KULTURGESCHICHTE: Brutstätte für Kunst

Vierzig Jahre führte Wilma Lock in St. Gallen ihre Galerie, die ein wichtiges Zentrum für die Auseinandersetzung mit zeitgenössischer Kunst war. Ein Buch sorgt nun dafür, dass dies nicht vergessen geht.

Christina Genova
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Die ersten zwei Jahre führte Wilma Lock im vorderen Teil der Galerie im St. Galler Klosterquartier eine Papeterie – heute undenkbar. (Bild: PD)

Die ersten zwei Jahre führte Wilma Lock im vorderen Teil der Galerie im St. Galler Klosterquartier eine Papeterie – heute undenkbar. (Bild: PD)

Christina Genova

christina.genova@tagblatt.ch

1973 zeigte Wilma Lock in ihrer Galerie im Haus zum Pelikan in St. Gallen die erste Einzelausstellung Roman Signers, zwei weitere sollten folgen. Die Reaktionen auf den Mut der jungen Galeristin, Werke des damals noch völlig unbekannten Künstlers zu zeigen, waren ablehnend bis aggressiv: «Man hat mir auch den Vogel gezeigt, und als ich einen Sandhaufen Signers im Schaufenster der Galerie zeigte, wurde die Hausfassade beschmiert», erzählt Wilma Lock in einem Interview, das Gerhard Mack mit ihr führte. Es ist zu lesen im gerade erschienenen Buch «Vierzig Jahre Gegenwart. Die Galerie Wilma Lock», das Mack, ehemaliger Kulturredaktor unserer Zeitung und heute bei der «NZZ am Sonntag», herausgegeben hat. Die Publikation lässt eine wichtige Phase für die zeitgenössische Kunst in St. Gallen aufleben. Gestaltet wurde sie von den St. Galler Grafikern Samuel Bänziger, Rosario Florio und Larissa Kasper.

1969 gründete die erst 25-jährige Appenzellerin ihre Galerie. Damals gab es in St. Gallen nur noch die Erker-Galerie, das Kunstmuseum war wegen Baufälligkeit geschlossen: «St. Gallen war tiefe Provinz, man hatte das Gefühl, dass sich hier nichts verändert», erzählt Wilma Lock. Die Quereinsteigerin nannte ihr Geschäft selbstironisch «dibi däbi» – damals in St. Gallen ein Schimpfwort für Appenzeller.

Wilma Lock wollte von Anfang an nicht nur regionale Kunst, sondern ein offenes, internationales Programm. «Sie war eine Entdeckerin im besten Sinne», schreibt Gerhard Mack im Vorwort. Künstler wie Imi Knoebel, Franz Erhard Walther, Mark Francis und Stephan Westfall brachte sie zum ersten Mal in die Schweiz. Sie und weitere Künstler, die von der Galerie zum Teil über Jahrzehnte vertreten wurden, sind im Buch mit zahlreichen Abbildungen ihrer Werke und kurzen Statements vertreten. Ausschnitte aus Rezensionen runden die Rückschau ab.

Die köstlichsten Canapés der Stadt

Eine der berührendsten Erinnerungen stammt von Stephen Westfall. Er beschreibt den Moment, als er und Wilma Lock 1994 in der Galerie gemeinsam die Kisten mit den Bildern öffneten: «Als wir fünf oder sechs Werke ausgepackt hatten, leuchteten ihre Augen, dann waren sie voller Tränen.» Wie lässt sich eine Persönlichkeit wie Wilma Lock beschreiben? «Es war wohl eine sanfte Radikalität, die sie mit ihren Künstlern teilte und immer noch teilt», schreibt der gebürtige St. Galler und ehemalige Direktor des Kunstmuseums Basel, Bernhard Mendes Bürgi, in einem Essay.

In einem weiteren Essay erinnert sich Roland Wäspe, Direktor des Kunstmuseums St. Gallen, an perfekte Samstagnachmittage mit spannender Kunst, interessanten Leuten und den «köstlichsten Canapés der Stadt». Wäspe unterstreicht, wie wichtig Wilma Locks Galerie für die Überbrückung der museumslosen Zeit in St. Gallen war. Nach der Wiedereröffnung des Kunstmuseums 1987 kam es dort dank der Galeristin zu Einzelausstellungen von Imi Knoebel und Bernhard Frize.

Mit der Schliessung der Galerie 2009 ging eine Epoche zu Ende – nicht nur in St. Gallen. Durch Globalisierung und das Internet hat sich der Kunstmarkt atomisiert; Kunst wird zunehmend als Wertanlage gesehen. Bei Wilma Lock war das anders: «Für sie zählte der persönliche Dialog mit dem Kunstwerk, dessen geistiger Wert», sagt Gerhard Mack.

Gerhard Mack (Hrsg.): Vierzig Jahre Gegenwart. Die Galerie Wilma Lock in St. Gallen, Scheidegger & Spiess 2017, 212 S., Fr. 69.–