KUNST: Auf Augenhöhe mit der Moderne

Eine wunderbare Ausstellung im Kunstmuseum St. Gallen bringt Ferdinand Gehrs Schaffen in den Dialog mit Werken von Hans Arp und Henri Matisse und verortet Gehr erstmals in der internationalen Avantgarde.

Christina Genova
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Hans Arps Skulptur Croissance, eine Leihgabe des Kunstmuseums Appenzell, im Dialog mit Landschaften Ferdinand Gehrs. (Bild: Urs Bucher)

Hans Arps Skulptur Croissance, eine Leihgabe des Kunstmuseums Appenzell, im Dialog mit Landschaften Ferdinand Gehrs. (Bild: Urs Bucher)

Christina Genova

christina.genova@tagblatt.ch

Es gibt eine schöne Anekdote über die erste Begegnung zwischen Hans Arp und Ferdinand Gehr. Arp und seine Frau Marguerite Hagenbach essen im Restaurant Frauenhof in Altstätten zu Mittag, wohl 1949. Dort entdeckt Arp Ferdinand Gehrs Handdruck «Geranien». «Ich werde Altstätten nicht verlassen, bevor ich den Künstler nicht kennen gelernt habe», soll Arp gesagt haben. Noch am selben Tag besucht Arp Gehr in seinem Alt­stätter Atelier. Es ist der Beginn einer späten Freundschaft.

Verfolgt hat Gehr Arps Schaffen schon seit den 1930er-Jahren: «Er ist eigentlich immer neben mir gewesen. Er hat mir geholfen, dass ich zu meinem eigenen Stil kam», sagte Gehr über Arp. Was die beiden Künstler miteinander verbindet, zeigt die Ausstellung «Arp Gehr Matisse» im Kunstmuseum St. Gallen. Mit Henri Matisse wird ein weiterer zentraler Künstler der klassischen Moderne, der für Gehr bedeutsam war, in den Dialog mit einbezogen, der nur dank hochkarätiger Leihgaben möglich war.

Sophie Taeuber-Arp als Überraschungsgast

«Matisse strahlt immer noch in meine Tage hinein», sagte Gehr über den Künstler, den er zwar nie persönlich getroffen hat, dessen Nähe zum Spätwerk von Matisse, besonders den «papiers coupés» offensichtlich ist. Die grossartige Grafikmappe «Jazz», die in der Ausstellung zu sehen ist, befand sich als Reproduktion in der Bibliothek Gehrs. Leuchtende, geometrische Farbflächen findet man sowohl bei Matisse als auch bei Gehr, wobei Letzterer die Formen radikaler abstrahiert. Beide waren ausserdem überzeugt davon, dass etwas Göttliches sie bei ihrer Arbeit lenke. «Die Formensprache verbindet Gehr mit Arp, die strahlenden Farben mit Matisse», sagt Kurator Roland Wäspe.

Zwar hatte Felix A. Baumann, der ehemalige Direktor des Kunsthauses Zürich, schon 2001 in einem Katalogbeitrag zur letzten grossen Gehr-Ausstellung im Kunstmuseum St. Gallen den Künstler in der internationalen Avantgarde verortet. Doch erstmals geschieht dies nun auch in Form einer Ausstellung. Sie erlaubt es, Gehrs Schaffen mit neuen Augen zu sehen, und verbannt dessen einseitige Wahrnehmung als Blumen- und Kirchenmaler endgültig in die Mottenkiste. «Gehr befindet sich mit Matisse und Arp sich auf Augenhöhe», sagt Roland Wäspe.

Gehrs Beitrag zur Erneuerung der sakralen Kunst ist un­bestritten, in diesem Bereich gilt er als wichtigster Künstler der Schweiz im 20. Jahrhundert. Auch für Hans Arp waren Kunst-am-Bau-Projekte von grosser Bedeutung. Ein grossartiges Beispiel dafür, wie sich die Architektur Hermann Baurs, der Taufstein Arps und die Fresken Gehrs zu einem Gesamtkunstwerk verbinden, ist der Taufraum der Kirche Allerheiligen in Basel von 1953.

In den 1970er-Jahren wandte Gehr sich am konsequentesten der Abstraktion zu, entsprechend ist die Nähe zu Arps organischen Formen in jener Zeit am grössten. Sehr schön ersichtlich ist dies im ersten Raum, in welchem ein Blatt aus dem Zyklus«Le soleil recerclé» von Arp (1966) Gehrs Holzschnitt «Mensch, von Gott eingeholt» von 1971 gegenübergestellt wird. Auch inhaltlich besteht eine Verwandtschaft: Beide Künstler binden den Menschen in den Kreislauf der Natur, in kosmologische und religiöse Kontexte ein. Als kleine Überraschung sind ausserdem zwei Werke von Sophie Taeuber-Arp, der ersten Frau Hans Arps, zu entdecken, deren formale Nähe zu Arbeiten Gehrs verblüffend ist.

Bis 27. 8.