Kulturpreis für Jodel-Bestseller

Dass ein Jodelliedkomponist den Thurgauer Kulturpreis bekommt, hat es noch nie gegeben. Mit dem 76jährigen Mathias Zogg erhält ihn nun einer der erfolgreichsten und beliebtesten Komponisten, Dirigenten, Kursleiter und Juroren.

Hansruedi Kugler
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ST. PELAGIBERG. Mit «Kamerade» führt Mathias Zogg die ewige Bestenliste der beliebtesten Schweizer Jodellieder an: Zwölf Jahre hintereinander war es das meistgesungene Jodellied der Schweiz. Die Noten sind in der 41. Auflage in Zoggs Eigenverlag erhältlich. «Ein melodiös sehr schönes, abwechslungsreiches und trotzdem relativ leicht zu singendes mehrstimmiges Jodellied ohne komplizierte Harmonik», charakterisiert Monika Krapf, Kursleiterin beim Jodlerverband, den Bestseller von Mathias Zogg. Sie wird bei der Kulturpreisvergabe am kommenden Mittwoch in Bischofszell die Laudatio halten.

Mathias Zogg habe sich über Jahrzehnte hinweg mit ungeheurem Einsatz für die traditionelle Jodelmusik eingesetzt. Dass nun ein Jodelliedkomponist den Thurgauer Kulturpreis bekommt, freue sie enorm. Zogg sei ein einfacher und bescheidener Mensch, sagt Monika Krapf.

Aufnahmen mit Kassetten

Ein Besuch beim Jodelliedkomponisten in St. Pelagiberg bestätigt den Eindruck. Wo man hinschaut: Ehrenzinnbecher für lückenlose Teilnahme an Chorproben, Erinnerungsmedaillen an Jodelfeste, Holztafeln mit Notenblättern eigener Kompositionen, sogar eine Vitrine mit geschnitzten Toggenburger Sennen steht im Wohnzimmer. Seit 2008 ist er Ehrenveteran beim Eidgenössischen Jodlerverband.

Mathias Zogg komponiert auf der elektronischen Orgel, und im Keller hat er sich einen Musikraum eingerichtet, wo er seine neuen Kompositionen mit einem uralten Kassettenrekorder aufnimmt: «Leider kriegt man nirgends mehr diese Kassetten», sagt er. Zum Glück ist der Schwiegersohn Computerspezialist.

Einfachheit sei ihm wichtig, sagt er selbst: «Ich möchte, dass meine Lieder von allen gesungen werden können.» Einfach ist auch die textliche Botschaft seines Lied-Bestsellers: Ein Loblied auf Kameradschaft, die über schwere Zeiten hilft. Kameradschaft, Liebe zur Natur, Dankbarkeit, Lebensfreude und Treue – das sind die Werte, von denen Mathias Zoggs Lieder handeln.

Der Ärger des Traditionalisten

Mathias Zogg zählt zu den Traditionalisten in der Jodlerszene. Erbauliche Texte, melodiöse Lieder, traditioneller Gesang: Das mag er. Dass unterdessen fast jeder Dirigent meine, er müsse selbst komponieren, findet er allerdings schade: «Das traditionelle Liedgut droht zu verschwinden.» Und aufregen kann sich der sonst bescheidene Mann gewaltig, wenn er Liedtexte von Mundart-Popsängern hört: Wenn da einer singe, er stehe füdliblutt auf dem Balkon oder «meine Freundin hat keinen Reis, aber Nagellack im Kühlschrank», ja dann sei das doch «än fertige Seich». Als Traditionalist fühlt er sich absolut geborgen im strengen und engen Jodelverständnis des Jodlerverbands. Dass der Verband die Jodel-Avantgardistin Christine Lauterburg ausgeschlossen hat, findet er immer noch richtig.

Lebenslange Treue

Entstanden ist sein Bestseller-Lied «Kamerade» 1976. Da war Mathias Zogg schon seit 18 Jahren nicht nur ein äusserst aktiver Jodler, sondern ab 1970 auch Dirigent, später zeitweise gleichzeitig bei vier Chören. Er war Kursleiter und von 1982 bis 2008 Juror beim Eidgenössischen und beim Nordostschweizer Jodlerverband. Ein solch unwahrscheinlich grosses Engagement sei nur möglich gewesen, weil ihm seine Frau Heidi den Rücken frei gehalten und sich um alles gekümmert habe, sagt er. Denn Mathias Zogg hat nicht vom Jodeln gelebt: «Das wäre gar nicht möglich gewesen.» Er arbeitete das ganze Berufsleben lang als Spengler und installierte Klimaanlagen. Diese jahrzehntelange Treue gibt er selbst nun zurück. Seit seine Frau nach einer Hirnblutung vor zweieinhalb Jahren teilweise gelähmt ist, schmeisst er den ganzen Haushalt und kümmert sich rund um die Uhr um sie. Treue sei nicht nur ein Schlagwort in seinen Jodelliedern, sagt er: «Man hat ja schliesslich einmal Ja gesagt zueinander.» 48 Jahre sind sie schon verheiratet, kennengelernt haben sie sich 1965 in Basel.

Schon als Bub gejodelt

Gejodelt hat Mathias Zogg schon als kleiner Bub: beim Viehhüten und in der Bauernstube. Im bündnerischen Tamins ist er aufgewachsen. Sein Vater war Maurer und Nebenerwerb-Landwirt, er sang mit den Kindern und spielte zu Hause Maulorgel. Als Mathias 19 Jahre alt war, zog die Familie ins appenzellische Walzenhausen. Dort nahm ihn sein älterer Bruder mit in den Jodelklub «Echo vom Kurzenberg». Und von da an ging Zogg Schritt um Schritt beharrlich seinen Weg: Im Selbststudium, unzähligen Kursen und dank der Förderung von sehr guten Dirigenten und Jodellehrern war er bald erster Jodler, wurde Dirigent und komponierte ab 1968 eigene Lieder. Unterdessen sind es über hundert Lieder. Das jüngste liegt gedruckt auf dem Notenständer der Orgel: «E fröhlichs Fäscht». Gewidmet hat Mathias Zogg das Lied den Organisatoren des Nordostschweizer Jodlerfestes 2016 in Gossau. Teilnehmen wird er selbstverständlich selbst auch: Schliesslich gilt es eine Tradition weiterzuführen. In seiner aktiven Laufbahn hat er kein Nordostschweizer und kein Eidgenössisches verpasst. Und wie es sich bei Jodlern gehört, zwischen den beiden Festtagen wird auch kaum geschlafen: «Ich war immer einer der grössten Höckler», sagt er lachend. Und man spürt, dass das Jodeln mehr ist als bloss ein Hobby. Sichtbares Zeichen: Sein Ohrstecker ist ein goldener Violinschlüssel – ein Geschenk seiner Tochter.

Mi, 4.10., 20 Uhr, Bitzihalle Bischofszell: öffentliche Verleihung des Kulturpreises