Krimi
Züri-Krimi: Sunil Mann wirft einen unbestechlichen Blick auf eine vermeintlich heile Welt

Der Berner Autor Sunil Mann hat uns mit seinen Krimis ganz schön was zu sagen.

Charles Linsmayer
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Sunil Mann schreibt Krimis, die der Schweiz den Spiegel vor halten.

Sunil Mann schreibt Krimis, die der Schweiz den Spiegel vor halten.

Britta Gut

Nachdem er sich von der Mafia abgewandt hat, mit einer Schweizerin verheiratet ist und im Aargau ein Lebensmittelgeschäft führt, bekommt Herbert Russo nach Jahren unverhofft wieder einen «Auftrag». «Weiche Konturen, die Haut teigig, das Gesicht speckig glänzend», hat ihn das Familienleben «lasch» gemacht, und längst ist er nicht mehr, was ihm nach dem Mord an vier Calamari fritti verspeisenden Amerikanerinnen in Sizilien den Namen «Kalmar» eingetragen hat.

So vermag er den befohlenen Mord an dem als Fernsehkoch getarnten Lorenzo Sposato eher durch Zufall doch noch durchzuführen, nachdem er sein Opfer in einem neunstündigen Einsatz-Marathon durch die minutiös genau protokollierte Stadt Zürich immer wieder auf penible Art verpasst hat, gleichzeitig aber in Beziehung zu anderen Kriminalfällen geraten ist: dem Versuch der Bolivianerin Belén Vargas, durch eine erpresste Heirat mit einem Immobilienmogul aus dem «sans-papier»-Status auszubrechen; dem Kampf zweier Nigerianerinnen gegen eine brutale schwarze Zuhälter-Gang; die Machenschaften der Mafia im Immobilien- und Finanzsektor und nicht zuletzt dem rätselhaften Tod des Bürolisten Antonio Greco, der die versteckte Geldwäscherei seines Arbeitgebers publik machen wollte.

Wobei letzterer Fall ins Arbeitsgebiet der «Agentur für unliebsame Angelegenheiten» fällt, mit welcher die Witwe des gescheiterten Whistleblowers, Marisa Greco, und ihr Partner Bashir Barisha als Ermittlerduo den Roman «Der Kalmar» in eine Reihe zu des Autors früheren Büchern «Der Schwur» (2020) und «Das Gebot» (2021) stellen.

Krimis aus dem richtigen «Stoff»

Der 1972 als Sohn einer indischen Krankenschwester in Zweisimmen geborene, nach abgebrochenem Studium in der Gastronomie und als Flugbegleiter beschäftigte Sunil Mann hat der Schweizer Literaturinstitutsfraktion etwas Wesentliches voraus: Stoff.

Etwa so wie Joseph Conrad, als dieser 1889 auf einmal literarisch umzusetzen begann, was ihn 15 Jahre in der Welt herumgetrieben hatte. Nur dass Sunil Mann, den Bonus der Bestsellerindustrie nutzend, nicht Abenteuer- sondern Kriminalromane schreibt. Ein Genre, das ihm offenbar mehr Transportmittel denn zentrales Anliegen ist und das er nutzt, um der Schweiz einen eindringlichen sozialkritischen Spiegel vorzuhalten.

In «Der Kalmar» erscheinen darin die bolivianische Kinderärztin Belén Vargas, die nach 23 Jahren «sans papiers» beinahe vergessen hat, «wie es ist, als richtiger Mensch wahrgenommen zu werden», die als Sexsklavinnen «importierten» Nigerianerinnen Joy und Faith, die sich tagsüber gar nicht erst auf die Strasse trauen, aber auch die Immobilienhändler, die ganze Quartiere zusammenkaufen, und die Population der Trendquartiere, die «authentisch urban» fühlt, aber die Nase rümpft, «wenn in der Nähe des Kinderspielplatzes Obdachlose oder Prostituierte gesichtet werden.»

Kein schönes, und schon gar kein heiles Bild der Schweiz, aber eines, das Missstände nicht ausklammert und den Büchern vieler mit der eigenen Befindlichkeit beschäftigten Nachwuchsautorinnen und -autoren etwas sehr Vitales, ja Brisantes voraushat.

Sunil Mann: «Der Kalmar». Grafit 2022. 266 S.

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