Kulturgenuss für guten Zweck

«Kul-Tour» auf Vögelinsegg wird 15 Jahre alt. Kleinkunst erleben und ein feines Menu dazu: Mit dieser Idee locken Elsbeth Gallusser und Peter von Tessin das Publikum in ihr Haus. Der Erlös fliesst vollumfänglich nach Ecuador.

Martin Preisser
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Entwicklungshilfe dank Kleinkunst: Elsbeth Gallusser und Peter von Tessin nehmen für einmal Platz auf der Bühne von Kul-Tour. (Bild: Hanspeter Schiess)

Entwicklungshilfe dank Kleinkunst: Elsbeth Gallusser und Peter von Tessin nehmen für einmal Platz auf der Bühne von Kul-Tour. (Bild: Hanspeter Schiess)

SPEICHER. Psychotherapeut Peter von Tessin hat einen wiederkehrenden Albtraum: Mit nur einer Handvoll Spaghetti muss er eine grosse Gästeschar bekochen. «Wir wollen das jetzt nicht psychoanalytisch deuten», sagt lachend der gebürtige Tübinger, der seit 1974 in der Schweiz lebt. In Tat und Wahrheit ist er ein leidenschaftlicher Koch. «Inzwischen kann ich besser für fünfzig Leute kochen als für zwei.» Seit dem Jahr 2000 gibt es «Kul-Tour» auf Vögelinsegg, am Punkt mit der vielleicht phantastischsten Aussicht auf den Bodensee. Als «Esskleintheater mit familiärem Charme» wirbt Kul-Tour mit seiner speziellen Idee.

Manuel Stahlberger, damals noch mit seinem Bühnenpartner im Duo Möhla & Stahli, war der erste Künstler auf der Vögelinsegg-Bühne, in einem Raum, wo früher die Dorfchäsi war. Rund zweihundert Veranstaltungen sind bis heute über die Bühne gegangen, auch mit bekannten Künstlern wie Simon Enzler oder Michael Gammenthaler, die gerne an diesem Ort aufgetreten sind und immer wieder gerne zurückkommen.

Projekt aus Dankbarkeit

Rund zweihundertmal ist Peter von Tessin in der Küche gestanden und hat für das Kleinkunstpublikum gekocht. «Vor jedem neuen Menu bin ich aufgeregt, aber gleichzeitig freue ich mich darauf», sagt Peter von Tessin, seit 1989 mit Elsbeth Gallusser verheiratet. Beide haben je zwei Kinder in die neue Ehe mitgebracht. «Die Kinder wurden flügge, und ich war dankbar und erleichtert, dass sie alle einen guten Start ins Leben hatten», sagt Elsbeth Gallusser. «In dieser Zeit habe ich den Elan gespürt, auch aus dieser Dankbarkeit heraus etwas Neues zu machen.» Die Idee «Kul-Tour» war geboren.

Einen gepflegten Kleinkunstabend erleben, in einem gemütlichen Ambiente fein essen und wissen: Der Eintritt geht an ein Projekt in den ecuadorianischen Anden. 2002 haben Elsbeth Gallusser und Peter von Tessin, heute 65 und 68 Jahre alt, die Stiftung «Pro Latina» gegründet. «Dass man hierzulande mit Theater Geld verdienen kann, haben die Menschen in Ecuador kaum verstanden», sagt Peter von Tessin, der für die Arbeit in Lateinamerika Spanisch gelernt hat und es heute fliessend spricht.

Landflucht zurückgegangen

Mit dem Erlös aus 15 Jahren Vögelinsegg konnte bis heute rund 140 Familien in den Anden geholfen werden, ihre Einkommenssituation deutlich zu verbessern. Mit dem Kulturgeld wurde Hilfe zur Selbsthilfe geleistet, eine Käserei ist entstanden, Bewässerungsanlagen wurden gebaut. «Dort, wo wir helfen konnten, ist die Landflucht zurückgegangen», sagt Peter von Tessin. «Und durch unsere Arbeit ist das Selbstbewusstsein der Frauen gestiegen», erzählt Elsbeth von Gallusser. «Ein Projekt wie <Pro Latina> bringt uns auf den Boden und schweisst uns als Paar zusammen.» Das Kulturprogramm auf Vögelinsegg braucht den Vergleich zu anderen Kleinkunstbühnen nicht zu scheuen, beim Publikum kommt es an.

Heute kämen auch Leute aus dem Dorf ganz natürlich an die Kleinkunstabende. «Am Anfang wurden wir in Speicher schon ein wenig argwöhnisch beobachtet. Ein paar Gerüchte gingen um, was da wohl laufe auf Vögelinsegg», erinnert sich Peter von Tessin schmunzelnd.

Das Niveau muss stimmen

Jedes Jahr fährt das Kul-Tour-Ehepaar zur Künstlerbörse nach Thun. Das sei fast wie ein Klassentreffen. Bei der Auswahl der Künstler, die auf Vögelinsegg eine marktübliche Gage erhalten, steht Qualität an oberster Stelle. «Wir wollen niveauvolle Kleinkunst, nichts Plattes oder Oberflächliches. Ein Kleinkunstabend sollte durchdacht und intelligent sein», sagt von Tessin. Die Stiftung «Pro Latina» hat in Ecuador Erfolgreiches bewirkt. Die Arbeit rief nach einer Ausdehnung auf andere Orte und Landschaften in den Anden. Das aber übersteigt die Kapazitäten eines ehrenamtlichen Engagements, wie es das Ehepaar aus Speicher praktiziert. Seit Anfang 2013 ist die Pro Latina-Stiftung Juniorpartner einer grösseren Entwicklungshilfeorganisation, der Fundación Suiza Para Los Indígenas del Ecuador». Peter von Tessin, der einmal pro Jahr in das lateinamerikanische Land reist, ist dort im Stiftungsrat. Das Geld aus Vögelinsegg fliesst in diese grössere Stiftung ein, die dieses Jahr 25 Jahre alt wird.

Infos über die Ecuador-Arbeit: www.paralosindigenas.org