Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

KULTURPOLITIK: Brahms vor dem Einschlafen

Schluss mit Elitekunst, Starrummel und Wohlfühlklassik: In seiner Streitschrift «Klassikkampf» fordert der Konzertagent Berthold Seliger eine neue, zum Denken anregende E-Kultur und mehr Investitionen in kulturelle Bildung.
Bettina Kugler
Klassik als Wellnessveranstaltung? – Aufführung in der Elbphilharmonie in Hamburg. (Bild: Christian Charisius/DPA)

Klassik als Wellnessveranstaltung? – Aufführung in der Elbphilharmonie in Hamburg. (Bild: Christian Charisius/DPA)

Bettina Kugler

bettina.kugler@tagblatt.ch

Von Armut kann keine Rede sein. 866 Millionen Euro war den Hamburgern ihre neue Elbphilharmonie wert – ein Vielfaches mehr als ursprünglich geplant. Und sie ist bis auf weiteres ausverkauft. Die Berliner Staatsoper Unter den Linden ist frisch saniert; mehrere Konzerthäuser mit herausragender Akustik wurden erst kürzlich eröffnet: der Dresdner Kulturpalast, der Pierre-Boulez-Saal in Berlin, das Musikforum Bochum. Dies in einem Land, das ohnehin über eine beneidenswerte Bühnendichte verfügt.

Gibt es tatsächlich Grund für einen «Klassikkampf», wie ihn der Berliner Konzertagent Berthold Seliger mit seiner gerade erschienenen Streitschrift leidenschaftlich ausruft, auf 450 sachkundigen Seiten, zu denen noch weitere 50 Seiten mit Anmerkungen kommen? Seliger ist kein Opfer des Betriebs, den er in «Klassikkampf» so eloquent wie unverblümt attackiert. Sein Geld verdient er mit Künstlern wie Patti Smith und Rebecca Lane – mit Musikern, die er selbst auf der Seite der «E»-Kultur definieren würde. Denn anders als jene, die den Klassikbetrieb vor allem unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten betrachten, die profitorientiert auf Verkaufszahlen schauen, geht es Seliger nicht um die «Absenkung von Hemmschwellen». Im Gegenteil: Er betont den geistigen Anspruch, den Ernst der Kunst. «Die ernste Musik will kein Bestseller werden», schreibt er. Klassische Musik ist für ihn mit der Definition Rudolf Bockholdts «so geartet (…), dass sie vom Hörer und vom Ausübenden grösste geistige Aktivität verlangt». Sie muss folglich mehr als nur «schön» sein, keine Wellnessveranstaltung zum wohlverdienten Feierabend, kein Hintergrundgeräusch für die Selbstinszenierung gebildeter und wirtschaftlicher Eliten, keine Werbefläche für Sponsoren.

Mainstream, Häppchen, Stars und Abonnenten

So aber sieht Seliger den derzeitigen Klassikbetrieb: Fixiert auf Stars und Sternchen, auf Hochleistung, umschmeichelt von mitnichten uneigennützigen Konzernen, die ganz auf den Eventfaktor setzen. Doch auch wo klassische Musik mit öffentlichen Geldern subventioniert wird, sieht Seliger vor allem «Mainstream»: das immer gleiche Repertoire von Bach bis Bartók (unter Bevorzugung von Brahms und Beethoven), gespielt vor dem berüchtigten «Silbersee» im Parkett, vor «Menschen, die ihre Abos absitzen». Auch Radiosender beschränken sich zunehmend aufs Gefällige, auf Häppchen und «Wohlfühlklassik». Eine solche «unerquickliche Mischung aus Elitekunst, Hochleistungsklassik, Starsystem, Kulturindustrie, Konsumismus, Biedermeier» könnte man, meint Seliger, ohne Verlust den Eliten überlassen – wäre da nicht die revolutionäre Substanz der Musik, ihr rebellischer «Glutkern»: die Tatsache, dass sie «menschliche und gesellschaftliche Konflikte spiegelt und diskutiert». Diese verdrängten Potenziale gelte es neu zu entdecken. Dafür aber müsse sich die kulturelle Bildung von Grund auf ändern: von blosser Anbiederung hin zu Vertiefung.

Seliger fordert intensiven, alle Genres berücksichtigenden Musik- und Kunstunterricht an öffentlichen Schulen, jedem Kind ein Instrument, regelmässige Konzert- und Opernbesuche für Schulklassen, Orchester, die sich in Schulen engagieren, stark ermässigte Eintritte. Anstrengungen, wie sie vielerorts seit Jahren im Gange sind – das erwähnt Seliger in seiner wortreichen Kampfschrift eher am Rande. Wer nach Vermittlungsangeboten sucht, findet so viel wie nie, ob Krabbelkonzert oder kühne Formate, die verschiedene Kunstformen mit gesellschaftlichen Diskursen verbinden. Gegen Konsumismus und Verflachung kämpfen diese Angebote energisch an; eine breite gesellschaftliche Unterstützung hätten sie nötig. Eine lebhafte Diskussion wäre bereits ein guter Anfang.

Berthold Seliger: Klassikkampf – ernste Musik, Bildung und Kultur für alle. Matthes & Seitz, 496 S., Fr. 30.– Lesung: Di, 17.10., 20.15 Uhr, Palace St. Gallen.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.