KUNST: Ein Forscher des Lichts

Als Chronist der Clubkultur wurde Wolfgang Tillmans berühmt. Den Darling des Kunstmarkts halten die einen für überschätzt, andere für einen Erneuerer der Fotografie. Die Fondation Beyeler zeigt eine Retrospektive.

Julia Stephan
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Malen mit Licht: Wolfgang Tillmans an der Vernissage in der Fondation Beyeler vor dem Werk «Ostgut Freischwimmer, left». (Bild: Georgios Kefalas/Keystone (Riehen, 26. Mai 2017))

Malen mit Licht: Wolfgang Tillmans an der Vernissage in der Fondation Beyeler vor dem Werk «Ostgut Freischwimmer, left». (Bild: Georgios Kefalas/Keystone (Riehen, 26. Mai 2017))

Julia Stephan

Er hat den Berliner Szeneclub Berghain aufgehübscht und Kate Moss ins beste Licht gerückt. Für das Kleiderlabel Hood by Air lief er über den Laufsteg. Er beliefert Lifestylemagazine mit popkulturellem Bildstoff, kreiert Musikvideos und Mode und komponiert elektronische Musik, die unlängst auf einem Album von Frank Ocean gelandet ist. Im akademischen Kunstbetrieb spricht er über seine Arbeit. Und politisch sendet er ebenfalls kontinuierlich Signale: etwa gegen den Brexit mit Plakaten, die er im Internet zum Download anbietet. Der Taschen-Verlag, in dem einige seiner über 35 Kunstbücher erschienen sind, verkauft Tillmans Fotobücher mit dem Satz «Die Bilder-Bibel der Generation X».

Dieses Image hat der gut aussehende Deutsche Wolfgang Tillmans, der auf dem Kunstmarkt Höchstpreise erzielt, im steten Wechsel zwischen den Städten Hamburg, Berlin, New York, London, Köln über Jahrzehnte erarbeitet. Der Träger des Turner-Preises und des Hasselblad Foundation Award verkörpert das Bild des unkomplizierten, unprätentiösen Künstlers, der seine Projekte im Kunstbetrieb oder an dessen subkulturellen Randgebieten verfolgt. Manche halten ihn für überschätzt, andere für einen bedeutenden Erneuerer der Fotografie. Mit Sicherheit verkörpert er den sich ständig neu erfindenden Projektmenschen der Gegenwart.

Tillmans in der Tate

Die Fondation Beyeler schenkt sich zum 20-Jahr-Jubiläum eine Tillmans-Retrospektive und setzt damit den Tillmans-Hype fort, der mit einer Soloschau in der Londoner Tate Modern schon seit Monaten in Gang ist. Die 200 zwischen 1986 bis 2017 entstandenen Arbeiten sind bis auf wenige Videos und eine Installation ausnahmslos Fotoarbeiten des Künstlers. Gehängt hat sie Kuratorin Theodora Vischer in der Tillman’schen Manier nicht auf einer Höhe, sondern versetzt und ziemlich wild. Kleinformat ist zwischen Grossformat geklemmt. Die Drucke und Fotokopien sind zu Filmstreifen oder zu Gittern gruppiert, oder stehen für sich. Manche sind gerahmt, noch mehr sind mit Klebstreifen befestigt. Die zwölf Ausstellungsräume entziehen sich einer eindeutigen thematischen Zuordnung. Dennoch erkennt man beim Rundgang formale wie inhaltliche Kontinuitäten, die die Tillmans oft vorgeworfene Beliebigkeit widerlegen.

Die Selbstvergessenheit im Rausch seiner frühen, in der Londoner Clubszene entstandenen Fotoarbeiten ist ebenso präsent wie die Poesie der im Wind tanzenden Plastiktüte aus Sam Mendes’ Film «American Beauty» (1999), der man in der Welt des Wolfgang Tillmans auch begegnet. Etwa in der Arbeit «After Storm» (2002), wo der Wind Herbstblätter und Plastiktüten an ein Gitter gedrückt hat. Auf seinen riesigen Stillleben lungern verbrauchte Zigaretten und müde Topfpflanzen.

Als Kind beobachtete Tillmans Himmelskörper. Bis heute fotografiert er Himmelserscheinungen wie etwa eine Sonnenfinsternis. In Basel finden sie zu Werkgruppen zusammen. Seine abstrakten «Faltenwürfe», welche das Gebirgsprofil wahllos übereinander geworfener Kleidungsstücke kartografieren, oder seine medienreflexive «Lighter»-Arbeiten, die zerknittertes Fotopapier hinter Glas zeigen, sowie die «Paper drop»-Werke – zur Regentropfenform gebogenes, fotografiertes Fotopapier – tauchen immer wieder auf. Ebenso Tillmans’ «Xerox»-Arbeiten aus dem Karrierebeginn. Auf stark vergrösserten Fotokopien von Zeitungsartikeln über die Publikumsreaktionen auf Joseph Beuys’ «Fettecke» steht das Wort «Intoleranz» in schiefen Lettern.

Fotografie beim Wort genommen

In «Weak Signal» (2014) ist das vergrösserte Bildrauschen eines Röhrenfernsehers zu sehen. Wer sich dem Bild langsam nähert, erkennt in den schwarz-weissen Flecken das ganze Farbspektrum. Tillmans nimmt Fotografieren in seiner Wortbedeutung. Er malt mit Licht, auch in den abstrakten «Freischwimmer»-Arbeiten. Die entstehen ohne Kameralinse in der Dunkelkammer auf Fotopapier durch den gezielten Einsatz von Lichtquellen. Diese Faszination für die manchmal auch aus Zufall entstehenden Lichtphänomene findet man auf vielen Arbeiten.

Das Heraus- und Hineinzoomen in die visuelle Wirklichkeit macht Tillmans zu einem Forscher, der vorurteilsfrei und mit spielerischem Ernst danach fragt, was die visuelle Welt im Inners­ten zusammenhält. Gegenüber dem «Kunstbulletin» sagte er kürzlich: «Das ist auch Spiel, und Spiel ist ja nicht unernst. Kinder lernen die Welt ja zum Teil überhaupt durch Spiel erst kennen.»

Hinweis

Wolfgang Tillmans. Fondation Beyeler. Bis 1. 10.

www.fondationbeyeler.ch.