KUNST: «Es ist, was es ist»

Für Lawrence Weiner, einen der Grossen der Konzeptkunst, ist Sprache der Stein, aus dem er seine Textarbeiten meisselt. Im Kunsthaus Bregenz zeigt er eine Gesamtarbeit, die vier Stockwerke umfasst.

Christina Genova
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Nicht gespalten, sondern innig: Lawrence Weiner und seine Frau Alice im Kunsthaus Bregenz. (Bild: Rudolf Sagmeister/PD)

Nicht gespalten, sondern innig: Lawrence Weiner und seine Frau Alice im Kunsthaus Bregenz. (Bild: Rudolf Sagmeister/PD)

Christina Genova

Christina.Genova@tagblatt.ch

Als Erstes fällt seine Bassstimme auf. Sie ist so tief, dass man das Gefühl hat, sie bringe die ganze Umgebung zum Vibrieren. Lawrence Weiner, 74 Jahre alt, ist einer der wichtigsten Vertreter der Konzeptkunst. Doch wer von ihm Erklärungen zu seinen minimalistischen Textarbeiten erwartet hat, die vom Erdgeschoss bis in den dritten Stock an den Wänden des Kunsthauses Bregenz zu lesen sind, wird enttäuscht: «There is no message: it says what it says. – Es ist, was es ist», ist die präziseste Aussage, die man dem Künstler entlocken kann. Weiner versteht sich als Bildhauer: «Ich weiss, dass meine Arbeiten Skulpturen sind.»

Seine «Pieces», wie Weiner seine Texte nennt, seien keine Metaphern. Man müsse sie nicht in einer bestimmten Reihenfolge lesen, jeder stehe einzeln für sich. Die Texte seien auch nicht ortsspezifisch, obwohl bis auf eine Ausnahme alle Arbeiten neu für Bregenz entstanden sind.

Zusammenprall der teutonischen Platten

Wenn man an den Betonwänden des ersten Obergeschosses liest: «Steinmassen, die das Tageslicht abschotten» und gegenüber: «Steinmassen, die das Nachtlicht abschotten», dann hat dies sehr wohl mit dem Ort zu tun. Steinmassen definieren ein Gebäude, eine Höhle, einen Bunker. Lawrence Wiener ist ein politischer Mensch. Dass er am Bodensee, im Herzen Europas, auch an dessen Abschottungstendenzen denkt, ist zu vermuten. Wer sich einbunkert, schliesst nicht nur das Dunkle, sondern auch das Helle aus.

Lawrence Weiners Arbeiten werfen den Betrachter auf sich selbst zurück, besonders in diesen meditativen Räumen, die für einmal, bis auf die Texte an den Wänden, leer sind. Lawrence Weiner bietet Raum zum Nachdenken. Seine Texte sind so offen und einfach formuliert, dass sich jeder seine eigenen Überlegungen machen kann. Zu Kunst würden seine Texte erst, wenn die Menschen sie nutzen könnten, um ihr Leben besser zu verstehen, sagt Weiner: «Man darf nie vergessen, dass Kunst von Menschen für andere Menschen gemacht wird. Punkt.» Lawrence Weiners Texte bestehen immer aus zwei Sprachen: aus seiner englischen Muttersprache und der Sprache, die am Ort der Ausstellung gesprochen wird. Bei der Übersetzung geschieht eine Interpretation. Das zeigt sich exemplarisch beim Ausstellungs­titel «Wherewithal». Die Übersetzung des Kunsthauses lautet «Was es braucht» , Weiner hätte es gerne noch simpler gehabt: «Was mit was».

Doch worum geht es in der Ausstellung? «Es geht um das Gebäude und Stein» sagt Weiner. Tatsächlich kommen Steine in jedem der Texte vor. Weiner interessiert sich für die unterschied­lichen Kulturen, die «teutonischen Platten», die am Bodensee zusammenstossen. Dass dies Spannungen und Verwerfungen, Druck und Gegendruck erzeugt, schwingt in den Textarbeiten mit: «Die Brocken obenauf zerrissen und gespalten», steht im dritten Stock.

Poetisch hingegen beginnt es im Erdgeschoss: «Aufgebaut mit vom Himmel gefallenen Steinen /Hinauf/Herunter». Bezieht man diese Aussage auf die Entstehung der Erde und aller Materie vor Jahrmilliarden, als alles damit anfing, dass ein paar Gesteinsbrocken zusammenklumpten, gemahnt der Text an die Vergänglichkeit und relativiert heutige Verwerfungen. Und er erinnert daran, dass nach dem «Hin­auf» ein «Herunter» folgt – und umgekehrt.

Bis 15.1., Kunstmuseum Bregenz. Di–So 10–18, Do 10–20 Uhr