Beklemmend, beglückend, bereichernd: Diese Ostschweizer Ausstellungen und Theaterproduktionen haben 2019 bewegt  

Das Ostschweizer Kulturleben ist reich und vielfältig. In der Rückschau gibt es einige Bühnenproduktionen und Kunstschauen, die sich besonders eingeprägt haben.

Christina Genova, Julia Nehmiz
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Alles andere als ein gewöhnlicher Ausstellungsort: die Schau «Unter Tag» im Bauch des Gonzen.

Alles andere als ein gewöhnlicher Ausstellungsort: die Schau «Unter Tag» im Bauch des Gonzen.

(Bild: Urs Bucher)

Die ungewöhnlichste Ostschweizer Ausstellung 2019 fand in einer Kaverne im Gonzen bei Sargans statt. «Unter Tag» wurde organisiert von Ursula Badrutt, oberste St.Galler Kulturförderin. Darin bleibt die Arbeit der Rapperswiler Künstlerin Ilona Ruegg unvergessen: Sie hat in der hundert Meter langen unterirdischen Halle zwei Chrysler zum Tanzen gebracht. Trotz zahlreicher technischer Herausforderungen, die ihre Vision noch kurz vor Ausstellungseröffnung beinahe hätten scheitern lassen.

Antonio Ligabue im Selbstporträt

Antonio Ligabue im Selbstporträt

(Bild: PD)

Nicht Autos, sondern Motorräder liebte der Aussenseiterkünstler Antonio Ligabue. Mit dem Geld seiner verkauften Gemälde erwarb er mehrere Moto Guzzi. Der 1965 verstorbene Künstler ist in Italien als italienischer Van Gogh bekannt. Im Frühling wurden seine Werke zum ersten Mal in der Ostschweiz ausgestellt, im Museum im Lagerhaus in St.Gallen. Es ist eine späte Wiedergutmachung: Denn Ligabue, der seine ersten 20 Lebensjahre in der Schweiz verbrachte, wurde von den Behörden unter fadenscheinigen Gründen nach Italien ausge­wiesen – obwohl er kein Wort Italienisch sprach.

Musterbücher mit Taschentüchern in der Ausstellung im Museum Appenzell.

Musterbücher mit Taschentüchern in der Ausstellung im Museum Appenzell.

(Bild: Urs Baumann)

Viele Italienerinnen arbeiteten in Appenzell in der Produktion von Taschentüchern. Damit verdiente man dort einige Jahrzehnte lang gutes Geld, bevor in den 1970er-Jahren die Papier­taschentücher aufkamen. Das Museum Appenzell, das für seine kreativen kulturhistorischen Ausstellungen bekannt ist, hat den Taschentüchern eine wunderschöne Schau gewidmet. Und damit den Beweis erbracht, dass man auch zu einem Alltagsgegenstand spannende Geschichten erzählen kann.

Installation von Katrin Hotz aus der Serie «Enough» im Kunstzeughaus Rapperswil.

Installation von Katrin Hotz aus der Serie «Enough» im Kunstzeughaus Rapperswil.

(Bild: Andri Stadler)

2019 fanden zwei grosse jurierte Gruppenausstellungen statt: die Grosse Regionale in Rapperswil-Jona und die Werkschau Thurgau. Während die Teilnahme für viele Kunstschaffende eine grosse Auszeichnung bedeutet, sind solche Schauen für Kuratoren eine Herausforderung: Es gilt, aus einem Sammelsurium an Werken ein stimmiges Ganzes zusammenzustellen. Für die Besucher ist es eine Gelegenheit, sich rasch einen Überblick über das regionale Kunstschaffen zu verschaffen.

Die Kuratorinnen Claudia Reeb und Gabrielle Obrist geben die Leitung der Kunsthalle Wil ab, sind aber offen für weitere gemeinsame Projekte.

Die Kuratorinnen Claudia Reeb und Gabrielle Obrist geben die Leitung der Kunsthalle Wil ab, sind aber offen für weitere gemeinsame Projekte.

(Bild: Benjamin Manser)

Die Werkschau Thurgau wurde zum letzten Mal von Gioia Dal Molin, der Beauftragten der Thurgauer Kulturstiftung, organisiert. Sie entschwindet Richtung Rom, wo sie die künstlerische Leitung des Isti­tuto Svizzero übernimmt. Auch andere Personalia wurden 2019 bekannt: Der Direktor der Kunsthalle St. Gallen, Giovanni Carmine, hat den prestigeträchtigen Posten als Kurator der Art Unlimited erhalten. Sie findet im Rahmen der Art Basel statt. Und nach zehn Jahren als Co-Leiterinnen verlassen Claudia Reeb und Gabrielle Obrist die Kunsthalle Wil. Ihre Nachfolgerin wird die Künstlerin Sonja Rüegg. Man darf gespannt sein!

Getanzte und theatrale Höhenflüge

Ein traumleichter Abend, bildstark und sinnlich: Kinsun Chans erste Premiere «Rain» am Theater St.Gallen.

Ein traumleichter Abend, bildstark und sinnlich: Kinsun Chans erste Premiere «Rain» am Theater St.Gallen.

Bild: Gregory Batardon

Er startete mit einer kleinen, feinen Produktion in der Lokremise St.Gallen: Der neue St.Galler Tanzchef Kinsun Chan feierte im Oktober seinen Einstand mit «Rain». Ihm gelang ein traumleichter Abend, wie Tagblatt-Kritikerin Bettina Kugler befand: «Rain» setze die schlichte, zutiefst menschliche Erkenntnis («hinter den Wolken scheint die Sonne weiter») bildstark und sinnlich um.

Es schwebe zwischen Trägheit, Traum und sich aufbäumender Vitalität, zwischen verspielter Leichtigkeit und ins Bedrohliche kippender Wucht. Das weckt Vorfreude: Kinsun Chans zweite Choreografie für die St. Galler Compagnie feiert im Januar im Grossen Haus Premiere.

In St.Gallen sind an der Preisverleihung der St.Gallischen Kulturstiftung erstmals Choreografien von Martin Schläpfer zu sehen, darunter ein Ausschnitt aus «Pezzi und Tänze».

In St.Gallen sind an der Preisverleihung der St.Gallischen Kulturstiftung erstmals Choreografien von Martin Schläpfer zu sehen, darunter ein Ausschnitt aus «Pezzi und Tänze».

Bild: Ralph Ribi

Eine andere Premiere fand im Dezember in der Lokremise statt: Der St.Galler Choreograf Martin Schläpfer erhielt den Grossen Preis der St.Gallischen Kulturstiftung, und an der Preisverleihung waren zum ersten Mal zwei Choreografien von ihm in der Ostschweiz zu sehen. Vielleicht sollte man Martin Schläpfer öfter einen Preis verleihen, damit seine kraftvollen, poetischen und ironischen Werke auch hier gezeigt werden?

Eindringlich, nahegehend, kritisch

Doch das Theaterjahr wartete nicht nur mit feinem Tanz auf: Das Schauspiel St.Gallen brachte mit «Verminte Seelen» einen der stärksten Abende überhaupt auf die Bühne. Regisseurin Barbara-David Brüesch und Dramaturgin Anja Horst arbeiteten das finstere Kapitel der administrativen Versorgung auf – und zeigten nüchtern und dadurch umso eindringlicher wie aktuelles, kritisches Theater geht.

«Verminte Seelen», einer der stärksten Theaterabende überhaupt: Das Theater St.Gallen brachte 2019 das eindringliche Stück über die administrative Versorgung auf die Bühne.

«Verminte Seelen», einer der stärksten Theaterabende überhaupt: Das Theater St.Gallen brachte 2019 das eindringliche Stück über die administrative Versorgung auf die Bühne. 

Bild: Jos Schmid

Ganz anders, auch unfassbar nahegehend war «Diorama Bregenz: Der letzte Mensch» am Landestheater Vorarlberg. Der Zuschauer alleine im Theaterparcours. Beklemmend, beglückend, bereichernd. Toll, wenn Theater so etwas auslöst. 2020 gerne mehr davon!

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