KUNST: Die Nadelfrau

Mit «Weaving the World» zeigt das Kunstmuseum Liechtenstein eine grosse Einzelausstellung mit Werken von Kimsooja. Die Künstlerin arbeitet mit traditionellen koreanischen Stoffen gegen globale Konflikte an.

Kristin Schmidt
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Was poetisch wirkt, verweist auf eine zerbrechliche Harmonie: Raumfüllende Stofflotusblüten. (Bild: Aaron Wax)

Was poetisch wirkt, verweist auf eine zerbrechliche Harmonie: Raumfüllende Stofflotusblüten. (Bild: Aaron Wax)

Kristin Schmidt

ostschweizerkultur@tagblatt.ch

Der Auftakt findet im Dunkeln statt. Der erste Ausstellungssaal wird einzig durch eine Videoinstallation erhellt. Aufnahmen in wundervollen Farben bannen den Blick: Frauen bei der Handarbeit, sie klöppeln, sticken, häkeln. Unter ihren Händen entstehen Gewänder, Zierstoffe, Muster. Dazwischen sind reich ornamentierte Wände und Gewölbe, weite Felder und Wiesen eingeblendet. Kimsooja (*1957) verwebt traditionelle Textilkultur mit Bildern von Landschaften und Architektur.

In sechs Ländern war die koreanischeKünstlerin mit der Kamera unterwegs. Für ihre umfassende Einzelausstellung im Kunstmuseum Liechtenstein hat sie drei der fast halbstündigen Filme ausgewählt und projiziert sie nacheinander auf ein dreiseitiges Prisma. Auf einem zweiten Prisma sind synchron dazu die Lichtwellen jener Filme zu sehen.

Die Malerei in den Raum überführen

Sie bilden den abstrakten Kontrapunkt zu den gegenständlichen Aufnahmen und berühren eines der Kernthemen der Künstlerin: Wie lässt sich Malerei in den Raum überführen? Wie lässt sich die Fläche mit der Dreidimensionalität verknüpfen? Licht und räumliche Projektionen sind zwei mögliche Wege. Bereits als Kunststudentin war Kimsooja auf eine dritte Lösung gestossen: «Ich spürte die Kraft des Nähens. Als die Nadelspitze den Stoff berührte, traf es mich wie ein Schlag. Die Nadel durchdringt Flächen.» Flächen können dank der Nadel nicht nur durchstochen, sondern dauerhaft miteinander verbunden werden.

Das jahrtausendealte Werkzeug ist ein Universalinstrument und wurde für die Künstlerin zu einem so wichtigen Symbol, dass sie nicht nur ihren Vor- und Familiennamen zusammennähte, sondern selbst als «Nadelfrau» auftrat: Kimsooja suchte einen geeigneten Ort für eine Performance, als sie in Tokio zwischen Tausende eiliger Passantinnen und Passanten geriet. Die Menschen strömten an ihr vorbei, um sie herum. Die Künstlerin erlebte sich in diesem Moment als verletzlich und erleuchtet zugleich. Sie musste nichts tun, war Mensch unter Menschen und gleichzeitig eine Insel im Strom. Sie zerteilte diesen Strom, und hinter ihr fügte er sich wieder zusammen.

Kimsooja wiederholte die Performance in Metropolen auf allen Kontinenten und entwickelte daraus eine achtteilige Videoinstallation: Immer wieder steht die Künstlerin klein, unscheinbar zwischen den Passantinnen und Passanten. Die Projektion zeigt sie als Rückenfigur lebensgross, so dass wir mit ihr dastehen, die Menschen auch auf uns zuströmen in ihrer Vielfalt und in ihrer Selbstverständlichkeit. Bewusst wurde keine Bank im Ausstellungsraum aufgestellt, so dass sich das Stehen und Strömen nacherleben lässt.

Betttücher in sanfter Bewegung

Kimsooja sind die Menschen wichtig. Ihre Arbeiten tragen auf den zweiten Blick eine dringliche Botschaft für ein gutes Miteinander in sich. Auf den ersten Blick sind sie schön, poetisch und vermeintlich harmlos, beispielsweise die farbenfrohen, entweder zu Bündeln geschnürten oder an Leinen aufgehängten koreanischen Betttücher. Sie sind traditionelle Geschenke für Jungvermählte und somit Symbole für das Zusammenleben ebenso wie für das Unterwegssein. In der sorgfältigen Inszenierung im Kunstmuseum Liechtenstein werden die hängenden Tücher durch Ventilatoren in sanfte Bewegung versetzt und somit durchgelüftet.

Schwindet so der Ballast, der sich in den Jahren des Gebrauchs angesammelt hat, schwinden die Sehnsüchte, Wünsche und die Resignation? Oder sind auch sie in den darunter liegenden Bündeln eingeschnürt, lassen sie sich niemals abschütteln? Kimsooja belässt es bei Andeutungen und vertraut auf die visuelle Stärke ihrer Arbeiten. «Lotus: Zone of Zero» ist ein weiteres, raumfüllendes Beispiel dafür. Die in Kreisen aufgehängten Stofflotusblüten und die eingespielten liturgischen Gesänge üben einen unwiderstehlichen Sog aus. Zugleich sind sie verbunden mit dem Bewusstsein um weltweite religiöse Konflikte. Die Harmonie ist zerbrechlich, aber von Kimsoojas Hoffnung auf ein gutes Miteinander getragen.

Bis 21.1. Di–So 10–17, Do 10–20 Uhr; Kunstmuseum Lichtenstein kunstmuseum.li