Kultur mit Seeblick: Schlemmen heisst in Speicher auch Entwicklungshilfe

Das Kleintheater Kul-Tour auf Vögelinsegg wird 20 Jahre alt. Kleinkunst vieler Sparten ist hier mit der Kochkunst des Hausherrn verknüpft.

Martin Preisser
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Peter von Tessin und Elsbeth Gallusser: Ihre Kulturarbeit bedeutet auch Entwicklungshilfe.

Peter von Tessin und Elsbeth Gallusser: Ihre Kulturarbeit bedeutet auch Entwicklungshilfe.

Bild: Nik Roth

Wenn heute Abend der irakische Schriftsteller Usama Al Shahmani in Speicher bei Kul-Tour zu Gast ist, steht ein syrischer Koch am Herd des schmucken Appenzellerhauses. Eine Ausnahme. Denn seit zwanzig Jahren bekocht der Hausherr selbst, Peter von Tessin, seine Gäste. Kleinkunst und ein gediegenes Vier-Gang-Menü in Kombi, das ist das Erfolgsrezept, das seit nun 20 Jahren funktioniert. Der gebürtige Tübinger kocht schon seit seinen Pfadizeiten und besitzt das Wirtepatent. Für den Beruf des Kochs hat er sich aber nicht entschieden, er ist Psychotherapeut geworden.

«Kochen ist eine sportliche Herausforderung»

Leib und Seele kämen in seinem Haus gleichermassen auf ihre Kosten, sagt Peter von Tessin, für den das Kochen für rund fünfzig Gäste jeweils eine «sportliche und logistische Herausforderung» sei, die er immer wieder gerne suche. Und Peter von Tessin will mit seiner Küche auch den Vergleich mit den Restaurants der Gegend aushalten.

Dass das Menü oft zum Thema des Abends oder zur Herkunft der auftretenden Künstler passe, freut auch den Kabarettisten Ralf Schlatter: «Nicht nur Liebe, auch Kul-Tour geht durch den Magen», schreibt er in einem Beitrag über das Kleintheater in Speicher. Erschienen ist dieser in einem Reiseführer der Reihe Transhelvetica, der die Schweizer Kleintheaterszene behandelt. Dass Kul-Tour dort vorkommt, freut Peter von Tessin und seine Partnerin Elsbeth Gallusser. Seit dreissig Jahren sind die beiden verheiratet.

Man kennt den kleinen, aber feinen Ort. Beliebt ist er nicht nur bei den vielen Stammgästen, sondern auch bei den Künstlern selbst, die gerne hautnah beim Publikum spielen. Es ist der intime, persönliche Rahmen, der auch den Charme von Kul-Tour ausmacht.

Der schönste Backstage-Raum überhaupt

Die Künstler, die in Speicher auftreten, finden dort wohl den schönsten Backstage-Raum überhaupt. Es ist das grosse Wohnzimmer mit einem atemberaubenden Blick über die Weite des Bodensees. Angefangen hatte auf Vögelinsegg alles mit einem Tonstudio von Elsbeth Gallussers Sohn. Manuel Stahlberger nahm dort vor zwanzig Jahren, damals noch im Duo «Mölä & Stahli», seine erste Platte auf. Ein Jahr, nachdem Elsbeth Gallusser und Peter von Tessin 1999 dort oben eingezogen waren, startete das Kleintheater. Über zweihundert stilistisch ganz unterschiedliche Veranstaltungen sind bisher über die Bühne gegangen. Einen besonderen Höhepunkt wollen die beiden Kleintheater-Besitzer gar nicht hervorheben. «Es waren sehr viele, und es gab zum Glück nur zwei, drei Abende, die nicht gelungen sind.»

Der Elan beim Organisieren der Kleinkunstabende und beim Kochen für die Gäste ist den beiden bis heute nicht ausgegangen. «Jeder neue Abend ist wieder ein Ansporn», sagt Hausherrin Elsbeth Gallusser, die neben ihrem Mann auf acht weitere, rein ehrenamtlich arbeitende Mithelfer zählen darf. «Wir sind zusammen inzwischen ein eingeschworener Kreis».

Der Überschuss fliesst in die Entwicklungshilfe

Von Anfang an war das Konzept von Kul-Tour auch mit der Idee verbunden, Entwicklungshilfeprojekte in Ecuador zu unterstützen, mit der Stiftung Pro Latina, die Peter von Tessin präsidiert. «Würden wir nur ein Kleintheaterprogramm anbieten, könnten wir nicht den Überschuss erwirtschaften, der jeweils in die Stiftung fliesst», erzählt Peter von Tessin. Heisst: Schlemmen auf Vögelinsegg unterstützt ganz direkt die Menschen in den Anden Ecuadors.

Peter von Tessin, der jedes Jahr nach Ecuador reist, berichtet von landwirtschaftlichen Projekten, von einer Käserei, die fertiggestellt wurde. Oder von einer Lehrerin in Quito, die vierzig Strassenkindern Schulbildung ermöglicht und ihnen die Chance gibt, einen Beruf zu erlernen. In den letzten zwanzig Jahren habe sich in dem lateinamerikanischen Land die Lebenssituation verbessert. Die Selbstversorgung der Bevölkerung sei stabiler geworden, sagt Peter von Tessin und freut sich, dass auch sein Engagement dazu beigetragen hat.

Er ist etwas über, sie knapp 70 Jahre alt: Peter von Tessin und Elsbeth Gallusser denken noch nicht ans Aufhören, aber ans Kürzertreten. Ab nächstes Jahr wird es weniger Veranstaltungen auf der Vögelinsegg geben, aber weiterhin solche mit Qualität. Wie anspruchsvoll gutes Kleintheater, etwa ein scharfsinniger Kabarettabend, ist, weiss Peter von Tessin. «Geistvoll Lachen zu erzeugen, auf hohem Niveau zu unterhalten, ist eine ganz spezielle Leistung, die oft auch auf exzellenter Menschenkenntnis der Kabarettisten fusst.»

Nächster Abend auf Vögelinsegg mit Daniel Ziegler:
Sa, 7.3., ab 18 Uhr; Infos: www.kul-tour.ch

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Martin Preisser