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KULTURKAMPF: Der Papst gegen den Rapperswiler Pfarrer

Keine Auseinandersetzung hat die Schweiz so sehr geprägt wie der Kulturkampf. Dass es dabei erst in zweiter Linie um Religion ging, erläutert ein neues Buch, das in St. Gallen vorgestellt wird.

Am 2. Mai 1847 wird in der Gemeinde Schänis im Bezirk Gaster Schweizer Geschichte geschrieben. Bisher hat der Bezirk verlässlich konservativ gestimmt. Jetzt aber wechselt er die Seiten und wählt in der Landsgemeinde einen Liberalen in den St. Galler Grossen Rat. Damit bringt er einen schweren Stein ins Rollen in einer Auseinandersetzung, die das 19. Jahrhundert über weite Strecken beherrscht. Als «Kulturkampf» ist sie in die Geschichte eingegangen. Worum es dabei ging, das erkunden in einem neuen Buch die beiden Historiker Josef Lang und Pirmin Meier. Und weil der Konflikt die Schweiz bis heute in mancherlei Hinsicht prägt, wird bei der Buchpräsentation am kommenden Mittwoch in St. Gallen SP-Ständerat Paul Rechsteiner ins Gespräch mit den Autoren treten.

Doch um noch einmal auf die Ereignisse in Schänis zurückzukommen und ihre Bedeutung für die Schweiz: Mit der Wahl eines Liberalen verändern sich im Grossen Rat die Mehrheitsverhältnisse. Bisher haben 75 Liberale ebenso vielen Konservativen gegenübergestanden. Mit der einen zusätzlichen Stimme aber bekommen sie ein hauchdünnes Übergewicht. Und nun können sie an der ebenso durch ein Patt gelähmten Tagsatzung, der Vertretung der eidgenössischen Orte, die entscheidende Stimme einlegen, um gegen den konservativen Sonderbund militärisch vorgehen zu können.

Nach dem Sonderbundskrieg die Bundesverfassung

Der Weg ist frei zur modernen Schweiz. An den kurzen Sonderbundskrieg wird sich die Ausarbeitung einer Bundesverfassung und damit der Wandel der Schweiz vom losen Staatenbund zum Bundesstaat anschliessen.

Unumstritten ist der Entscheid von Schänis zu seiner Zeit nicht gewesen. Die Konservativen beschuldigten die Liberalen, sie hätten nicht stimmberechtigte Gesinnungsfreunde aus dem Glarnerland in die Versammlung eingeschmuggelt. Auch erhoben sie den Vorwurf, die Liberalen hätten heimlich die Kirchturmuhr in Schänis vorgestellt. Die Wähler aus dem konservativen Amden seien deshalb zu spät eingetroffen. Josef Lang, als ehemaliger Nationalrat der Grünen national bekannt, hat eine andere Erklärung für das Umschwenken der Gasterländer: «Dass die Freisinnigen an der Schicksalsabstimmung auch deshalb erfolgreich waren, weil ihr Einzug in die Landsgemeinde von drei regional verankerten Priestern angeführt wurde, hatte sowohl reale wie symbolische Bedeutung.» Reale, weil sie damit die Mehrheitsverhältnisse ins Kippen brachten. Und symbolische, weil dieser Kulturkampf entgegen dem äusseren Schein «etwas ganz anderes war als eine blosse Fortsetzung der Glaubenskämpfe».

Der Papst wird zum Scharfmacher

Denn es ging gar nicht um Religion in diesem Ringen. Es ging um Ideologie. Und die zwei ideologischen Blöcke, die hier zusammenstiessen, «wurden von den beiden mächtigsten sozialen Blöcke getragen, die es in unserem Land – abgesehen von der Arbeiterbewegung des ersten Drittels des 20. Jahrhunderts – gegeben hat. Auf der Linken kämpfte ein überkonfessioneller Liberalismus, auf der Rechten der katholische Ultramontanismus, der sich an dem jenseits der Berge gelegenen Papsttum orientierte und ab den 1840er-Jahren immer fundamentalistischer wurde.» «Los von Rom» hiess deshalb die Devise auch für aufgeklärte Katholiken wie den St. Galler Landammann Gallus Jakob Baumgartner, nachdem Papst Gregor XVI. 1832 in einer Enzyklika alles Moderne verdammt hatte – Pressefreiheit und Volkssouveränität ebenso wie die Gewissensfreiheit, die er als «Delirium» brandmarkte.

Scharf verurteilte Gregor denn auch, was der Rapperswiler Spitalpfarrers Alois Fuchs in einer weitherum beachteten Predigt gesagt hatte: dass die republikanischen Werte der Freiheit und Gleichheit die «ewige Grundlage» des Christentums seien.

Rolf App

rolf.app

@tagblatt.ch

Autorengespräch am Mittwoch, 21. Juni, 19.30 Uhr, in der Buchhandlung Comedia, St. Gallen

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