Kultur heisst Beharrlichkeit

Alt oder jung, traditionell oder innovativ: Das Spektrum der Geehrten ist breit und bunt. Gestern abend vergab die Stadt St. Gallen im Palace die diesjährigen Anerkennungs- und Förderungspreise sowie Werkbeiträge an Kulturschaffende.

Martin Preisser
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Die eigene Feier umrahmt Preisträger Niklaus Meyer mit seinem St. Galler Kammerchor. (Bild: Ralph Ribi)

Die eigene Feier umrahmt Preisträger Niklaus Meyer mit seinem St. Galler Kammerchor. (Bild: Ralph Ribi)

Grösser hätte der Unterschied zwischen den Schubert-Liedern, die der St. Galler Kammerchor unter Niklaus Meyer sang, und den elektronischen Soundtüfteleien eines Urs Baumgartner beim ersten Hören gar nicht sein können. Und doch: Schubert wie Baumgartner sind je in ihrer Zeit auf der Suche nach dem eigenen Ausdruck. Der inneren Wirklichkeit eine individuelle Stimme geben, dieses Streben vereint an dieser Kulturfeier aber auch die Musiker mit den bildenden Künstlerinnen und Künstlern, mit den Galeristinnen und dem Literaten.

Kultur schaffen, Kultur weitergeben oder vermitteln ist – das ein weiterer gemeinsamer Nenner zwischen den elf Geehrten (s. Kasten) – nicht ohne Beharrlichkeit und Neugier zu haben. «Wie entwickle ich Musik, dass daraus etwas Gültiges entsteht», ist eine Frage, die sich Niklaus Meyer, der diesjährige Träger des Anerkennungspreises der Stadt St. Gallen, immer wieder stellt. Und diese Suche nach dem Gültigen ist spartenunabhängig.

Vielseitig und neugierig

Neugierig war Niklaus Meyer stets und offen für viele Stile und Ausdrucksmöglichkeiten in der Musik. Er hat sich mit Tradition und Moderne auseinandergesetzt, hat im Rahmen seines Engagements für Open Opera beispielsweise eine Oper von Alfons K. Zwicker aufgeführt und nutzt seine Zeit heute für das private Studium aller 32 Beethoven-Sonaten. Vielseitigkeit, Offenheit und Ernsthaftigkeit attestiert Norbert Schmuck dem Glarner Niklaus Meyer in seiner Laudatio.

Vor dreissig Jahre ist Niklaus Meyer von Glarus nach St. Gallen «ausgewandert» und hat die Musikszene, vor allem auch das Chorwesen in dieser Zeit entscheidend mitgeprägt. Dass Stadtpräsident Thomas Scheitlin in seinem Grusswort St. Gallen als eigentliche Chorstadt bezeichnet, ist auch das Verdienst von Musikern wie Niklaus Meyer. «Die Kulturstadt St. Gallen positioniert sich einerseits über die grossen Kulturinstitutionen. Andererseits und ebenso wichtig für die Qualität einer urbanen Kultur ist das individuelle künstlerische und kulturelle Schaffen», unterstreicht Thomas Scheitlin das Engagement der Stadt für die Förderung von Kulturschaffenden.

Suche nach Zwischenräumen

Breit und bunt ist das Spektrum der fünf Förderungspreisträger. Christian Mägerle setzt sich schon fast vierzig Jahre für die Literatur (nicht nur) in der Stadt ein. Ein fast schon unmodernes Wort wie Treue gebraucht Laudator Rainer Stöckli für Mägerle; seine Anerkennung ist von eloquenter Warmherzigkeit und lässt die Leistung von Mägerle für «sein Gedenken, sein Erinnern und sein Auflebenlassen von Literatur» in intensivem Licht erscheinen.

Fast ein wenig unter die Fittiche nimmt Brigitte Schmid-Gugler «ihre» Künstlerin Michèle Mettler, auch sie eine «beharrliche Forscherin». Mettlers Fotografien «erzählen vom Verschwinden, tasten sich an das Zwischenräumliche heran, durchdringen die Schichten von Flüchtigkeit», sagt Schmid-Gugler. Und die Suche nach dem Dazwischen kann es auch sein, die Kunstschaffende verschiedener Generationen, Sparten und Couleur vereint.

Mit und ohne Guerillataktik

Immer wieder verschwinden auch die Galerien der Guerilla-Galerie. Die Idee, nur an einem Wochenende in kunstfremden Räumen überraschende, aber hochkarätige Kunst zu zeigen, ist seit zwei Jahren das Markenzeichen von Kathrin Dörig und Nadia Veronese. «Sie stellen Räume zur Verfügung, die auf die Künstler nur gewartet zu haben scheinen und umgekehrt», fasst Kristin Schmidt die Guerillataktik der beiden Geehrten zusammen.

Wie auf einem Schrottplatz habe es bei Soundtüftler Urs Baumgartner auch schon ausgesehen. Und auch für Forscher im Bereich des elektronischen Klangs, die «zu Programmierern ihrer eigenen virtuellen Musikinstrumente» werden, sind es Begriffe wie «verspielter Forschergeist und ernsthafte Beharrlichkeit», die Marc Jenny als Würdiger der Kunst Baumgartners findet. Und hier schliesst sich der Bogen zwischen dem Beat des Soundmixers und dem Klanggefühl eines Dirigenten, der einen Laienchor für Schubert oder Schumann begeistern möchte: Kultur entsteht durch Hingabe und Suche, egal in welcher Sparte.