jedes ambitionierten Künstlers. In anderen Arbeiten setzt sie physikalische Gesetze scheinbar ausser Kraft und schafft gleichzeitig mit ihren Arbeiten poetische Akzente.

Kunstmuseum Winterthur: Katinka Bock, bis 2.4.; Räume besetzen, bis 12.8. Di 10–20, Mi–So 10–17 Uhr. kmw.ch

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.