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KUNST AM BAU: Nougat aus kondensierter Zeit

Die Performancekünstlerin Katja Schenker baut für die neue Fachhochschule Nordwestschweiz einen elf Meter hohen Monolithen aus Beton, Stein, Metall und Holz. Ein Besuch auf der Baustelle.
Christina Genova
Auf dem Gerüst: Katja Schenker komponiert die Bestandteile des «Nougat». (Bild: Claudia Bach)

Auf dem Gerüst: Katja Schenker komponiert die Bestandteile des «Nougat». (Bild: Claudia Bach)

Christina Genova

christina.genova@tagblatt.ch

Kunst ist etwas, was viel Geld kostet und niemand braucht. Das dachten wohl die meisten Bauarbeiter, als Katja Schenker und ihr Team auf der Baustelle der neuen Fachhochschule Nordwestschweiz in Muttenz Anfang Februar die Arbeit aufnahmen. Gerüchte kursierten, die Künstlerin bekomme zehn Prozent der Bausumme als Honorar. In Wahrheit erhält Katja Schenker für die Realisierung 400000 Franken. Dafür musste sie sich mit ihrem Projekt «Nougat (Wie tief ist die Zeit?» in einem zweistufigen Wettbewerb gegen zwölf Mitbewerber durchsetzen. Das war vor zweieinhalb Jahren. Einen Prototypen von «Nougat» hat Katja Schenker schon 2009 dank eines Atelierstipendiums des Sitterwerks St. Gallen realisiert. Der Quader war lediglich 60 Zentimeter hoch und zwei Meter lang und während des damaligen «Heimspiels» vor dem Kunstmuseum St. Gallen zu sehen.

Frostig war nicht nur das Klima, das der Künstlerin und ihrem Kunst-am-Bau-Projekt auf der Baustelle entgegenschlug, sondern auch die Temperaturen waren eisig. Nicht einfacher machte die Sache, dass Katja Schenker anfangs als einzige Frau unter 900 Männern arbeitete. Die Situation spitzte sich zu, als eines Nachts eine halbe Tonne Tuff­gestein gestohlen wurde.

Eine Todsünde auf dem Bau

Katja Schenker hatte genug: Sie verlangte vom Kanton Baselland, ihrem Auftraggeber, ein abschliessbares Materiallager und eine Heizung. An eine Wand hängte sie ein grosses Poster mit einer Visualisierung ihrer elf Meter hohen Stele, die sie in den kommenden zwei Monaten bauen wollte. Respekt keimte auf, als die Bauleute realisierten, was Katja Schenker vorhatte: Steine, Holz und Metall – mineralische, organische und metallurgische Rohstoffe – wollte sie in Beton eingiessen: «Materialien, in denen der bewegte Lauf der Zeit bereits kondensiert und zur Ruhe gekommen ist», wie die Künstlerin schreibt.

Die Experten staunten: Holz in Beton einzugiessen, ist unter Fachleuten eine Todsünde wegen der unabwägbaren Auswirkungen auf die Stabilität des Bauwerks. Sie wurden neugierig und begannen, Fragen zu stellen. Der Respekt wuchs: Bei den Bauarbeitern, weil sie sahen, dass Katja Schenker überall mit anpackte, schwere Steine schleppte und gar auf die Baustelle in einen Container zog. Nur übers Wochenende kehrte die St. Gallerin, die schon lange in Zürich lebt, kurz in ihre Wohnung zurück. Respekt verspürte aber auch Katja Schenker für die schwere körperliche Arbeit der Männer auf dem Bau: «Ich verstehe jetzt, weshalb die Gewerkschaften das Pensionsalter 50 fordern.»

Auf der Suche nach Materialien für ihre Stele ist Katja Schenker während zweier Jahre kreuz und quer durch die Schweiz gefahren. Sie war in Steinbrüchen, Bergwerken, Kiesgruben und an Flüssen und suchte dort eigenhändig jene Steine aus, die sie für ihr Kunst-am-Bau-Projekt verwenden wollte: Verrucano, ein blutroter Tonschiefer aus Mels, oder hellen, schneeballrunden Gneis aus dem Flussbett der Maira im Bergell. Katja Schenkers Lieblingssteine stammen vom Marmorera-Stausee, hoch oben beim Julierpass. Es ist Grünschiefer, der Farbnuancen von hellgrün über dunkelgrün bis schwarz besitzt. Mehrere Tonnen Steine sind schliesslich zusammengekommen. Auch ein paar «Fremdlinge» sind dabei: Marmor aus Carrara, Kohle oder Lavasteine.

Auch Metalle trug Katja Schenker von überallher herbei: Mit der Draisine fuhr sie 400 Meter in den Gonzenstollen bei Sargans und brachte von dort Eisenerz mit: «Es war dunkel wie in einer Kuh», erzählt die Künstlerin. Bronze, Kupfer und Messing bekam sie von der Kunstgiesserei St. Gallen.

Der grösste Teil der verwendeten Hölzer stammt aus St. Gallen und Appenzell Ausserrhoden. Katja Schenkers Vater, der in Herisau lebt, unterstützte sie bei der Suche nach speziellem Holz tatkräftig. Dank eines Kontakts zum Gärtner des St. Galler Friedhofs Feldli bekam die Künstlerin den Ast eines Mammutbaums, der vorletzten Winter abgebrochen war. Nur gut gelagertes Holz ist geeignet: Frisches schwindet zu sehr. Der Kern des Mammutbaums ist orange. Die Eibe ist im Innern ebenfalls orange und besitzt im Querschnitt eine Blumenform. Das Holz des Essigbaums ist hingegen knorrig und in sich verdreht.

Prekär und stabil zugleich

Jeden Tag wuchs die Stele um rund 60 Zentimeter. Am Vormittag stellte Katja Schenker jeweils eine «Collage» aus den Fundstücken der letzten zwei Jahre zusammen: «Es ist eine Mischung aus Komposition, intuitivem Arbeiten und Zufall», sagt die Künstlerin. Am Nachmittag floss der Beton darüber. Jeden Morgen stand Katja Schenker wie vor einem weissen Blatt: «Ich sah nicht, was ich am Tag zuvor gemacht hatte.»

Der Monolith im über fünfzig Meter hohen Lichthof der Fachhochschule ist mittlerweile beinahe fertig. Ende April hat die Künstlerin die letzten Steine, Hölzer und Metalle ausgesucht und mit einem Kran am Gerüst hochgezogen. Entstanden ist ein in sich stabiler Körper, in welchem sich die unterschiedlichen Materialien gegenseitig stützen, der aber dennoch etwas Prekäres an sich hat. Die heikelste und letzte Produktionsphase hat vor wenigen Tagen begonnen. Mit einer Diamantseilsäge wird das eingegossene Material auf jeder der vier Seiten der Stele im Längsschnitt freigelegt, das heisst rundherum werden je 17 Zentimeter abgetrennt. Am Ende wird die Skulptur rund zwei auf zwei Meter messen und über hundert Tonnen wiegen. Bis zur Eröffnung der Fachhochschule im Herbst 2018 wird sie gut eingepackt auf ihren grossen Auftritt warten. Danach werden täglich Tausende Menschen am «Nougatstängel» vorbeigehen.

Für die Performancekünstlerin Katja Schenker ist der Entstehungsprozess ihrer Skulpturen essenziell. Das Sammeln der Materialien, die Arbeit, die es brauchte, um die Stele zu bauen, all dies versteht sie als Teil einer Performance: «Auf diese Weise verwandle ich Zeit in Substanz.»

www.katjaschenker.ch

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