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Kunst als Wunderkammer: «Hier ist noch irgendwo ein Krebs»

Die Installationen des Thurgauer Künstlers Pablo Walser wirken zunächst wie ein wirres Sammelsurium. Für ihn sind sie eine Wunderkammer voller Leben. Kürzlich hat er den Adolf-Dietrich-Förderpreis erhalten.
Julia Nehmiz
Pablo Walser räumt im Zeughaus Teufen sein Aquarium aus – seine «Wunderkammer» mit lebendem Krebs. (Bild: Adriana Ortiz Cardozo)

Pablo Walser räumt im Zeughaus Teufen sein Aquarium aus – seine «Wunderkammer» mit lebendem Krebs. (Bild: Adriana Ortiz Cardozo)

Sachte wehen die Algen im Wasserstrom. Durch einen Schlauch wird Wasser ins kleine Aquarium gewirbelt. Pablo Walser klopft gegen das Glas. «Hier ist irgendwo noch ein Krebs.» Ob er überlebt hat? Hat er, unter einem Stein buddelt er sich aus dem Sand. Das Kunstwerk lebt, hat sich im Laufe der letzten sieben Monate verändert. Die Algen haben gewuchert.

Die Installation, die nebst Aquarium noch aus Terrarium, unzähligen Steinen und allerlei Fundstücken besteht, sieht anders aus als noch zur Vernissage, sagt Pablo Walser. Leute haben Sachen angefasst, umgestellt, kleine Steine mitgenommen. Er versteht seine Kunst als Einladung zur Berührung. «Das hat geklappt», sagt Walser.

Den richtigen Riecher

Pablo Walser baut gerade seine Ausstellung im Zeughaus Teufen ab. Der junge Künstler hat die Installationen gemeinsam mit dem Künstlerfreund Hans Winkler im Zeughaus Teufen kreiert.

Kurator Ueli Vogt hatte den richtigen Riecher, als er Walser mit der Ausstellung beauftragte. Denn Pablo Walser wurde jüngst mit dem Adolf-Dietrich-Förderpreis der Thurgauischen Kunstgesellschaft ausgezeichnet. Walser freut sich sehr über den Preis.

Da sind die 15000 Franken. Walser wird sie in ein Projekthaus in Spanien investieren, mit Künstlerfreunden will er im kleinen katalanischen Dorf Les Escaules einen Ort zum Arbeiten und Ferienmachen erschaffen.

Doch der Preis ist mehr als das Geld: Er sei auch Anerkennung, Bestätigung seiner Arbeit, sagt Walser.

In Dresden lebt er in einer 17-Personen-Haus-WG

Seit 2014, nach Abschluss des Studiums an der Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe, arbeitet er als freier Künstler. Er zog nach Dresden, dort lebt und arbeitet er, wie auch in Kreuzlingen. Der 29-Jährige ist in Lörrach geboren, im Thurgau aufgewachsen, Bürgerort ist das ausserrhodische Teufen.

Das letzte Vierteljahr war Walser in Elternzeit, Söhnchen Jaro ist vier Monate alt. Walser bereiste mit seiner kleinen Familie Spanien und Istanbul. Und arbeitete dabei.

«Unterwegs erlebe ich intensive Arbeitsmomente.»

Und auch daheim in Dresden in der 17-Personen-Haus-WG arbeitet er am liebsten, wenn Kinder um ihn lärmen, wenn Gewusel herrscht. Dann könne er sich am besten konzentrieren.

Warum Künstler? «Kunst schien mir das Vernünftigste zu sein», sagt er. Ihm war schon als Schüler klar, dass er Kunst machen will. «Kunst hat eine grosse gesellschaftliche Relevanz», sagt er. Und es war in der Schule das einzige Fach, in welchem selbstständiges Denken gefragt gewesen sei.

Darum sei es auch im Studium gegangen: sich Dinge selber erarbeiten. «Da lernt man Freiheit», sagt Walser. «Ich mache Dinge, nicht weil der Arbeitgeber sie will, sondern weil ich sie will.»

In seiner Kunst versuche er Dinge zu erzählen, die man nicht mit Sprache erzählen kann. In seinen Filmen geht es ihm um Stimmungen. Auf seinem Kanal «news fatale» malt er Nachrichten.

Sowieso stellt er seine Arbeiten alle online, gratis. Er habe bewusst diesen Weg abseits der Galerien und des Kunstbetriebs gewählt, sagt er. Ein Kunstwerk hat er noch nie verkauft. Das sei auch gar nicht sein Ziel.

«Ich sehe nicht ein, für eine Elite Kunst zu machen.»

Er bringt seine Kunst über seine Homepage zum Publikum. Im Schnitt besuchen fünf Betrachter seine Homepage am Tag. «Fürs Internet wenig, für Kunst viel.» Er sagt «Kunschd», und es klingt wie eine Mischung aus Badensisch und Ironie auf den Kunstbetrieb.

«Die ganze Zivilisation in einem Reagenzglas»

Geld verdient er als Nachtwärter in einem Dresdner Übergangswohnheim für ehemalige Strafgefangene. Er muss schauen, dass die Bewohner (die meisten sind männlich) die Hausordnung einhalten, er muss Verstösse melden und, wenn etwas eskaliert, auch mal die Polizei rufen.

Zwei Nächte pro Woche arbeitet er dort, von den rund 800 Euro pro Monat könne er gut leben, sagt er. Klar nehme ihm der Brotjob die Zeit, um sich auf Kunst zu konzentrieren. Doch die Tätigkeit an sich sei sinnvoll.

Im Zeughaus Teufen geht es seinen Installationen an den Kragen. Künstlerkollege Hans Winkler buddelt Pflanzen aus einem Terrarium, es riecht nach feuchter Erde und Moder. Pablo Walser kümmert sich um die Ameisenkönigin. «Die ganze Zivilisation in einem Reagenzglas.»

Er hat sie in einem anderen Terrarium angesiedelt, doch ihr und ihrem Ameisenvolk war es dort zu feucht. Walser will sie mit nach Hause nehmen, wie auch das Aquarium mitsamt Algen und Krebs.

Wunderkammer, so bezeichnet der junge Künstler seine Installationen. Auf den ersten Blick wirken sie wie ein wirres Sammelsurium. Walser entwirft überbordende Werke, Kitsch neben Natur, kombiniert Fundstücke aus dem Schrottladen neben Fundstücken vom Strand.

«Das sind ja Sachen, die gar nicht mehr gesehen werden, aber für mich Wunder sind.»

Er nimmt den Plastikfisch mit Angelhaken in der Plastikverpackung in die Hand. «Es ist doch interessant, dass das jemand zu einem Zweck hergestellt hat.» Er wundert sich, was man alles so einfach bekommen kann. Diese Fähigkeit, sich zu wundern, die will er mit seiner Kunst wecken.

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