Nominiert für Schweizer Buchpreis
Ganz schön manisch, dieser Schweizer Künstlerroman

Simon Froehlings autobiografisch inspirierter Temporitt ins manisch-depressive Künstlerscheitern im Roman «Dürrst» ist auch eine Metapher für das ungesicherte Leben.

Hansruedi Kugler
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Schriftsteller Simon Froehling.

Schriftsteller Simon Froehling.

Bild: Gaetan Bally / KEYSTONE

Bei aller Skepsis gegen die Mode der autofiktionalen Literatur: «Dürrst» ist ein glänzendes Beispiel dafür, dass das eigene schmerzhaft-exzessive Leben dank Formwille, Sprachgewalt, Fantasie und packender Dramaturgie zum eigenständigen Kunstwerk werden kann. Mit diesem Roman ist Simon Froehling ein grosser Wurf gelungen. Ein heftiger Roman, der im Kern ein Künstlerroman und ein Coming-of-Age-Roman ist, aber auch ein grosses Buch über Freundschaft, Dating und schwule Community, sogar eine Satire – und ja, auch eine präzise Studie über eine manisch-depressive Erkrankung.

Ein Leben als hektische Achterbahnfahrt

Da hat einer ein junges, schwules Künstlerleben wie eine rasante Berg- und Talbahn, es schüttelt gewaltig, mal hat er den Kopf triumphierend weit über den Wolken, dann schlägt er mit demselben brutal auf den Boden – und ist den Freunden ein liebenswertes Rätsel und Ärgernis zugleich. Simon Froehling und sein Romanheld Dürrst alias Andreas Durrer teilen vieles. Davon hat der 44-jährige Schweizer Schriftsteller und Dramatiker bereits 2019 in einem erschütternden Text in der Onlinezeitung «Republik» geschrieben. Sein extrem unstetes Leben in Australien, London, Kairo, Berlin, Zürich, sein sozial und finanziell ruinöses Verhalten – und dann die Erleichterung dank der Diagnose: bipolare Störung. Endlich Lithium, endlich ein Medikament, das hilft.

Vorher tönte das so: «Der Wecker klingelt nicht, weil ich keinen Wecker brauche. Bevor die Geschäfte öffnen, renne ich durch die Stadt, um Abwaschtücher zu finden im exakt selben Orangeton wie das Innere der stilisierten Sonnenblumen auf meinen Sechzigerjahrekacheln in der Küche, ... und um Treffen zu vereinbaren mit egal was für Männern, die manchmal Drogen haben und immer Alkohol, den ich mir zu Hause nicht mehr erlaube, seit ich versucht habe, im Vollsuff mit dem Kopf im eingeschalteten Gasbackofen einzuschlafen.» Ein Leben als Achterbahn also, mit Höhen in manisch-besessener Hektik und suizidalen Tiefen.

Grosse Metapher für das ungesicherte Leben

Froehlings Roman «Dürrst» liest sich wie ein Déjà-vu dieses autobiografischen Textes – und ist dennoch viel, viel mehr. Klar, die im Spital eingeflösste Flüssigkohle, welche die Giftstoffe nach dem Suizidversuch binden soll, die geschlossene Psychiatrie als Notaufnahme, der anonyme Dating-Sex – alles das taucht im Roman auch auf. Aber vor allem liest man hier einen Künstlerroman. Und dessen Reiz liegt darin, dass er den Künstler als jemanden zeigt, der sich dem Leben völlig ungesichert aussetzt: Dem Zufall und dem Scheitern, dem Gefühl, eine ideenlose Eintagsfliege zu sein, dem Zwang zur Originalität ausgeliefert, der Scham der Herkunft, der Euphorie des plötzlichen Erfolgs, dem Halt in Freundschaft und der Verlorenheit in der Liebe. «Dürrst» macht daraus eine grosse Metapher für das Leben überhaupt.

Dieser Dürrst, der seinen spöttisch-liebevollen Spitznamen behält, er sei der Dürrste, also Dünnste, er flieht als Jugendlicher vor seinen grossbürgerlichen Eltern in ein besetztes Haus und lebt anonymen Sex mit Männern aus. Mit einer cleveren Installation katapultiert er sich für kurze Zeit in den Kunsthimmel: Er baut fiktive Räume aus der Literatur hyperrealistisch nach. Seinen ersten Raum widmet er «Giovannis Room», dem US-Klassiker der schwulen Literatur von James Baldwin. Auf einer zweiten Zeitebene erlebt man den 40-Jährigen, nun künstlerisch erfolglos und beziehungsmässig haltlos, in einen manisch-depressiven Strudel versinken.

Tolle Sprache – obsessiv und hektisch

Mit seiner ungewöhnlichen Erzählperspektive, mit dem «Du», kommt er sehr nah («Du bist gesund genug, Dich zu verlieben») an seine Figur und gleichzeitig an die Lesenden. Grossartig, wie Froehling das gehetzte Lebensgefühl in einen manischen Schreibfluss übersetzt: Detailverliebte Beschreibungspräzision, atemlose Satzkaskaden («Warum ist da keine Luft? Warum ist da ein Klopfen?»), hektische Handlungsschübe, rauschhafte Dichte des Erlebten – ein Sog des immer drängenderen Irrsinns, in den Dürrst gerät. Ein beunruhigender und kunstvoll schöner Roman.

Simon Froehling: Dürrst. Roman. Bilger Verlag, 266 S.