Kunst fängt für sie dort an, wo es wehtut

Auf einen Kaffee mit der Künstlerin Annina Frehner

Christina Genova
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15 Jahre Kunst auf 600 Seiten: Annina Frehners Buch «Index N° 1». (Bild: Sabrina Stübi (St. Gallen, 27. Februar 2018))

15 Jahre Kunst auf 600 Seiten: Annina Frehners Buch «Index N° 1». (Bild: Sabrina Stübi (St. Gallen, 27. Februar 2018))

Vor zehn Jahren verschenkte ­Annina Frehner alles, was sie ­besass. Gab ihre Wohnung und ihr Atelier auf und behielt nur den Personalausweis und ihr Geld. «Ausräumung» nannte sie diese Kunstaktion. Ganz gelungen ist sie ihr nicht. Ein Jahr später kam der neue, ihr unbekannte Besitzer ihrer Festplatte auf sie zu und übergab der Künstlerin ein Backup ihrer Daten. Darunter waren auch Fotos ihrer künstlerischen Arbeit. «Ich hatte Hemmungen, sie anzuschauen, sagt die 35-Jährige. Denn eigentlich sei es ihr Ziel gewesen, ihre Kunst rein sprachlich zu dokumentieren.

In der ihr eigenen Radikalität entwickelte Annina Frehner aus ­diesem Zufall eine Publikation, die morgen und übermorgen in Appenzell vorgestellt wird. «Index N° 1» heisst der zwei Kilogramm schwere, 600 Seiten umfassende Band, der in einer Auflage von 40 Stück erscheint und 250 Franken kostet. Er besteht aus einem Bildteil und einem ­Anhang mit ergänzenden Texten und akribischen Tabellen. Ungefiltert enthält er alle künstlerischen Versuche, Recherchen und Arbeiten von 1999 bis 2014. Ihr sei es wichtig gewesen, nicht zu werten, erklärt die Künstlerin und sagt unverblümt: «Das Buch ist streckenweise sehr langweilig.» Das erste Bild darin stammt aus Annina Frehners Kantizeit und zeigt Weltumrundungs­schuhe aus Pappe. «Eine Bastelübung», sagt die Künstlerin. Es sei schwierig für sie, diese zu zeigen. Doch, das wird im Laufe des Gesprächs klar, Kunst fängt für sie dort an, wo es wehtut.

Wir treffen uns im Café in der St. Galler Hauptpost. Die Winterthurerin bestellt einen Cappuccino. In Leipzig, wo Annina Frehner seit ihrem Kunststudium wohnt, besteht ihr Morgenritual darin, in einem Café die Zeitung zu lesen und Kaffee zu trinken. 2011 und 2015 erhielt die Bürgerin von Urnäsch einen Werkbeitrag der Ausserrhodischen Kulturstiftung. Annina Frehner hält sich mit Nebenjobs über Wasser, sie wird von keiner Galerie vertreten – eine bewusste Entscheidung: «Für mich ist Kunst nicht das Gleiche wie der Kunstmarkt.»

Annina Frehner interessiert sich für den Raum, insbesondere ­dafür, wie sozialer und physischer Raum zusammenhängen. Mit einem Werkbeitrag kaufte sie einer Roma-Familie ein bescheidenes Haus, das sie gemeinsam renovierten. Für ihre Diplomarbeit entrümpelte sie den heruntergekommen Innenhof ihres Ateliers und baute dort ein halbrundes Podest als temporären Treffpunkt für die Nachbarschaft.

Solch grosse Projekte plant sie in nächster Zeit keine mehr, zu aufwendig und anstrengend ist die Planung und vor allem die Finanzierung. In diesem Sinne bedeutet das Buch für ­Annina Frehner eine Zäsur: «Es schliesst etwas ab.» In Zukunft möchte sie vermehrt konzeptuell arbeiten und mehr Zeit haben für Reflexionen und Lektüre.

Christina Genova

christina.genova@tagblatt.ch

Hinweis Buchvernissage morgen, 3.3., ab 16 Uhr, Wührestrasse 1, Appenzell, mit Konzert von Sven Bösiger. So, 4.3., 11.30–17 Uhr mit Künstlerin und Grafikerin.