«Künstlerisch blutet mir das Herz»: St.Galler Opernchef Peter Heilker muss wegen Corona die Festspiele vom Klosterplatz ins Theater verlegen

Noch weiss niemand, wie lange die Coronakrise das Kulturleben in die Knie zwingt. Trotzdem muss das Theater St.Gallen bereits jetzt den aktuellen Spielplan anpassen: Die Festspielinszenierung kann erstmals in der 15-jährigen Geschichte nicht auf dem Klosterhof stattfinden. Und einige Premieren müssen über die Klinge springen.  

Julia Nehmiz, Christina Genova
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Der St.Galler Klosterhof als stimmungsvolle Kulisse wie hier 2019 bei Verdis «Il Trovatore»: Das wird es 2020 infolge der Coronakrise nicht geben.

Der St.Galler Klosterhof als stimmungsvolle Kulisse wie hier 2019 bei Verdis «Il Trovatore»: Das wird es 2020 infolge der Coronakrise nicht geben. 

Bild: Benjamin Manser

Das Theater St.Gallen darf aktuell nicht spielen und nicht proben. Auch die Mitarbeitenden der Werkstätten legen wegen der Coronapandemie ihre Arbeit nieder. Und die Ausfallmeldungen gehen weiter.

Gestern informierten Konzert und Theater St.Gallen, dass vier Premieren der aktuellen Spielzeit nun definitiv abgesagt werden: die Tanzproduktion «Colossus» der australischen Choreografin Stephanie Lake. Die Opernpremiere «Lessons in Love and Violence», Schweizer Erstaufführung des Werkes von Komponist Georges Benjamin und Librettist Martin Crimp.

Die Produktion «Sandkorn» der Theatertanzschule wird nicht aufgeführt. Auch die Abschiedsproduktion «Letschti Rundi», mit der das Schauspiel den Auszug aus dem Theater vor der grossen Sanierung zelebrieren wollte, findet nicht statt.

Den wirtschaftlichen Ausfall klein halten, Risiko minimieren

In diesem Ausfall-Reigen geht fast die Meldung über die St.Galler Festspiele unter: Zum ersten Mal in der 15-jährigen Geschichte wird die Opernproduktion nicht auf dem Klosterplatz vor prächtiger Kulisse und unter freiem Himmel aufgeführt, sondern im Theater. Verdis «Stiffelio» wird im Juni im Grossen Haus Premiere feiern. 

Aber warum? Werner Signer, geschäftsführender Direktor Konzert und Theater St. Gallen sowie Finanzchef der St. Galler Festspiele, sah sich gestern nicht im Stande, Fragen zu beantworten, weder telefonisch noch schriftlich.

Opernchef Peter Heilker ist erreichbar, und er sagt:

«Künstlerisch blutet mir das Herz.»

Es sei fürchterlich, aber im Moment unumgänglich, «so leid es uns tut». Es sei eine Entscheidung, um das Risiko zu minimieren. Zum einen wisse aktuell niemand, wohin die Reise hingehe.

Operndirektor Peter Heilker

Operndirektor Peter Heilker

Bild: PD

Dazu komme, dass auf dem Klosterplatz grosse Aufbauten nötig seien. «Wenn es denn stattfinden darf, dauert der Vorlauf auf dem Klosterplatz viel länger als im Grossen Haus.» Hinzu komme das Wetter: Jedes Jahr habe man ein bis zwei Vorstellungen nicht spielen können. Im Theater könne man immer spielen und so den wirtschaftlichen Ausfall kleiner halten.

Auch abseits der Festspiele ist Land unter. Aktuell betreibe man etliche Planungsspiele und versuche, für alle ausgefallenen Vorstellungen Ersatztermine zu finden. Die für den 9. Mai geplante Schweizer Erstaufführung von «Lessons in Love and Violence» sei leider nicht mehr zu stemmen. «Selbst wenn wir ab dem 20.April proben dürften, können wir nicht in drei Wochen eine Premiere rausstampfen», sagt Heilker. Zudem sitzt ein Gast-Tenor in den USA fest, ein anderer in Grossbritannien, ein Sänger in Deutschland, eine Sängerin in Polen - und niemand wisse, wann die Grenzen wieder aufgehen.

Es gibt schlichtweg keine Spieldaten, um alles unterzubringen

Schauspieldirektor Jonas Knecht sagt, als hätte er sich mit Opernchef Peter Heilker abgesprochen: «Mir blutet das Herz!» Ausgerechnet die Abschiedsproduktion «Letschti Rundi» muss über die Klinge springen. Aber: «Wir haben zwei Produktionen in der Pipeline, es gibt schlichtweg keine Spieldaten, um alles unterzubringen.» 

Schauspieldirektor Jonas Knecht

Schauspieldirektor Jonas Knecht  

Bild: Michel Canonica

Also heisst es: Die Produktionen, die schon hergestellt wurden, die will man unbedingt noch rausbringen. Und zudem die ausgefallenen Vorstellungen nachholen. Trotzdem: Jonas Knecht flucht ins Telefon, zu sehr schmerzen die Absagen. Aber vielleicht gibt es Rettung für «Letschti Rundi», und es wird nächste Spielzeit eine «Erschti Rundi» in der Tonhalle daraus. Oder eine «Letschti Rundi» im Provisorium. Ideen sind da.

Auf die Frage, wie es ihm gehe, antwortet Konzertdirektor Florian Scheiber: «Es könnte besser sein.» Zwei grossartige Konzerte habe er letzte Woche absagen müssen. Und er wählt drastische Worte:

«Für uns ist es eine Katastrophe».

Die Situation sei «grauenvoll», «furchtbar»: «Wir können unsere Aufgabe, durch Kunst Dinge zu bewegen, nicht erfüllen.» Scheiber ist täglich im Büro und entwickelt Szenarien für die Zeit danach: «Wir bereiten uns auf alle Eventualitäten vor.»

Ein beschäftigter Tänzer ist ein gesunder Tänzer

Nicht einmal drei Wochen waren es noch bis zur Premiere von «Colossus», dem neuen Tanzstück. Dann kam das Aus. Tanzchef Kinsun Chan spricht von einer «schwierigen Entscheidung». Nun hoffe er, dass zumindest das Stück «Coal, Ashes and Light», für welches bereits viele Karten verkauft worden seien, in die Verlängerung gehe.

Der St.Galler Tanzchef Kinsun Chan hofft, dass seine Choreografie «Coal, Ashes and Light» wieder aufgenommen werden kann.

Der St.Galler Tanzchef Kinsun Chan hofft, dass seine Choreografie «Coal, Ashes and Light» wieder aufgenommen werden kann. 

Bild: Gregory Batardon

Eine Planung sei momentan nicht möglich:

«Wir spielen Puzzle und wissen nicht, zu welchem Bild wir die Teile zusammensetzen, denn es ändert sich täglich.»

Wichtig sei, dass die Kompanie fit bleibe: Jeder studiere zu Hause ein Solo ein und stelle das Video auf die Website des Theaters, denn: «Ein beschäftigter Tänzer ist ein gesunder Tänzer.»

«Wir möchten keine Freunde sterben sehen »

«Ich habe Angst, zur Arbeit zu gehen», sagte eine Mitarbeiterin des Theaters St. Gallen am Dienstag zu dieser Zeitung. Sie liebe ihre Arbeit, aber in ihrem Bereich sei es nicht möglich, Abstand zu halten: «Ich finde es verantwortungslos weiterzuarbeiten.» Nun kann die Angestellte, die anonym bleiben möchte, aufatmen. Ab heute ruht der Betrieb auch in den technischen Abteilungen des Theaters St. Gallen, mindestens bis am 19. April.

Der geschäftsführende Direktor Werner Signer schreibt in einem Statement: Es habe sich gezeigt, dass die Einhaltung der sogenannten Social-Distancing-Vorgaben des Bundesamtes für Gesundheit bei der Ausführung der anstehenden Arbeiten nicht durchwegs gewährleistet werden ­könne.

Noch am vergangenen Donnerstag schätzte Signer die Lage in einer Sitzung mit dem technischen Leiter und zwei Gewerkschaftsvertretern anders ein: Einstimmig wurde beschlossen, den Betrieb in den Werkstätten aufrechtzuerhalten. Einer der Gewerkschafter, Stephan Otremba, sagt: «Im Nachhinein hätten wir vor der Entscheidung genauer abklären sollen, ob unter diesen Umständen die Arbeit am Theater noch möglich ist.» Er und seine Kollegen hätten sich die ganze letzte Woche nicht an die Abstandsvorgaben halten können.

Weil zahlreiche Kollegen mit ihren Ängsten an ihn gelangten, entschloss sich Otremba am Wochenende zusammen mit Andreas Enzler, im Namen aller Mitarbeitenden einen Brief an Signer zu verfassen. In einem dramatischen Appell baten sie ihn, alle Abteilungen zu schliessen: «Wir möchten keine Freunde, Kollegen, ‹Familienmitglieder› sterben sehen und dafür sagen können, unser Keller sei aufgeräumt.»

Noch am Dienstag sagte Signer: «Im Theater St. Gallen gibt es keine Orte, wo man zu nahe aufeinander arbeitet.» Nun hat er offenbar die Bedenken der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ernst genommen. (gen)

Der Tanz in der Kathedrale sei 2020 von den Corona-Massnahmen nicht betroffen, sagt das Theater St.Gallen. Hier ein Szenenbild aus «Peregrinatio» von Beate Vollack von den Festspielen 2018.

Der Tanz in der Kathedrale sei 2020 von den Corona-Massnahmen nicht betroffen, sagt das Theater St.Gallen. Hier ein Szenenbild aus «Peregrinatio» von Beate Vollack von den Festspielen 2018.

Bild: Eddy Risch / KEYSTONE
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