KULTURFESTIVAL: Durchtränkt vom Glück

Wallis Bird begeistert mit ihrem Mix aus Rock, Pop, Blues und Irish Folk. Das irische Energiebündel mit Wahlheimat Berlin spielt nächste Woche zum zweiten Mal in St. Gallen.

Michael Gasser
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Fühlt sich in Berlin zu Hause: «Home» heisst das aktuelle Album der irischen Musikerin Wallis Bird. (Bild: Jens Oellermann)

Fühlt sich in Berlin zu Hause: «Home» heisst das aktuelle Album der irischen Musikerin Wallis Bird. (Bild: Jens Oellermann)

Michael Gasser

ostschweizerkultur

@tagblatt.ch

Leiden führt zu grosser Kunst, ist sich Wallis Bird sicher. Aber ihr zufolge greift dieser Gedanke zu kurz. «Auch eine positive und lebensbejahende Einstellung kann viel Tolles bewirken.» Der Verweis kommt nicht von ungefähr, denn die Singer-Songwriterin hat ihr privates Glück gefunden und bejubelt dieses auf ihrem aktuellen Album «Home». Während den Aufnahmen zur Vorgängerplatte, «Architect» (2014), warf sie sich immer wieder ins Partyleben; dieses Mal standen stattdessen lange Spaziergänge und das Zusammenziehen mit ihrer Partnerin in der Wahlheimat Berlin im Fokus. «Ich war und bin glückselig. Das hat mich ruhiger werden lassen und mir Kraft verliehen, um noch härter an meinen Songs zu arbeiten», sagt sie beim Interview und schwelgt in den Erinnerungen.

Aufgewachsen ist Wallis Bird im Südosten Irlands, als Tochter eines Pub-Besitzers und Plattensammlers, der sich auch als DJ betätigte. Bereits mit sechs Monaten habe sie erstmals auf einer akustischen Gitarre herumgeklimpert und seither sei sie der Musik verfallen. «Als Teenager habe ich mich hin und wieder sogar auf dem Klo eingeschlossen, um Ruhe vor meinen Geschwistern zu haben und mich meinem Instrument widmen zu können.»

Eine Begegnung mit dem Rasenmäher hätte ihren Aspirationen im Alter von anderthalb Jahren allerdings beinahe ein vorzeitiges und jähes Ende gesetzt: Beim Unfall verlor sie alle Finger ihrer linken Hand, vier davon konnten jedoch wieder angenäht werden. Trotz Bandagen habe sie sich nicht lange von der Gitarre fernhalten lassen.

Beim Majorlabel fühlte sie sich nicht wohl

Weil sie ein dickköpfiger Mensch sei, habe sie ihren Traum, Musikerin zu werden, so rasch wie möglich verwirklicht. Nach der obligatorischen Schulzeit, während der sie an Wohltätigkeitsveranstaltungen, aber nie im elterlichen Pub auftrat, zog es Wallis Bird nach Dublin, wo sie Songwriting studierte. 2002 besuchte sie für drei Monate die Popakademie in Mannheim. «Dort ging es unglaublich ernsthaft zu und her. Und Fehler durfte man sich keine erlauben, bloss nicht», erinnert sie sich. Zwei Jahre später veröffentlichte Bird bei Island Records ihr Début, «Spoons». Das noch etwas zaghafte Werk kombiniert Folk mit Blues und Rock und zeigt sich von Musikerinnen wie Ani DiFranco oder Fiona Apple inspiriert. Weil sich die Künstlerin beim Majorlabel nicht wohlfühlte («Ich halte es nicht für ausgeschlossen, dass sich meine Lieder dort keiner je angehört hat»), kehrte sie ins Dasein einer Independent-Künstlerin zurück.

Für ihre dritte Platte, «Wallis Bird» (2012), siedelte die Irin nach Berlin über, wo sie noch heute wohnt. «Ich mag es, dass man mit einem Bier in der Hand durch die Stadt gehen kann», sagt sie. Zwar vermisse sie die Verrücktheit ihrer Landsleute und deren Fähigkeit, selbst vertrackten Situationen noch etwas Witziges abzugewinnen, doch momentan habe sie nicht vor, die deutsche Hauptstadt wieder zu verlassen. Derzeit ist sie mit ihrem Album «Home», das im vergangenen Oktober erschienen ist, unterwegs, und nächsten Dienstag am Kulturfestival St. Gallen zu Gast. Eine Rückkehr, denn sie spielte schon einmal im Museumshof: 2012 begeisterte sie das Publikum vor ausverkauftem Haus mit einem energiegeladenen Solo-Auftritt. Dieses Jahr kommt sie mit Band.

Die elf Tracks auf «Home», die verspielten Folk mit dynamischer Elektronik und R ’n’ B verknüpfen und dabei ohne Schlagzeug und (fast) ohne Bass auskommen, drehen sich um grosse Gefühle und scheuen nicht da-vor zurück, Intimes preiszugeben. Im aufgekratzten «Odom» schwärmt Wallis Bird von ihrer Lebenspartnerin: «You’re hotter than a hot thing on a hot day», und im Titelsong, einer a cappella gesungenen Liebeserklärung, gibt sie sich überzeugt, ihre Beziehung sei für die Ewigkeit geschaffen. Die Singer-Songwriterin gesteht denn auch, dass sie Frühlingsgefühle bei den Aufnahmen verspürte. Die 35-Jährige glaubt allerdings nicht, dass sie mit ihren Lyrics zu viel von sich preisgibt. «Hätte ich dieses Gefühl, würde ich ja andere Texte singen», sagt sie mit Nachdruck und lacht Sekunden später über ihre Emotionalität.

Sehnsucht nach dem Herzensinstrument

«Bei den Aufnahmen habe ich mir alle Freiheiten genommen und bin einfach der Musik gefolgt. Nicht selten fühlte ich mich wie eine Bildhauerin, die gebannt darauf wartet, was unter dem Stein hervorkommt.» Mit einem nächsten Album setzt Wallis Bird sich momentan noch nicht auseinander. Zu gross und zu anhaltend ist das Entzücken über ihre Beziehung, von der die aktuellen Lieder durchtränkt sind. Das will gebührend ausgekostet werden. «Ich bin glücklich», betont sie denn auch gleich mehrmals.

Ganz auf Zukunftspläne verzichten mag die Musikerin jedoch nicht: Wallis Bird möchte öfters auf Platten anderer Künstler präsent sein und auch wieder vermehrt zur akustischen Gitarre greifen, für die es auf ihrem insgesamt fünften Longplayer keinen Platz gab. «Schliesslich ist und bleibt dies mein Herzensinstrument.»

Dienstag, 18.7., 20.30 Uhr, Hof Historisches und Völkerkundemuseum, St. Gallen. www.kulturfestival.ch