Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

Interview

Gianni Jetzer kuratiert in Basel: «Kunst darf nie Ware sein»

Die «Unlimited» der nächste Woche beginnenden Art Basel ist besonders beliebt. Sie wird zum letzten Mal von Gianni Jetzer kuratiert, der sich in dieser Rolle auch als Croupier zwischen Markt und Kunst versteht.
Interview: Sabine Altorfer und Marc Krebs
Gianni Jetzer kuratiert in Basel, lebt in New York und fährt dort mit dem Velo zu den Galerien. (Bild: Juri Junkov)

Gianni Jetzer kuratiert in Basel, lebt in New York und fährt dort mit dem Velo zu den Galerien. (Bild: Juri Junkov)

In der Halle 1 der Messe Basel herrscht Hochbetrieb. 75 Kunstwerke der «Unlimited», teilweise monumentale Arbeiten, werden platziert und aufgebaut. Die «Unlimited» ist stets eine Mischung aus überwältigender Ausstellung und Markt, sind doch alle Werke verkäuflich – wenn auch nicht fürs normale Portemonnaie. Wir dürfen bis zur VIP-Premiere am Montagabend nicht in die Halle, aber Kurator Gianni Jetzer kommt zu uns in den Messeturm. Der 50-jährige Schweizer mit Wohnsitz in New York kuratiert zum letzten Mal den populärsten Teil der Kunstmesse.

Sie wirken entspannt. Alles im Griff?

Gianni Jetzer: Ja. Unerwartetes passiert meist erst auf dem Bauplatz. Das beste Beispiel war 2013 eine Installation mit tausenden Fäden rund um einen verkohlten Flügel der Japanerin Chiharu Shiota. Diese Fäden haben so viel Zug entwickelt, dass die Wände gegen oben hineingezogen wurden.

Und in diesem Jahr?

Aber eine spezielle und heikle Arbeit ist ein schwarzes Wasserbassin des rumänisch-jüdischen Künstlers Belu-Simion Fainarus mit einer Bewässerungsanlage, aus der jede Minute ein Tropfen fällt. Es ist eine Gedenkarbeit für die jüdische Diaspora und den Holocaust – und gleichzeitig thematisiert sie die Abhängigkeit Israels von Bewässerungsanlagen. Für mich ist wichtig, dass dies eine Arbeit der Stille wird. Es ist nicht schwierig, einen solchen Pool zu bauen, aber es muss sorgfältig gemacht werden.

Man spürt Ihren Enthusiasmus. Warum hören Sie als Kurator der «Unlimited» überhaupt auf?

Das müssen Sie Art-Basel-Direktor Marc Spiegler fragen. Aber dies ist mein achtes Jahr als Kurator der Unlimited und es ist ganz natürlich, dass es da auch mal einen Wechsel gibt.

Aufzuhören war nicht Ihr Entscheid?

Ich habe den Croupier zwischen Markt und Kunst gerne gespielt. Die Unlimited zu kuratieren, ist wie ein grosses Spiel mit sozialem Rückgrat.

Die Vorschläge für die Werke machen die Galerien. Wie gross ist Ihr Einfluss?

Ich kann Bewerbungen provozieren. Belu-Simion Fainarus’ Wasserarbeit habe ich vor drei Jahren in Wien gesehen – habe sie vorgeschlagen, aber damals hiess es seitens der Galerie, das sei schwierig. Nun ist es doch möglich, sie zu zeigen.

Wer bestimmt letztlich, was gezeigt wird?

Ich stelle die Arbeiten dem Komitee vor, das sind sechs Galeristen. Diese diskutieren zwei Tage lang über jedes Projekt und stimmen dann ab. Dass so lange und so intensiv über Qualität von Kunstwerken diskutiert wird, ist sehr rar. Und man erwartet solche Auseinandersetzungen schon gar nicht im Umfeld einer Messe. Aber weil die Art Basel so viel in Qualität investiert, kann sie ihre Stellung behaupten.

Qualität ist also ein Auswahlkriterium. Gibt es andere? Soll die «Unlimited» die heutige Kunst spiegeln?

Die Unlimited ist ein Mittler zwischen Kunst und Kommerz. Die Messe bringt das Know-how für die Vermarktung, sie garantiert die Qualitätshürden, bringt die weltweit wichtigen Kunden und Sammler. Die Galerien bringen die Künstler, etablierte und – ganz wichtig – immer wieder neue. Der Markt braucht immer wieder neue Figuren, neue Geschichten, sonst versiegt die Vitalität. Die Marktinnovation ist einer der Motoren für die Unlimited und den ganzen Kunstbetrieb. Die Museen werten ­später diese Werke und Künstler auf. Wobei es Künstler gibt, die nur im Markt präsent sind und die Weihe der Museen nicht bekommen.

Die Messe bringt das Know-how für die Vermarktung, sie garantiert die Qualitätshürden, bringt die weltweit wichtigen Kunden und Sammler. Die Galerien bringen die Künstler, etablierte und – ganz wichtig – immer wieder neue. Der Markt braucht immer wieder neue Figuren, neue Geschichten, sonst versiegt die Vitalität. Die Marktinnovation ist einer der Motoren für die Unlimited und den ganzen Kunstbetrieb. Die Museen werten ­später diese Werke und Künstler auf. Wobei es Künstler gibt, die nur im Markt präsent sind und die Weihe der Museen nicht bekommen.

Zum Beispiel?

Bei KAWS scheiden sich die Geister. Er macht diese riesigen Disneyfiguren mit den durchkreuzten Augen. Zu wenig Inhalt, sagen viele.

Und an der «Unlimited» war er auch nie!

Stimmt, ja (lacht). Die «Unlimited» muss eben auch seriös sein. Aber sie darf experimentell sein. Ich freue mich deshalb auf die Arbeit des Kosovo-Albaners Sislej Xhafa, der schon oft Kontroversen ausgelöst hat. Seinen Vorschlag letztes Jahr konnten wir nicht umsetzen. Er wollte eine Kuhherde aus dem Kosovo herbringen. Das waren Nachkommen von Schweizer Kühen, mit denen die Schweiz Kosovo nach dem Jugoslawienkrieg unterstützt hatte. Ich hatte zu grosse Bedenken, diese auszustellen. Es hätte Proteste von Tierschützern geben können.

Welche Arbeit von Xhafa zeigen Sie in diesem Jahr?

Ein riesiges Metalltor mit einem Guckloch. Schaut man durch, sieht man einen zerfurchten Mann, einen Eierverkäufer aus Havanna. Das Ei steht für Leben, aber auch für ein Nahrungsmittel. Es ist Symbol für Fragilität. So fragil das Ei ist, so fragil sind ja auch die Künstler. Eine sehr subtile, sehr schöne Arbeit.

Sie haben für die Art Basel kuratiert, leben und arbeiten aber in New York. Ein Vorteil?

Ja, die meisten Galerien an der Art Basel kommen aus New York, es ist die Topstadt für Galerien. Ich sehe entsprechend viele Ausstellungen – und muss nicht dafür fliegen, sondern fahre hauptsächlich Velo. Auch in Manhattan.

Hat der Job als «Unlimited»-Kurator Ihre Karriere befördert?

Ich denke, das wird immer kontrovers diskutiert. Es ist eine wichtige Position, aber man ist nur ein Rad in der Mechanik. Ich bin kein Königsmacher. Zudem: Wer die Utopie der kommerzfreien Zone aufrechterhalten will, sagt, eine Messe sei nicht richtiges Kuratieren.

Sie haben einige Kunstwerke erwähnt, die politisch konnotiert sind. Lässt sich politische Kunst wieder besser ­verkaufen?

Sie ist dringender geworden. Und es gibt mehr Künstler, die mit politischen Themen arbeiten. Das war mir immer ein Anliegen, die Gegenwart zu reflektieren. Immigration, Fluktuation der Geschlechteridenti­täten, Rassismus. Wir haben in diesem Jahr auch zwei Arbeiten zu #MeToo.

Welche?

Die in Holland lebende Alicia Framis hat eine Kollektion mit Airbags geschaffen. Die Kleider können sich innert Sekunden aufplustern, um Frauen am Arbeitsplatz zu schützen. Ein wunderbares, poetisches Kunstwerk, das in der Realität verankert ist. Und die amerikanische Künstlerin Andrea Bowers zeigt ein Archiv, mit bisher 350 Fällen des #MeToo-Movements. Das Einblenden der politischen Realität in diesem Marktplatz ist mir extrem wichtig. Kunst darf nie Ware sein. Mir geht es nicht um das Preisschild, sondern um den Mehrwert dahinter.

Art Basel, Do, 13. Juni, bis So, 16 Juni, 11 bis 19 Uhr

Von St.Gallen nach New York

Gianni Jetzer (1969) wuchs in ­Zürich auf, wo er ein Studium in Kunst, Geschichte und Journalismus abschloss. Von 2001 bis 2006 war er Direktor der Kunsthalle St. Gallen, 2006 zog er nach New York, wo er als Direktor des Swiss Institute Contemporary ­Art arbeitete. Im Jahr 2014 wurde er zum Kurator des Hirshhorn Museums in Washington ­
D. C. ernannt. Seit 2012 war er auch Kurator der «Unlimited». Nach der diesjährigen Art Basel gibt er diesen Stab weiter – an wen, das soll nächste Woche bekannt werden. (mst)

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.