KULTURPROZENT: «Jeder kann Kultur mitgestalten»

Bereits 83 Personen haben ein Prozent ihres Erbes der Schweizer Stiftung Erbprozent Kultur vermacht. Das Ziel sei erreicht, wenn jeder ein Erbversprechen abgibt, sagt Geschäftsführerin Esther Widmer.

Nina Rudnicki
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Esther Widmer: «Wir haben ein Versprechen eingelöst.» (Bild: Benjamin Manser (St. Gallen, 2. Mai 2017))

Esther Widmer: «Wir haben ein Versprechen eingelöst.» (Bild: Benjamin Manser (St. Gallen, 2. Mai 2017))

Nina Rudnicki

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@tagblatt.ch

Esther Widmer, nur zwei Jahre nach der Gründung kann die Stiftung Erbprozent Kultur bereits 120000 Franken Fördergelder vergeben. Was bedeutet das für Sie?

Wir haben damit ein wichtiges Versprechen eingelöst. Es war unser Ziel, innerhalb dieser Zeit erstmals Kulturschaffende unterstützen zu können. Jetzt sieht die Öffentlichkeit, wie wir fördern und wie wir funktionieren. Zudem haben wir wichtige Botschafterinnen und Botschafter gewonnen wie alt Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf, die Clownin Gardi Hutter und den Komiker Viktor Giacobbo.

Bei Erbprozent kann jeder ein Prozent seines Vermögens der Kultur vermachen. Wieso braucht es so eine Stiftung?

Es gibt viele private Stiftungen, denen der Tod einer wohlhabenden Person vorausgeht. Bei Erbprozent Kultur trägt hingegen die Zivilgesellschaft die Stiftung. Dadurch kann jeder Einzelne Kultur mitgestalten. Da wir einen sehr offenen Stiftungszweck haben, können wir schnell auf Entwicklungen reagieren und uns neuen Bedürfnissen anpassen.

Dieses Konzept hat 83 Personen überzeugt. Wie stark können diese ihre Wünsche in die Stiftung einbringen?

Wir organisieren zweimal pro Jahr ein Forum. Daran können alle Erbversprechenden teilnehmen. So sind auch die Grundsätze entstanden, wie die Stiftung fördern will. Es wurden fünf Fördergefässe festgelegt. Bereits bespielt werden die Gefässe «Raum und Zeit», «Wahlverwandtschaften» und «Wertschätzung». Die Gefässe «Vertrauen» und «Publikum» sind in Entwicklung.

Wer profitiert von welchem Gefäss?

Im Bereich «Wahlverwandtschaften» vergeben wir in diesem Jahr 20000 Franken an sechs Kulturschaffende aus verschiedenen Bereichen. Jeder bekommt einen Betrag, mit dem er sich von seinem Wunsch-Gegenüber unterstützen lassen kann. 60000 Franken werden an zwei Theater-, Tanz- oder Musikgruppen vergeben, die durch diese Förderung «Raum und Zeit» zum Innehalten, Recherchieren oder Experimentieren nutzen können.

Mit 40000 Franken erhält der Tonverein Bad Bonn aus Düdingen den grössten Beitrag. Welche Eigenschaften zeichnen ihn für das Fördergefäss «Wertschätzung» aus?

Damit werden Perlen wert­geschätzt, die Jahrzehnte lang herausragende Arbeit geleistet haben. Das alljährliche Festival «Bad Bonn Kilbi» hat internationale Ausstrahlung erlangt und Düdingen für Musikliebhaber auf die Landkarte gesetzt. Der Beitrag von Erbprozent Kultur ist eine «Wertschätzung» für den Jahresbetrieb.

Kunstschaffende können sich bei Erbprozent nicht selbst bewerben. Wieso diese Regel?

Bei einer Ausschreibung gehen zahlreiche Gesuche ein. Das brauchte einen riesigen administrativen Apparat. Zudem wollen wir verhindern, dass die Kulturschaffenden ihre Projekte so verändern, dass sie zur Ausschreibung passen. Die Scouts sind Spezialisten, die Kulturschaffende aus der ganzen Schweiz nominieren. Bei «Raum und Zeit» entscheidet anschliessend das Los, wer die Förderung erhält. Bei «Wahlverwandtschaften» ist es eine Fachjury und bei «Wertschätzung» der Stiftungsrat.

Morgen werden die Fördergelder erstmals vergeben. Wie geht es danach mit Erbprozent Kultur weiter?

Der Grundstein ist gelegt. Die erste Vergabe zeigt auf, was Erbprozent Kultur bewegen kann. Jetzt braucht die Stiftung viele beherzte Menschen, die mit einem Erbversprechen Kultur mitgestalten und fördern. Wir setzen auf den Schneeballeffekt und auf Netzwerkmarketing.

Wann ist das Ziel von Erb­prozent erreicht?

Es soll selbstverständlich sein, sich für Kultur in ihrer ganzen Breite einzusetzen. Das ist wichtig für die Entwicklung einer Gesellschaft. Kultur öffnet den Blick, macht kritikfähig und fördert die Auseinandersetzung. Unser Ziel ist erreicht, wenn jeder ein Prozent seines Erbes der Kultur vermacht.