KÜNSTLERQUARTETT: Der Klang der Wilden Möhre

Gleich alle vier Mitglieder der Familie Heinzer-Sigrist haben sich beruflich der Kunst und ganz besonders der Musik verschrieben. Die Künstlereltern liessen ihre Kinder frei entscheiden und förderten deren Talente.

Brigitte Schmid-Gugler
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Brigitte Schmid-Gugler

Zum siebzigsten Geburtstag von Doris Sigrist hatte ihr Partner Josef Peter Heinzer für sie das Stück «Die wilde Möhre» komponiert. Er hatte das Kraut am Rand des Gartens entdeckt, unweit von seiner Sukkulentenkultur im Gewächshaus und auch unweit von dem Ort, wo heute seine Urne steht: Der Wissenschafter und Komponist Josef Peter Heinzer starb vor wenig mehr als zwei Monaten an seinem Wohnort in Lenggenwil.

Während des Gesprächs in der Künstlerstube ist der Verstorbene allgegenwärtig. In den Erinnerungen seiner langjährigen Partnerin, der Musikerin Doris Sigrist. In den Erinnerungen seines Sohnes Cornelius Heinzer, Animationsfilmer und Illustrator. In den Erinnerungen vermutlich auch der Vierten im Bund, der ferienhalber im Ausland weilenden Lea Heinzer, Bratschistin im Sinfonieorchester St. Gallen.

Und auch deren Kinder würden vom Grossvater zu erzählen wissen: Der Stützbalken im Wohnzimmer, bis in die hinterste Ecke bestückt mit Instrumenten, Büchern und Reisedokumentationen, ist mit Nägeln und Schrauben «verziert». Es ist das Werk des Enkels, der auf diese Weise seine handwerklichen Neigungen ausleben darf.

Dazu heftete seine ältere Schwester einen Zettel: «geferlich», steht darauf. Ihre Perlenschnüre, die über dem Esstisch drapiert sind, hat der Grossvater mit binären Strukturen ergänzt. Er fädelte sie auf, als er neben seiner Enkelin sass und sofort zu tüfteln begann.

Jedes Talent war willkommen und wurde gefördert

«Er konnte gar nicht anders, als alles zu erforschen, was ihm vor die Augen und in die Hände kam», kommentiert Sohn Cornelius die Dekoration. Auch er komponiert, doch mit «eigenen musikalischen Interessen. Es ging mir nie darum, in Vaters Fussstapfen zu treten. Die Popmusik war zwar im klassischen Umfeld nicht sehr hoch angesehen, doch meine Eltern haben mich in meinen Interessen immer unterstützt», sagt er, der für diese Zeitung während dreier Jahre die wöchentlich erschienene Kolumne «Wahre Geschichten» illustrierte. Schon in seiner Kindheit zeichnete und schrieb er die ersten Comic-Hefte. Während des Gymnasiums konnte er seine Arbeiten im St. Galler Jugendkulturraum Flon zum ersten Mal öffentlich zeigen. 2010 schloss er an der Hochschule Luzern sein Studium für Animationsfilm ab. Immer wieder wurde er an Festivals wie etwa das Fumetto eingeladen. Mit der Grafikerin Jessica Vonmoos lancierte er das Label «Waldshop», mit dem die beiden beachtliche Erfolge erzielten.

In anregendem Austausch mit dem Vater

Der heute 36-Jährige, Neffe des berühmten, vor zwei Jahren verstorbenen Globi-Zeichners Peter Heinzer, ist heute als Freelancer tätig, und er hat eine eigene Rockband, mit der er regelmässig an Konzerten auftritt. Sein berufliches Arbeitsumfeld sei schwierig und werde hart umkämpft. Und er könne sich schlecht vermarkten, fügt er hinzu. «Darin ähneln wir uns, mein Vater und ich. Wir beide amüsierten uns immer über die Szene in der Geschichte vom ‹Baron von Münchhausen›, in der er sich angeblich am eigenen Zopf aus dem Sumpf gezogen hatte,» erinnert sich Cornelius Heinzer, während er seine momentane berufliche Situation schildert, die langfristig keine Perspektive zu bieten scheint.

Doris Sigrist, welche das Gespräch immer wieder auf ihren Partner lenkt, erzählt von den vielen Reisen. Mit den Kindern und später auch ohne sie. Das Paar begann zu tauchen; Josef Peter Heinzer kehrte kaum jemals zurück, ohne die Skizzen für eine neue Komposition. Das muss sie sein, die überschäumende Lebensenergie, welche dieses Haus bis in die hintersten Winkel beseelt. Die Motivation, welche sich von den Eltern auf die Kinder und von diesen auf die Enkelkinder übertragen hat. Eine Angeregtheit, die nie von Erfolgszwang, oder der Angst vor dem Scheitern blockiert, sondern immer von der Neugier und dem Staunen über die Vielfalt unserer Möglichkeiten als menschliche Wesen angetrieben wird.

Doris Sigrist und Josef Peter Heinzer waren bis zu dessen Tod 44 Jahre lang ein Paar. Die aus dem Berner Oberland Stammende hatte in Zürich ihr Lehr- und Konzertdiplom abgeschlossen und arbeitete danach im Stadtorchester Winterthur. Ihr Partner, geboren und aufgewachsen in Stein am Rhein, hatte erst bei seinem Vater eine Schreinerlehre absolviert. Dann ging er an die ETH, studierte Chemie und blieb dort in der Forschung tätig bis zu seiner Pension. Als die erstgeborene Lea drei Jahre alt war, fand die Familie das Haus in Lenggenwil. «Es lag für uns beide gut. Ich fuhr mit dem Auto zu Morgen- und Abenddiensten nach Winterthur, mein Partner pendelte mit dem Zug», erzählt Doris Sigrist.

Bescheidenheit und Understatement

«All die Jahre ist Josef nie ohne seinen Plastiksack unterwegs gewesen. Darin seine Notenblätter, Bücher, und Zeitungen.» Dies habe ab und zu auch Verwirrung gestiftet, «weil er mit seinem dichten Bart und dem Plastiksack eher den Eindruck eines Bedürftigen und nicht eines Wissenschafters und Künstlers machte», erzählt Doris Sigrist lachend. Vor uns auf dem Tisch liegen zwei CDs: Eine von acht Sinfonien und Kammermusik, die Josef Peter Heinzer komponiert hat. Mit Letzterer, die Doris Sigrist mit ihrem Trio zur Aufführung bringt, bleibt er der Vierte im Bund.