Literatur-Wettbewerb
Soll der Bachmannpreis und das dazugehörende Klagenfurter Wettlesen weg?

Unsere Literaturredaktoren haben zum Bachmannpreis gegensätzliche Meinungen. Der eine findet es inspirierend, der andere überholt. Von Donnerstag bis Sonntag kann man sich auf 3sat ein eigenes Bild machen.

Hansruedi Kugler/Julian Schütt
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Mit der siebenköpfigen Jury im Rücken las 2019 auch Silvia Tschui am TV-Livelesen des Bachmannpreises im White Cube des ORF-Studios in Klagenfurt.

Mit der siebenköpfigen Jury im Rücken las 2019 auch Silvia Tschui am TV-Livelesen des Bachmannpreises im White Cube des ORF-Studios in Klagenfurt.

Bild: Johannes Puch / K / ORF

Schon der offizielle Name dieses Wettlesens markiert den exklusiven Anspruch: «46. Tage der deutschsprachigen Literatur».Tönt wie ein hoher Feiertag. Seit 1977 wird in Klagenfurt, der Geburtsstadt der Schriftstellerin Ingeborg Bachmann, gelesen und gerichtet. Dieses Jahr dauern die Lesetage von heute Donnerstag bis Samstag. Am Sonntag werden die fünf Preise vergeben.

Sämtliche Lesungen und Jurydiskussionen kann man live auf 3sat mitverfolgen, jeweils von 10 bis 15.30 Uhr. Aus der Schweiz nimmt dieses Jahr nur ein Autor teil: Usama Al Shahmani, der mit seinen Romanen «In der Fremde sprechen die Bäume arabisch» und «Im Fallen lernt die Feder fliegen» zum gefragten Autor und Kritiker im SRF-Literaturclub geworden ist.

Pro: Das elitäre Geschwafel darf gerne so bleiben

Hansruedi Kugler

Als ich vor vier Jahren zum vorerst letzten Mal live im ORF-Studio in Klagenfurt sass - als Journalist und Zuhörer, schwitzend und mir ständig Luft zufächelnd – sagte auch ich mir: «Nie wieder!». Das fast am Alpensüdrand gelegene österreichische Städtchen steckt pünktlich Ende Juni jeweils unter einer Hitzeglocke. Das mag ideal sein für die abendliche Party am nahen See, in welchem sich auch die erhitzten Kritiker- und Autorinnen-Gemüter abkühlen können. Aber der Literaturmarathon wird so schnell zur Qual.

Hansruedi Kugler

Hansruedi Kugler

Urs Bucher

Wenn man Tag für Tag die Autorinnen und Autoren wie auf dem Stängeli aufgereiht sieht, wie sie hoffen, von der Vernichtung vor der Live-Kamera verschont zu bleiben, dann kann es einem tatsächlich schlecht werden. Trösten kann man sich mit der sehr schmalen Öffentlichkeit. Denn bei einer durchschnittlichen Einschaltquote von 30 000 Zuschauern, kann man ja fast schon von einem Geheimtreffen sprechen. Spott und Häme lässt sich also leicht über dieses Wettlesen giessen.

Aber dann sagte mir Martina Clavadetscher, die vergangenes Jahr den Schweizer Buchpreis gewann, im Anschluss an ihre Lesung: «Ich bin überrascht, dass die Juroren so offen, differenziert und neugierig sind. In meinem Text haben sie sehr viel entdeckt.» Julia Weber, die 2021 beim Bachmannpreis teilnahm, meinte sportlich selbstsicher: «Für mein literarisches Schaffen sind solche Juryurteile nicht relevant.»

Ist also alles Gerede von Tränen und schlaflosen Nächten aufgebauscht? Mitleid fehl am Platz? Sondern im Gegenteil: Hochkarätige Auseinandersetzung mit Literatur, ihren Themen, ihren stilistischen Eigenheiten, ihrer Dramaturgie? Auch wenn dort introvertierter, bierernster Weltschmerz mit Lachverbot dominiert? Und noch dazu der Wettbewerb eigentlich heissen müsste «Klagenfurt sucht die beste Kurzgeschichte»?

Denn Romanauszüge überfordern die Jury. Aber die Verstörung hatte hier lange Methode, und ist Ausdruck des rabiaten Kritikerverständnisses des ersten Jurypräsidenten Marcel Reich-Ranicki. Legendär, wie er 1977 Karin Struck abkanzelte: «Dieser Text ist keine Literatur, sondern ein Verbrechen.» Es folgten Tränen und eine überstürzte Abreise.

Aber ehrlich: Mein Literaturkritikerherz schlägt unterdessen höher, wenn ich die ganze Bandbreite von Urteilen höre, die zwischen Erlebnisprosa («Toller Text, ich habe mich mitreissen lassen!») bis zum literaturwissenschaftlichen Seminarstil reichen («unterdeterminierter Text», «irritierender Quietismus»). Elitäres Geschwafel? Das darf es bitte bleiben.

Contra: Denke ich an Klagenfurt, verfolgt mich eine Horrorvision

Julian Schütt

Jahr für Jahr die gleiche Verlegenheit: Kaum ist der Juni da, müsste man als Literaturkritiker etwas zum Bachmannpreis zu sagen haben. Obwohl es nichts zu sagen gibt. Wen interessiert schon die 17-stündige Übertragung eines Literaturwettbewerbs? Schalte ich doch einmal an einem müden Morgen den «Bewerb» ein, wie es in Österreich heisst, starre ich schon nach wenigen Minuten wie ein Hochbetagter nur noch auf den Bildschirm, weil sich da was bewegt. Eine Horrorvision der Verzweiflung: Man versucht mit der totalen Langeweile am TV noch die eigene Langeweile im Leben totzuschlagen.

Julian Schütt

Julian Schütt

Zvg

Einige meiner Gspänli aus der Literaturgemeinde glauben nach wie vor, dass sich in Klagenfurt Sensationelles oder Skandalöses ereignen könnte. Die Zeiten sind jedoch längst vorbei, als sich Rainald Goetz während seiner Lesung 1983 die Stirn mit einer Rasierklinge aufritzte. Derart blutig ernst nimmt den Anlass heute niemand mehr.

Inzwischen ist es einfach ein schöner Betriebsausflug: Die einen tragen dort mit unterschiedlichem Geschick ihre Texte vor, die anderen tragen mit mindestens so unterschiedlichem Geschick ihre Jury-Voten vor. Und alle hoffen, dass es noch ein gutmütiges Publikum gibt, das diesen Phantomstreit als animiert oder vielleicht sogar als kontrovers wahrnimmt.

Heute müssen sich Autorinnen und Autoren in Klagenfurt nicht mehr selbst lädieren. Manche tun es trotzdem, aber unfreiwillig, weil sie schlicht nichts zu sagen haben. Hinzu kommt das TV, das manche Vortragende in ihrer Wirkung lädiert. Das Fernsehen tut sich die Übertragung des Wettlesens ja nicht wegen der Quote an, sondern weil der Kulturauftrag es dazu zwingt.

An sich ist das Medium inzwischen eine andere Dramatik und Rasanz gewohnt. Die Lesungen wirken am Bildschirm noch langfädiger, und auch als literaturbegeisterter Zuschauer hat man die meisten vorgelesenen Texte schon wieder vergessen, wenn die Jury sich darüber unterhält. Von mir aus kann man Klagenfurt abschaffen.

Kaum jemand ausserhalb des Betriebs wird es merken. Andererseits mag ich den Kolleginnen und Kollegen die erholsamen Stunden am Wörthersee gönnen. Denn darum reisen sie vor allem hin. Nicht primär wegen der Literatur. Aber man trifft sich eben. Und dies in angenehmer Umgebung. «Einmal muss das Fest ja kommen», schrieb die Namensspenderin Ingeborg Bachmann. Höchstens ein Drittel der bislang 45 Gewinnerinnen und Gewinner des Bachmannpreises haben mir Feststunden beschert. Und zwar trotz, nicht wegen des Sieges in Klagenfurt.

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