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KULTURGESCHICHTE: Überflieger, Vogelmensch, Fantast

Im Wartsaal Lichtensteig ist eine sehenswerte Ausstellung über den Skispringer Walter Steiner zu sehen. Sie beschränkt sich nicht auf seine sportlichen Erfolge, sondern zeigt ihn als Querdenker, der nicht nur Sportler, sondern auch Künstler fasziniert.
Christina Genova
Walter Steiner im Wartsaal Lichtensteig, vor ihm eine seiner Holzskulpturen. Auf dem Fensterbrett links sind die Objekte Birgit Widmers zu sehen. (Bild: Benjamin Manser)

Walter Steiner im Wartsaal Lichtensteig, vor ihm eine seiner Holzskulpturen. Auf dem Fensterbrett links sind die Objekte Birgit Widmers zu sehen. (Bild: Benjamin Manser)

Christina Genova

Das berührendste Exponat der Ausstellung ist eine kleinformatige Fotografie. Darauf sieht man den etwa neunjährigen Walter Steiner vor seinem Elternhaus in Wildhaus mit einem gezähmten Raben auf dem Arm. Im Film «Die Ekstase des Bildschnitzers Steiner», den der international angesehene Regisseurs Werner Herzog 1974 über den Skispringer gedreht hat, erzählt er, wie er den Raben fütterte und zähmte. Doch damit verunmöglichte er ihm das Leben in der Natur.

Die Entfremdung von der Natur und deren Schutz sind für Walter Steiner wichtige Themen. Sie werden in der Ausstellung «Ein Stück weit Pionier – Walter Steiner» im Wartsaal Lichtensteig unter dem Aspekt «Respekt und Ressourcen» behandelt. Weitere Themen sind «Fliegen und Träumen», «Schanzen- und Chancenbau», «Rückzug, Warten, Einkehr».

Mit dem Kopf zwischen den Wolken

Die kleine, aber feine Ausstellung im heimeligen, holzgetäferten Wartsaal beschränkt sich nicht auf die sportlichen Erfolge des legendären Skispringers. Sie pflegt einen ganzheitlichen Ansatz und behandelt Walter Steiner als kulturelles Phänomen. Vor allem dank des Films von Werner Herzog wurde Steiner über die Sportwelt hinaus zur Kultfigur. Die Kuratorin der Ausstellung, Ursula Badrutt, hat eine gelungene Auswahl an zeitgenössischen Kunstwerken getroffen, die fruchtbare Bezüge schaffen. Drei davon sind im Aussenraum zu sehen.

Auch die italienische Künstlerin Giorgia Vian sah den Herzog-Film und wollte danach Walter Steiner unbedingt kennen lernen. Die 33-Jährige, die auch ambitionierte Stabhochspringerin ist, besuchte ihn an seinem Wohnort im schwedischen Falun und eine Freundschaft entstand. Am Sportler Walter Steiner bewundert Giorgia Vian seine Fähigkeit, seine Träume im entscheidenden Moment umzusetzen. In der Ausstellung zeigt sie unter anderem eine poetische Arbeit, die sich auf die Zähmung des Raben bezieht. Für Giorgia Vian ist die Beziehung zwischen dem Vogel und Walter Steiner auch eine Metapher für die gegenseitige Abhängigkeit zwischen Trainer und Athlet.

Aus Rabenfedern schnitt die Künstlerin drei sogenannte «Fliegen», wie man sie beim Fischen als Köder einsetzt. Sie fliegen nun als Vogelzug über ein Blatt Papier. Es ist sowohl eine Hommage an den Vogelmenschen als auch an den leidenschaftlichen Fischer Walter Steiner. Seine selbstgemachten Lachsfliegen – kleine Kunstwerke – sind ebenfalls Teil der Ausstellung. Das dreidimensionale Arbeiten mit den Händen, davon ist Walter Steiner überzeugt, ist eine ideale men­tale Vorbereitung für den Skisprung. Seine Lehre als Holzbildhauer absolvierte er parallel zu seinen grössten sportlichen Erfolgen in den 1970er-Jahren. In der Ausstellung sind drei seiner Skulpturen zu sehen. Darunter seine Lehrabschlussarbeit, die an eine olympische Flamme erinnert.

Auch Birgit Widmer versteht sich auf das Schnitzen. Und wie Walter Steiner hat sie einen Bezug zu Skandinavien. Ihre Arbeit «Wolkenballett» besteht aus sechs Figürchen aus Linden- und Eschenholz, die auf dem Fensterbrett aufgereiht wurden. Es sind Mischwesen, halb Mensch, halb Wolke. Ähnlich wie Walter Steiner, der als Skispringer eins wurde mit dem Wind und der Natur, einem Vogel gleich. Dem man aber auch manchmal den Vorwurf machte, ein Fantast zu sein, einer mit dem Kopf zwischen den Wolken. Etwa wenn er die Leute von seinen Ideen, etwa der Verbesserung der Schanzenkon­struktion, überzeugen wollte.

Einer, der als Künstler oft aneckte, aber sich wie Walter Steiner nicht entmutigen liess, ist Roman Signer. Vielleicht inspiriert vom sportlichen Überflieger, liess er eine Piaggio es ihm gleichtun, und zwar mit beachtlichem Erfolg. Im polnischen Chocholow, nahe der Heimat seiner Frau Aleksandra, zog er die Piaggio mit einem Traktor eine Schanze hoch. Das Fahrzeug flog fast zehn Meter durch die Luft und landete, ohne sich zu überschlagen. Der Film «Der Sprung» von 2003 ist an der Wartsaalwand zu ­sehen.

Hinweis

Bis 13. Mai; Mi–Fr: 16–19 Uhr, Sa/So: 12–17 Uhr; Karfreitag und Ostermontag geschlossen.

Weitere Infos: www.kultur.sg.ch/aktuelles

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