KULTURFESTIVAL: Chorsingen mit dem Feuervogel

Der britische Singer-Songwriter Newton Faulkner hat das Publikum beim ausverkauften Auftritt am Donnerstag in St. Gallen erst verzückt und dann verzaubert. Ein rares Phänomen.

Michael Hasler
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Mit einem sympathischen Aufritt und vollendeten Gitarrenspiel verzauberte Newton Faulkner das Publikum. (Bild: Michel Canonica)

Mit einem sympathischen Aufritt und vollendeten Gitarrenspiel verzauberte Newton Faulkner das Publikum. (Bild: Michel Canonica)

Donnerstagabend. Viertel vor elf. Das Publikum intoniert mehrstimmig und innig einen irrwitzig schwierigen Chorus, Newton Faulkner dirigiert von der Bühne aus und Festivaldirektor Lukas Hofstetter erholt sich gerade von einer spontanen «Jump»-Einlage. Momente wie dieser sind in St. Gallen vielleicht nur in der Intimität des Kulturfestivals möglich, aber auch hier nicht vorhersehbar. Nur, wenn sie entstehen, doch magisch.

Beinahe anderthalb Stunden lang hat Newton Faulkner sein Publikum einzig mit seinen Gitarren, seiner Loopanlage und seiner entfesselten Stimme sehr bewusst hierher geführt. Er tat dies mit einer Handvoll Halbhits, die teils ein Jahrzehnt auf dem Buckel haben und als Zündstoff, sicher aber nicht für ein abendfüllendes Feuer reichen.

Vollendung und Perfektion

Warum dies trotzdem gelingt? Weil der Zauber dieses charmanten Musikers weniger an seinen Songs, sondern vielmehr an der Musikalität und der Leichtigkeit liegt, mit der sich dieser Feuervogel mit den Dreadlocks in seinem Bühnen-Wohnzimmer bewegt. Dass seine Alben in England gleich mehrfach die Charts anführten und mit Platin ausgezeichnet wurden und dass er mit «Dream Catch Me» einen Top- 3-Hit auf der Insel landete, interessiert an diesem Abend wahrscheinlich niemanden. Doch was das Publikum vom allerersten Akkord an spürt, ist, dass hier einer auf der Bühne steht, der im Leben genau das tut, was er tun will und dafür keinerlei Kompromisse eingehen würde. Wenn man den Rotschopf mit seiner ­kakaduhaften Frisur bei seinem Tun beobachtet, wirkt das so leicht, wie dies nur bei Menschen wirkt, die ganz einer Bestimmung verfallen sind.

Newton Faulkner gehört einem sehr raren Grüppchen von Musikern an, die mit ihren Händen und mit ihrer Stimme alles – ja wirklich alles – tun können, ­wonach sie musikalisch gerade greifen wollen. Faulkners Hände fliegen an diesem Abend über seine wahlweise drei Gitarren, bearbeiten deren Korpus perkussiv und tappen den Gitarrenhals mal liebkosend und mal leidenschaftlich fordernd. Bei aller Leichtigkeit ist das nichts weniger als Vollendung, ja Perfektion – was sich beispielsweise in seinem neunzigminütigen Soundcheck widerspiegelt.

Das Publikum, anfangs noch im Mitteilungsmodus, lässt sich nach spätestens zwei Songs fallen, blendet dann den Alltag aus und treibt mit auf diesen sanften Wellen von Folk-, Pop- und Worldmusik.

Nie zu schmerzlich, aber auch nie banal

Immer wider erinnern Newton Faulkners Songs an Weite, an Fernweh, an Wind in den Haaren und Salz auf der Haut – immer am Rand des Kitschs, aber nie darüber hinaus. Nie zu schmerzlich, aber auch nie banal. Immer so, dass man ihm auch die gesanglich manchmal zu grossen Gesten gerne verzeiht.

Nach anderthalb Stunden ­erreicht die Magie ihren Höhepunkt. Seine einzige Coverversion, Queens «Bohemian Rapsody», wird zum Finale furioso. Keine Kehle im Museumshof, die jetzt noch schweigt – und wieder ein grandioses Chorsingen mit dem mitsingenden Dirigenten. Fehlt nur, dass sich das Publikum in die Arme fällt. Eine halbe Stunde mehr, und Faulkner hätte wohl auch das vollbracht. Was für ein Abend.

Michael Hasler

ostschweizerkultur

@tagblatt.ch