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«Küss mich, aber stör mich nicht»

Nach ihrem letzten Theaterstück «Erstickte Träume», einer knalligen Stickerei-Revue, legt Rebecca C. Schnyder ihren ersten Roman vor: Eine Liebesgeschichte einer rauhbeinigen, abgestürzten Jungschriftstellerin mit krasser Lebensangst.
Hansruedi Kugler
Rebecca C. Schnyder wirft in ihrem ersten Roman einen düsteren Blick in die Seele einer Jungautorin. (Bild: Coralie Wenger)

Rebecca C. Schnyder wirft in ihrem ersten Roman einen düsteren Blick in die Seele einer Jungautorin. (Bild: Coralie Wenger)

ST. GALLEN. Wenn eine Romanfigur nach jeder Mahlzeit kotzen geht und sich ins Delirium säuft, muss man sich auf harte Kost gefasst machen. Und man ahnt schnell: Dahinter steckt eine unglückliche Seele. Gleich in den ersten Sätzen macht die 1986 geborene St. Galler Schriftstellerin Rebecca C. Schnyder klar, was Stil und Thema ihres ersten Romans sind: Rauhbeinige junge Frau trifft Märchenprinzen. Billy steht rauchend vor dem Haus ihres Psychotherapeuten. «Die Sonne, das Arschloch, stand am Himmel», denkt sie. Und über den jungen Mann, der auf dem Fahrrad auf sie zu steuert: «Ein Hund mit Scheissschuhen und einem Zauberlächeln. Könnte schlimmer sein.» Zynismus als Schutzschild und Romantik als gefährliche Sehnsucht, die man darum bekämpft – Billy ist in dieser Ambivalenz gefangen.

Jungautorin mit Lebensangst

Dass sie eine der Bekloppten sei, die hier in die Therapie gehen, reibt sie dem Märchenprinzen auf die Nase und stellt sich gleichzeitig vor, wie es wäre, mit ihm Sex zu haben. Rotzfrech und abgebrüht, aber gleichzeitig voller Lebensangst und Komplexe – Schnyders Hauptfigur hat den rauhen Charme einer Grossstadtgöre, die nichts und niemanden an sich heranlässt. Ausser ihre einzige Freundin Guen, die sie ihren «Kerl» nennt.

Auf 170 Seiten wird viel gesoffen und geflucht und angesichts der eigenen Lebensunfähigkeit tüchtig geheult. Billy ist Jungautorin. Der Erfolg ihres ersten Buches ermöglicht ihr ein Leben als Bohémienne. Allerdings ist dieses ein Desaster: Billy bringt keinen Satz aufs Papier, hockt tagelang untätig in ihrem Lieblingscafé, in ihrer «Egoisten-Kleinwelt». Ausser Rauchen, Saufen und gelegentlich einen «Idioten» fürs Bett abschleppen besteht ihr Leben darin, alle vor den Kopf zu stossen. Ihr Lebensmotto: «Alles ist besser in der Nacht», ergänzt mit dem Nachsatz: «Auch der Selbstbetrug».

Ja keine Hoffnungen zulassen

Nun mag man einwenden: Wenn eine Jungautorin einen Roman über eine Jungautorin mit Schreibstau und Lebensunfähigkeit schreibt, ist das riskant: Allzu schnell schmeckt das nach irrelevanter Selbstbespiegelung.

Und zugegeben: Gelegentlich nervt einen die Göre tatsächlich in ihrer pubertären Verstocktheit und ihrer forcierten sprachlichen Ruppigkeit. Das schnoddrige «Scheisse» und «Fick dich» reduziert sich dann auch mal zur literarischen Pose. Aber über den ganzen Roman gesehen ist Betty kompakt und plausibel geschildert. Der Märchenprinz entpuppt sich als cooler, einfühlsamer Theologiestudent – die Dialoge der zwei gehören zum Besten des Romans. Hingabe und Zurückweisung entfalten hier bald einmal ihre zerstörerische Dynamik: ja keine Schwäche zeigen, ja keine Hoffnungen zulassen, ja kein Mitgefühl wecken. Immer die coole Maske hochhalten, bis zum bitteren Ende.

Protokoll, keine Erklärung

Die Schwäche des Buches ist zugleich eine seiner Stärken: Denn woher kommt Billys Lebensangst, woher ihre Selbstzerstörung? Der Leser kriegt dazu Hinweise: die überfürsorgliche Mutter, die Angst, nichts zu schaffen, und deshalb nichts anzufangen. Bulimie, Alkoholexzesse, Exhibitionismus – es sind lediglich Symptome, sie erklären die Figur nicht. Schnyder schildert protokollartig Billys Absturz, den keiner verhindern kann, weil sie ihn geradezu herbeisehnt: «Ich flehte ihn an, wütend zu sein, mich zu verstossen, mich zu hassen», sagt sie über ihren Märchenprinzen. Als sie ihn vertreibt, atmet sie auf: «Ich war wieder ungestört mit meinem Unvermögen.» Was im trotzig-zynischen Weltekel mündet: «Ich lass mich lieber von einem Idioten ficken und trinke eine Flasche Gin. Das hat noch jeder überlebt. Die Welt aber nicht.»

Bis zuletzt ambivalent

Letztlich muss der Leser das Psychogramm der Billy selbst zusammensetzen. Was dann auch zur literarischen Stärke des schmalen Romans führt: Schnyder hält die Ambivalenz ihrer Hauptfigur bis zuletzt aufrecht, was ihr hoch anzurechnen ist. Man braucht sich nur an ein paar ähnlich geartete Vorgängerromane zu erinnern, um die Gefahr des literarischen Absturzes in klebrige Psychologie oder schlichten Kitsch zu erkennen.

Da las man doch vor Jahren Charlotte Roches «Feuchtgebiete», wo der demonstrative Masochismus und Zynismus der Hauptfigur im kitschigen Wunsch gründet, ihre geschiedenen Eltern mögen sich gemeinsam an ihrem Krankenbett versöhnen. Autsch!, musste man da sagen. Noch schlimmer Zoé Jennys «Blütenstaubzimmer», in dem sich eine junge Ausreisserin in weichgezeichneten Szenen in ihrer Scheidungskind-Wunde suhlt. Das war Betroffenheitsprosa, die bloss einen kitschigen Massengeschmack traf. Dagegen liest man Rebecca C. Schnyders Protokoll der hartgesottenen Selbstquälerin gerne.

Rebecca C. Schnyder: Alles ist besser in der Nacht. Dörlemann 2016. 175 S., Fr. 28.90.

Rebecca C. Schnyder: Alles ist besser in der Nacht. Dörlemann 2016. 175 S., Fr. 28.90.

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