Kultur trotz Coronakrise: In europäischen Metropolen gibt es interessante Alternativen

Im schwer betroffenen New York sind die Türen der Kultur-Institutionen noch geschlossen, doch in den europäischen Kultur-Hauptstädten gibt es einige Lichtblicke und interessante Alternativen.

Korrespondenten CH Media
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Rom/Mailand/Verona: O sole mio...

Endlich! Am 6. Juli, nach 133 Tagen Totenstille, erklang in der schönsten Oper der Welt, der Mailänder Scala, wieder Musik. Es wurden zwar keine Opern gegeben, aber immerhin in kurzer Folge vier mehr oder weniger improvisierte Kammerkonzerte: 600 Leute wurden eingelassen, die Kontrollen mitsamt Fiebermesser waren streng. Keine Frage: Im Saal herrschte Maskenpflicht.

«Richtig» wieder los aber geht es am 4. September, wenn Chefdirigent Riccardo Chailly im Dom Verdis «Requiem», die Totenmesse, in Erinnerung an die Corona-Opfer dirigieren wird. Es folgen dann eine Aufführung der 9. Sinfonie von Beethoven und konzertant aufgeführte Opern: «La Traviata» und «Aida». Im November soll «La Bo­hème» szenisch gespielt werden.

Das ist mehr als ein Lichtblick für die Kultur – noch dazu in einer Stadt, die vier Monate lang praktisch stillstand. Viele deutsche Kulturinstitute schauen staunend auf Italien, reiben sich ob der Betriebsamkeit die Augen. Die meisten Museen gingen am 1. Juni wieder auf, darunter die vatikanischen, die Uffizien und der Palazzo Pitti in Florenz, Brera (aber auch das «Abendmahl») in Mailand oder der Palazzo Ducale in Venedig.

Italien ist zudem in der glücklichen Lage, dass die Sommerfestivals an freier Luft spielen können. So wird in Verona, Martina Franca, Macerata, Torre del Lago oder Pesaro munter gespielt. Das Festival in Ravenna ist bereits vorbei. Die Arena Verona feierte Ende Juli die Saisoneröffnung mit viel Pomp, Prominenz und bebenden Emotionen: 2000 Menschen waren auf den Rängen, zum Schluss sangen die Stars zusammen mit dem Publikum die melancholische Italienhymne «O sole mio».

Bis 29. August folgen in der Stadt Romeo und Julias insgesamt zehn Abende: ausser Puccinis kurzem «Gianni Schicchi mit Baritonlegende Leo Nucci gibt es Konzerte mit grossen Sängern und Sängerinnen, am 1. August u. a. mit Anna Netrebko. Am 28. 8. singt Placido Domingo, am 29. 8. Sonya Yoncheva und Vittorio Grigolo. Dazwischen werden eine Wagner-, Verdi und eine Rossini-Gala geboten. Karten gibt es von 39 bis 199 Euro. Christian Berzins

Wien: Freiluft-Kultur

Der Hund, der liegt im Detail: Musikverein, Staatsoper, Volksoper, Theater an der Wien – sie alle plakatieren unermüdlich bevorstehende Veranstaltungen. Das Datum auf diesen Plakaten ist der Detail-Hund: Los geht es wieder am ersten September – und nur mit Einschränkungen. Verkauft werden können nur rund zwei Drittel der Plätze. Bis dahin läuft alles auf Spar-, beziehungsweise Nicht-Betrieb. Wiens Kulturinstitutionen aber haben sich mit den gegebenen Umständen einigermassen arrangiert. Vieles findet zwar nicht statt. So manches hat sich aber nach draussen verlagert. Konzerte in Parks, Open-Air-Kinos. Und nicht zuletzt ist da auch ein über Jahre verwaistes Autokino am Stadtrand, das in diesen Tagen mit Blockbustern und alten Hollywood-Schinken ein niemals erwartetes Comeback feiert.

Loses, spontanes Festival an öffentlichen Orten

Loses, spontanes Festival an öffentlichen Orten

Thomas Peschat

Es sind vor allem aber altbewährte Institutionen und Orte, die sich in diesem Sommer als Rückgrat des Kulturbetriebs erweisen: Das Museumsquartier etwa, das mit seiner riesigen Freifläche im Hof ein adäquater Ort für «socializing» in Zeiten von «social distancing» ist. Oder die Hauptbücherei, auf deren weiträumigem Dach ein Open-Air-Kino eingerichtet wurde – so wie auch im Garten des Belvedere oder auf dem Rathausplatz.

Die Stadtverwaltung wiederum hat mit dem «Wiener Kultursommer» spontan ein loses Festival an öffentlichen Orten gestartet. Der Eintritt ist frei, Tickets müssen auf Grund von Anti-Corona-Massnahmen aber entweder vorab reserviert oder vor Ort auf einen Namen registriert werden. Das Programm ist genreübergreifend: Von Klassik, über Tanz bis hin zu lokalen Pop- und Wiener-Lied-Grössen. Und das Donauinselfest, normalerweise der bis tief in den Sommer reichende Schulschluss-Kater, das soll im Herbst stattfinden, 18., 19. und 20. September.

Wien war immer eine Kulturstadt in verschiedensten Genres. Konzertsäle, Opernhäuser, Clubs oder Jazzkeller sind geschlossen, Parks das Ausweichquartier – oder die 21 Kilometer lange Donauinsel. Dort kann man bisweilen auch die nicht offizielle Szene kennenlernen. Denn letztlich braucht es ja nicht mehr als Performer und ein kleines Publikum. Also eine Radtour entlang der Donauinsel oder ein Spaziergang entlang des Donaukanals nahe dem Zentrum zahlen sich aus. Und noch sind die Temperaturen ja gnädig. Stefan Schocher aus Wien

Paris: Frische Kunstbrise

Wenn die Bedingungen für eine kulturelle Stippvisite nach Paris jemals ideal waren – dann jetzt. Der TGV in die französische Hauptstadt ist nicht überfüllt, und für die Übernachtung stossen Findige derzeit auf Hotels zum Schnäppchenpreis. In den Gassen von Montmartre drängeln sich keine Touristenmassen, in den Museen steht man kaum Schlange.

Mona Lisa geniessen ohne Schlangestehen.

Mona Lisa geniessen ohne Schlangestehen.

AP

Mangels ausländischen Reisenden zählt der Louvre derzeit 60 Prozent weniger Besucher. Meisterwerke wie Mona Lisa lassen sich so entspannt wie selten betrachten. Das Musée d’Orsay entdeckt den Maler James Tissot neu, der Grand Palais serviert die letzten Mahlzeiten von Pompei. Und das Centre Pompidou lädt nicht zu einem Bad in der Menge ein, sondern zu einem «bain de culture», einem Kulturbad: «Tauschen Sie die Sommerhitze gegen eine frische Kunstbrise!», heisst es zu einem Sommer-Pass für fast unglaubliche 5 Euro.

Das in diesen öffentlichen Innenräumen obligatorische Tragen von Schutzmasken wird gut befolgt. Problematisch sind höchstens Diskobesuche und ähnliche Soireen. Auf einem Tanzschiff in der Seine hat ein Discjockey eine Covid-19-Ansteckung bekannt gegeben; Besucher wurden nicht angesteckt. Das ist aber bisher ein absoluter Einzelfall geblieben.

Ungefährlich sind die Filmsäle. Selbst in den kleinen, altmodischen Studiokinos des Quartier Latin sitzt man auf sichere Distanz zu den wenigen Besuchern. Die Theater haben ihr coronaversehrtes Frühjahrsprogramm teils in den Sommer verlängert. Viele Kultursäle haben zwar bis im September geschlossen. Kleinere Theatergruppen bieten aber originelle Alternativen. So etwa c-o-n-t-a-c-t.fr mit jeweils acht Zuschauern, die sich via Internet eingeschrieben haben und einen Spielort im Freien mitgeteilt erhalten.

Und wer plötzlich das Bedürfnis verspüren sollte, die Grossstadt zu verlassen, besucht mit dem Vorortszug Schloss Versailles und seine wunderbaren Gärten. Oder die Sommeroperation «Paris-Plage» entlang der Seine – wohlgemerkt mit richtigem Sand. Nach Paris deshalb unbedingt Badeutensilien mitnehmen! Stefan Brändle aus Paris

Berlin: Massives Clubsterben befürchtet

Sechzig Personen dürfen in den Saal in der Neuköllner Oper. Spielzeiteröffnung am Samstagabend, 1. August. Gezeigt wird eine Adaption einer Oper eines japanischen Komponisten. Die Gäste tragen Mund-Nasenschutz auf dem Weg auf die Plätze, die es im Doppelsitz für Paare oder – mit Abstand – als Einzelplatz zu haben gibt. Beim Eingang müssen die Gäste Kontaktdaten hinterlegen, um Händedesinfektion wird ausdrücklich gebeten. Selbst die Schauspieler vermeiden bei ihrem einstündigen Bühnenauftritt persönliche Berührungen. Auf der Bühne steht sogar eine Plexiglaswand, für jene Szenen, in denen die Schauspieler Nähe darstellen müssen. Aber immerhin: In Berlin wird wieder gespielt!

Die Berliner Clubs werden die letzten sein, die wieder öffnen.

Die Berliner Clubs werden die letzten sein, die wieder öffnen.

Britta Pedersen/dpa

Seit dem 1. August dürfen die Berliner Theater wieder Besucher empfangen, freilich sind vollbesetzte Zuschauerränge verboten, es gelten Abstands- und Hygieneregeln. Nichtsdestotrotz macht Corona den Kulturschaffenden in der Kunst- und Kulturmetropole an der Spree schwer zu schaffen, Tausende sind in Kurzarbeit, leiden unter Einnahmeausfällen, Schauspieler und Musiker und DJs werden nicht mehr gebucht. Immerhin haben seit einigen Wochen auch die Museen wieder geöffnet, ebenso die Kinos. Freilich stets unter Einhaltung der Corona-Regeln und mit beschränktem Zuschauereinlass.

Schwer getroffen wird in Berlin vor allem die Clubszene. 140 Clubs und nochmals so viele Clubveranstaltungsagenturen gibt es in der deutschen Hauptstadt, sie generierten mit ihren 9000 Angestellten bis vor Corona Milliardenumsätze. Seit März sind die Clubs in Berlin geschlossen, die Soforthilfen der Bundesregierung sind zumeist schon aufgebraucht. Immerhin hat Berlin für Berliner Clubs und Bühnen zusätzliche Hilfe in Höhe von 30 Millionen Euro gesprochen. Doch die Berliner Clubs werden die letzten sein, die irgendwann nach Corona wieder Gäste empfangen dürfen. Viele Berliner Betreiber befürchten durch Corona daher ein massives Clubsterben. Christoph Reichmuth aus Berlin

London: Noch keine Normalität, aber es geht aufwärts

Ich habe mein erstes Ticket für einen Post-Lockdown-Event gebucht: eine Open-Air-Stand-up-Comedy-Show am 6. August. Ab. 1. August sind auch Indoor-Veranstaltungen mit Live-Auftritten wieder möglich. Aber die Auflagen, die zu befolgen sind – nur Sitzplätze, Bedienung nur am Tisch, räumliche Distanzierung, kein Geschrei –, machen ein solches Unternehmen riskant. So kostete mein Ticket das Dreifache gegenüber der Zeit vor Corona.

Die meisten Galerien und Museen sind wieder offen.

Die meisten Galerien und Museen sind wieder offen.

Neil Hall/EPA

Live-Events, Pubs und Bars sind das Herzblut von London. Bilder von pumpenvollen Gassen und trendigen Märkten, wo die Distanz- und Maskendisziplin abgenommen hat, lassen ein mulmiges Gefühl aufkommen. Mit einer Rückkehr zum alten Stil ist in nächster Zeit nicht zu rechnen, zumal Sänger und Sängerinnen sowie Blasinstrumente zwischen sich eine Distanz von drei Metern einhalten sollen. Doch es geht aufwärts. Die Ticketwebsite Songkick listet im August 300 Konzerte. Nicht alle Bars, Pubs und Restaurants verlangen eine Buchung, es herrscht aber Tischpflicht, dazu müssen Kontaktangaben hinterlassen werden.

Die meisten Galerien sind wieder offen. National Gallery (Titian), Tate Modern (Warhol), Tate Britain (Beardwsley), Barbican («Maskulinitäten»), Royal Academy (Gauguin ab 7. August) und Hayward (moderne Kunst und Bäume) bieten feine Kost, die in Ruhe genossen werden kann, denn Voranmeldung ist nötig, die Eintritte sind beschränkt. Offen sind auch The London Eye, Madame Tussauds und London Dungeon, Masken sind Pflicht. Museen und historische Gebäude gehen die Wiedereröffnung unterschiedlich an. Das British Museum bleibt geschlossen, der Tower ist teilweise offen.

Allerhand Experimente mit neuen Formaten sind am Laufen: The Drive In zelebriert Drive-in-Kino à la Fifties-USA und scheint zu laufen – ein Versuch mit Stand-up-Comedy wurde rasch eingestellt. Der legendäre Phoenix Arts Club am Rand von Soho startete am 1. August eine neue Reihe von Cabaret-Nächten, im Brixton Jamm sind wieder DJs zu geniessen. Einen Überblick über den neuesten Stand der Dinge liefert die Homepage des Stadtmagazins Time Out. Und wenn alle Stricke reissen, gibt es immer noch die herrlichen Pärke, allen voran Kew Gardens mit seinen exotischen Gewächshäusern. Hanspeter Künzler aus London

New York: Selbst Billy Joel muss Däumchen drehen

New York City mag die Stadt sein, die niemals schläft. Der Kulturbetrieb in der grössten US-Metropole befindet sich aber immer noch in der Corona-Zwangspause – auch weil Gouverneur Andrew Cuomo den Bühnenhäusern, Konzertlokalen und Museen in der Stadt noch nicht die Erlaubnis zur Wiederöffnung erteilt hat. Verrammelt sind damit die Türen aller Broadway-Theater, in denen Musicals wie «Hamilton» oder Dramen wie «Wer die Nachtigall stört» gezeigt wurden.

Pop-Musiker Billy Joel darf nicht im Madison Square Garden auftreten.

Pop-Musiker Billy Joel darf nicht im Madison Square Garden auftreten.

Alamy (Hollywood, 10. Januar 2020)

Geschlossen sind auch die Türen der legendären Jazz-Clubs sowie von Museums-Klassikern, über die eingefleischte New York-Kenner sprechen, als handle es sich um alte Freunde, die auf Namen wie «Met» (The Metropolitan Museum of Art), «Guggenheim» (Solomon R. Guggenheim Museum) oder «Whitney» (Whitney Museum of American Art) hören. Und selbst Pop-Musiker Billy Joel, der seit 2013 jeden Monat in der Grossarena «Madison Square Garden» vor ausverkauften Rängen Gassenhauer wie «Piano Man» singt, ist zum Nichtstun verdammt. Nun gehen die Veranstalter davon aus, dass Joel frühestens wieder im September vor Publikum auftreten kann. Das ist wohl eine optimistische Prognose. Denn Gouverneur Cuomo scheint es nach dem Schock im Frühjahr, als in New York gegen 23000 Menschen an den Folgen des Corona-Virus starben, nicht eilig zu haben, zurück zur Normalität zu kehren. Einige Museen, zum Beispiel «The Met», haben Wiedereröffnungspläne angekündigt. Aber solange der Gouverneur nicht sein Einverständnis gibt, handelt es sich dabei nur um Pläne.

Der Demokrat Cuomo hat zudem die Bewohner von 34 der 49 übrigen Bundesstaaten dazu verordnet, sich in eine zwei Wochen dauernde Quarantäne zu begehen, falls sie nach New York kommen. Auch Schweizer können derzeit nur auf Umwegen nach Amerika fliegen. Die Einreisesperre für Menschen, die sich im Schengen-Raum aufhalten, ist nach wie vor in Kraft.

Was bleibt in einer Stadt, die sich stets rühmte, Kultur-Talente aus aller Welt anzuziehen? Konzerte im Innenhof, vor maskiertem Publikum. Und die Hoffnung darauf, dass in New York City genügend Menschen wohnen, die neue Ideen haben werden, sollte sich die Rückkehr zur Normalität verzögern. Renzo Ruf aus Washington