Art Basel
«Kunst darf nie Ware sein»: Gianni Jetzer kuratiert zum letzten Mal die «Unlimited»

Die Unlimited ist beim Art-Basel-Publikum besonders beliebt. Sie wird zum letzten Mal von Gianni Jetzer kuratiert. Wir haben den 50-Jährigen zum Gespräch getroffen.

Sabine Altorfer, Marc Krebs
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Self-portrait as Clone of Jeanne d'Arc – Bonny Rogers
21 Bilder
Coco Fusco – Tin Man of the Twenty-First Century Im Vordergrund steht The Sun des Schweizers Ugo Rondinone.
Flowers for Africa: Rwanda – Kapwani Kiwanga
Art Unlimited 2019
Test (Slipovers by Gilbert Bretterbauer) – Franz West
Life Dress – Alicia Framis
Big Sneaker (The Nineties) – Olaf Nicolai
Notel – Lawrence Lek
Champagne Maradona – Sarah Lucas
13 Shattered Panels (for Joey Ramone) – Steven Parrino
Rose of Nothingness – Belu-Simion Fainaru
Ohne Titel – Jannis Kounellis
Lunchbreak – Duane Hanson
Eins und Summe – Vaclav Pozarek
Post-Ruin (Pink) – Andreas Angelidakis
Ohne Titel – Jorge Pardo
Hub, 206-7 Sungbook-Dong, Sungbook-Ku, Seoul, Korea – Do Ho Suh
Skin in the Game – Joan Semmel
The Sun – Ugo Rondinone
Tin Man of the Twenty-First Century – Coco Fusco
We Come In Peace – Huma Bhabha

Self-portrait as Clone of Jeanne d'Arc – Bonny Rogers

GEORGIOS KEFALAS

In der Halle 1 der Messe Basel herrscht Hochbetrieb. 75 Kunstwerke der Unlimited, teilweise monumentale Arbeiten, werden platziert und aufgebaut. Die Unlimited ist stets eine Mischung aus überwältigender Ausstellung und Markt, sind doch alle Werke verkäuflich – wenn auch nicht fürs normale Portemonnaie.

Wir dürfen bis zur VIP-Premiere am Montagabend nicht in die Halle, Kurator Gianni Jetzer kommt zu uns in den Messeturm. Der 50-jährige Schweizer mit Wohnsitz New York kuratiert zum letzten Mal den populärsten Teil der Kunstmesse.

Sie wirken entspannt. Alles im Griff?

Gianni Jetzer: Ja. Unerwartetes passiert meist erst auf dem Bauplatz. Das beste Beispiel war 2013 eine Installation mit Tausenden Fäden rund um einen verkohlten Flügel der Japanerin Chiharu Shiota. Die Fäden haben so viel Zug entwickelt, dass die Wände oben hineingezogen wurden. Das konnte niemand voraussehen.

Und in diesem Jahr?

Noch hat keine Arbeit das Gleichgewicht durcheinandergebracht. Aber eine sehr spezielle und heikle Arbeit ist ein schwarzes Wasserbassin des rumänisch-jüdischen Künstlers Belu-Simion Fainarus mit einer Bewässerungsanlage, aus der jede Minute ein Tropfen fällt. Es ist eine Gedenkarbeit für die jüdische Diaspora und den Holocaust – gleichzeitig thematisiert sie die Abhängigkeit Israels von Bewässerungsanlagen. Für mich ist wichtig, dass dies eine Arbeit der Stille wird. Es ist nicht schwierig, einen solchen Pool zu bauen, aber es muss sehr sorgfältig gemacht werden.

Diese Arbeit brachte die Unlimited ins Wanken und Kurator Gianni Jetzer (rechts) 2013 ins Schwitzen: «In Silence» von Chiharu Shiota.

Diese Arbeit brachte die Unlimited ins Wanken und Kurator Gianni Jetzer (rechts) 2013 ins Schwitzen: «In Silence» von Chiharu Shiota.

Keystone/Juri Junkov/Montage_LUK

Man spürt Ihren Enthusiasmus. Warum hören Sie als Kurator der Unlimited überhaupt auf?

Das müssen Sie Art-Basel-Direktor Marc Spiegler fragen. Aber dies ist mein achtes Jahr als Kurator der Unlimited, und es ist ganz natürlich, dass es auch einmal einen Wechsel gibt.

Aufzuhören war nicht Ihr Entscheid?

Ich habe den Croupier zwischen Markt und Kunst gern gespielt. Die Unlimited zu kuratieren ist wie ein grosses Spiel mit sozialem Rückgrat.

Die Vorschläge für die Werke machen die Galerien. Wie gross ist Ihr Einfluss?

Ich kann Bewerbungen provozieren. Belu-Simion Fainarus’ Wasserarbeit habe ich vor drei Jahren in Wien gesehen – ich habe sie vorgeschlagen, aber damals hiess es seitens der Galerie, das sei schwierig. Nun ist es doch möglich, sie zu zeigen.

Impressionen von der Unlimited 2018 an der Art Basel:

Willkommen an der Unlimited 2018.
15 Bilder
Art Unlimited: Bunt und hübsch und allenfalls ein bisschen politisch wie Nedko Solakov.
Lara Favaretto (Italien, Jg. 1978) hat zehn Würfel dem Schicksal überlassen.
Egg – Carol Bove
Neon Forms – Cerith Wyn Evans
Bothers on Ogygia – Paul Chan
Non-Orientable Nkansa II – Ibrahim Mahama
Old Man Yu Gong Is Still Moving away Mountains – Yu Hong
TLDR – Candice Breitz
Ivory Granite Line – Richard Long
Blue Skies – Katherine Bernhardt
Antoine's Organ – Rashid Johnson
Fleurs – Arman
Tiger, Tiger, Tiger – Ai Weiwei
Tumba Abierta III – Jose Yaque

Willkommen an der Unlimited 2018.

GEORGIOS KEFALAS

Das heisst, das Label Art Basel öffnet nicht gleich alle Türen?

Die Teilnahme an der Unlimited ist für die Galerien trotz allem ein grosses Commitment. Sie tragen das unternehmerische Risiko, übernehmen die Produktion, den Transport, laden den Künstler ein und zahlen zudem eine Teilnahmegebühr.

Der Kunstmarkt ist gerade bei mittelgrossen Galerien umkämpfter geworden. Ist es schwieriger, sie zu einer Teilnahme an der Unlimited zu motivieren?

Nein. Die Anzahl Bewerbungen ist ziemlich stabil.

Wer bestimmt, was gezeigt wird?

Ich stelle die Arbeiten dem Komitee vor, das sind sechs Galeristen. Sie diskutieren zwei Tage lang über jedes Projekt und stimmen dann ab. Dass so lange und so intensiv über Qualität von Kunstwerken diskutiert wird, ist sehr rar. Und man erwartet solche Auseinandersetzungen schon gar nicht im Umfeld einer Messe. Aber weil die Art Basel so viel in Qualität investiert, kann sie ihre Stellung behaupten.

Persönlich: Gianni Jetzer

Gianni Jetzer (50) wuchs in Zürich auf, wo er ein Studium in Kunst, Geschichte und Journalismus abschloss. Von 2001 bis 2006 war er Direktor der Kunsthalle St. Gallen, 2006 zog er nach New York, wo er als Direktor des Swiss Institute Contemporary Art arbeitete. Im Jahr 2014 wurde er zum Kurator des Hirshhorn Museum in Washington D. C. ernannt. Seit 2012 war er auch Kurator der Unlimited. Nach der diesjährigen Art Basel gibt er den Stab weiter – an wen, das soll nächste Woche bekannt werden.

Qualität ist also ein Auswahlkriterium. Gibt es andere? Soll die Unlimited die heutige Kunst spiegeln?

Die Unlimited ist ein Mittler zwischen Kunst und Kommerz. Die Messe bringt das Know-how für die Vermarktung, sie garantiert die Qualitätshürden, bringt die weltweit wichtigen Kunden und Sammler. Die Galerien bringen die Künstler, etablierte und – ganz wichtig – immer wieder neue. Der Markt braucht immer wieder neue Figuren, neue Geschichten, sonst versiegt die Vitalität. Die Marktinnovation ist einer der Motoren für die Unlimited und den ganzen Kunstbetrieb. Die Museen institutionalisieren später diese Werke und Künstler – und werten sie auf. Wobei es Künstler gibt, die nur im Markt präsent sind und die Weihe der Museen nicht bekommen.

Zum Beispiel?

Bei KAWS scheiden sich die Geister. Er macht die riesigen Disney-Figuren mit den durchkreuzten Augen. Zu wenig Inhalt, sagen viele.

Die besten Bilder von der Art Basel 2018:

Bundesrat Alain Berset betrachtet das namenlose Werk des Schweizer Künstlers Olivier Mosset.
23 Bilder
Berset vertieft in das Werk TLDR von Candice Breitz.
Als gehörten sie zum Kunstwerk: Art-Basel-Direktor Marc Spiegler und Bundesrat Alain Berset bei Barbara Blooms The Tip of the Iceberg.
Das Werk von He Xiangyu scheint Berset zu faszinieren.
Hält den Besuchern den Spiegel vor: Anish Kapoor.
Jesus True Blood von Danny McDonald
Red Rack of those Ravaged and Unconsenting – Doreen Garner
Die Hundehütten von Inge Mahn
Joan Mitchells Composition
Die Argentinierin Rirkrit Tiravanija mit einer klaren Message: «Freiheit kann man nicht simulieren»
David Shrigley ist sich unsicher.
The Townley Venus (links) und Farnese Hercules (rechts) von Yinka Shonibare
Die Katze von Stephan Balkenhol
A Winning Combination findet Amerikaner Robert Colecott
Titty Bunny von Sarah Lucas   
Otafuku No. 0, Moon-faced Woman No. 0 – Yoshitomo Nara
Ein Besucher berührt das namenlose Werk von Khalil Rabah
Personnage Oiseaus von Joan Miro
Art Basel 2018
Vor die Tapete von Cindy Sherman werden Werke von Francis Picabia gehängt.   
Galerie-Besitzer Massimo Minini posiert neben dem Werk Man leaning against the wall von John De Andrea
Your Way – Jeppe Hein
Ernesto Netos Um chapeu que nos acolhe

Bundesrat Alain Berset betrachtet das namenlose Werk des Schweizer Künstlers Olivier Mosset.

PETER KLAUNZER

Dafür balgen sich im Moment die Massen weltweit um seine T-Shirts.

Die sind gut vermarktet! Aber KAWS wird nie eine Einzelausstellung im Kunstmuseum Basel haben.

Und an der Unlimited war er auch nie!

Stimmt, ja (lacht). Die Unlimited muss eben auch seriös sein. Aber sie darf experimentell sein, neues Terrain erschliessen. Ich freue mich deshalb auf die Arbeit des Kosovo-Albaners Sislej Xhafa, der schon oft Kontroversen ausgelöst hat. Seinen Vorschlag letztes Jahr konnten wir nicht umsetzen. Er wollte eine Kuhherde aus dem Kosovo herbringen. Das waren Nachkommen von Schweizer Kühen, mit denen die Schweiz Kosovo nach dem Jugoslawienkrieg unterstützt hatte. Ich hatte zu grosse Bedenken, sie auszustellen.

Warum?

Die Tiere hätten Tag und Nacht in der Messe gelebt. Das hätte Proteste von Tierschützern geben können. Die Arbeit wäre zudem wohl zu stark auf die Schweiz bezogen gewesen. Die meisten Unlimited-Besucher sind international.

Welche Arbeit von Xhafa zeigen Sie in diesem Jahr?

Ein riesiges Metalltor mit einem Guckloch. Schaut man durch, sieht man einen zerfurchten Mann, einen Eierverkäufer aus Havanna. Das Ei steht für Leben, aber auch für ein Nahrungsmittel. Es ist Symbol für Fragilität. So fragil das Ei ist, so fragil sind die Künstler. Eine sehr subtile, sehr schöne Arbeit.

Sie haben für die Art Basel kuratiert, leben und arbeiten aber in New York. Ein Vorteil?

Ja, die meisten Galerien an der Art Basel kommen aus New York, es ist die Topstadt für Galerien. Ich sehe entsprechend viele Ausstellungen – und muss nicht dafür fliegen, sondern fahre hauptsächlich Velo. Auch in Manhattan.

Hat der Job als Unlimited-Kurator Ihre Karriere befördert?

Ich denke, das wird immer kontrovers diskutiert. Es ist eine wichtige Position, aber man ist nur ein Rad in der Mechanik. Ich bin kein Königsmacher. Zudem: Wer die Utopie der kommerzfreien Zone aufrechterhalten will, sagt, eine Messe sei nicht richtiges Kuratieren.

Und was sagen die Künstler?

Künstler lieben die Unlimited, weil man ihnen die Architektur für ihr Kunstwerk baut. Sie können wählen, ob ihr Stand keine Tür hat, sechs Türen, eine Leiter. Ein Museum ist immer schon gebaut, dort muss für jede Wand ein Budget erstellt werden.

Wie viele Künstler zeigen Sie in diesem Jahr?

Die Halle hat die Grösse von zwei Fussballfeldern. Auf dieser Fläche wollte ich immer möglichst viel zeigen, in diesem Jahr sind es 75. Auf der Hauptmesse bewegt man sich im Korridorsystem. Für die Unlimited wünschte ich mir eine andere Situation: Plätze.

Sie haben einige Kunstwerke erwähnt, die politisch konnotiert sind. Ist die Kunst politischer geworden?

Politische Kunst gab es ja immer schon. Aber ich glaube, dass sie im Markt eine stärkere Plattform erhalten hat.

Das heisst, politische Kunst lässt sich wieder besser verkaufen?

Sie ist dringender geworden. Und es gibt mehr Künstler, die mit politischen Themen arbeiten. Das war mir auch immer ein Anliegen, die Gegenwart zu reflektieren. Immigration, Fluktuation der Geschlechteridentitäten, Rassismus. Wir haben in diesem Jahr auch zwei Arbeiten zu #MeToo.

Welche?

Die in Holland lebende Alicia Framis hat eine Kollektion mit Airbags geschaffen. Kleider können sich innert Sekunden aufplustern, um Frauen am Arbeitsplatz zu schützen. Ein wunderbares, poetisches Kunstwerk, das in der Realität verankert ist. Und die amerikanische Künstlerin Andrea Bowers zeigt ein Archiv, mit bisher 350 Fällen des #MeToo-Movements. Das Einblenden der politischen Realität in diesem Marktplatz ist mir extrem wichtig, Kunst darf nie Ware sein, mir geht es nicht um das Preisschild, sondern um den Mehrwert dahinter.

Unlimited Messe Basel, Do, 13. Juni, bis So, 16 Juni, 11 bis 19 Uhr.