Künstler im Homeoffice: Wie das Theater St.Gallen den Kontakt zum Publikum hält

Und der Hund jault mit dem Tenor: Die Homepage des Theater St.Gallen ist wie eine Art Adventskalender. Mit lustigen Video-Grussbotschaften sendet man dort täglich ein Lebenszeichen in die Coronawelt hinaus. 

Julia Nehmiz
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Tenor Riccardo Botta singt, und sein Hund singt mit: Das Theater St.Gallen veröffentlicht täglich kleine Grussbotschaft der Künstlerinnen und Künstler.

Tenor Riccardo Botta singt, und sein Hund singt mit: Das Theater St.Gallen veröffentlicht täglich kleine Grussbotschaft der Künstlerinnen und Künstler.

Bild: Screenshot

Bis mindestens zum 30.April bleibt das Theater St.Gallen geschlossen. Sängerinnen, Tänzer, Schauspieler und Musikerinnen sind seit gut zwei Wochen im Homeoffice. Seit kurzen auch die Angestellten der Gewerke: Diese protestierten, da sie in ihrer Arbeit nicht die Massnahmen des Bundes einhalten konnten. 

Das Theater ist also zu, doch das Publikum muss nicht auf die Künstlerinnen und Künstler verzichten. Unter dem Motto «Künstler im Homeoffice» zeigen die Theaterangestellten aus Schauspiel, Oper, Tanz und Orchester, was sie derzeit Zuhause so machen. Und das ist viel – und skurril. 

Wie in einer Art Adventskalender wartet jeden Tag eine Überraschung auf der Homepage des Theaters. Man sieht, wie Tänzerin Stefanie Fischer sich beim TV-Schauen auf dem Sofa oder beim Teekochen an der Spüle dehnt – zur Nachahmung nicht empfohlen, es sei denn, man beherrscht den Spagat und noch darüber hinaus. Aua. 

Violinist Gregory B. Gates spielt vor gewagter Tapete aus dem Violinkonzert von Sibelius – ein Werk, dass das St.Galler Sinfonieorchester Ende März live in der Tonhalle hätte spielen sollen. Regisseur Martin Pfaff spricht wie durch ein Schlüsselloch einen Appell, dass das Publikum sich auf die «Orestie» freuen könne. 

Dieser Videoschnipsel verkürzt die Wartezeit 

Eindeutiger Höhepunkt bisher ist das Video von Bariton Riccardo Botta: Er filmt, wie er sich am heimischen Flügel einsingen möchte, und sein musikalischer Hund schwanzwedelnd mitjault. Klar, ein Ersatz für eine Opernaufführung im Grossen Haus ist das nicht. Aber gerade dieser kleine Videoschnipsel verkürzt die Wartezeit auf das Ende des Lockdowns und steigert die Vorfreude auf echten, realen Theatergenuss. 

Noch hat das Theater St.Gallen keinen Mitschnitt einer Inszenierung online gestellt. Schauspieldirektor Jonas Knecht sagte gegenüber Tagblatt-online, man überlege im Leitungsteam, was man anbieten könnte, was für Formate spannend wären. Man habe zwei, drei gute Mitschnitte von Inszenierungen, vielleicht stelle man diese online.

St.Galler Sinfoniker: Gestreamt aus Amsterdam

Was man schon online findet, allerdings nicht auf der Homepage des Theaters, ist ein äusserst professioneller Mitschnitt des Gastspiels des  Sinfonieorchesters St.Gallen im Concertgebouw Amsterdam. Dort spielten die St.Galler im Januar mit der Pianistin Anna Fedorova Rachmaninoffs Klavierkonzert No.1. Das Concertgebouw Amsterdam sendete das Konzert im Livestream, inklusive Pausen-Kommentator aus der Kabine, fast wie wie beim Fussball. Online ist der Mitschnitt hier noch verfügbar.

Doch eigentlich geht es Jonas Knecht um etwas Anderes. Gegenüber dem Tagblatt-Online sagt er: 

«Ehrlich gesagt geht es doch im Moment nicht ums Theater.»

Es gehe darum, die Ausbreitung des Virus’ in den Griff zu bekommen, es gehe um Solidarität, um Lösungen für das Überleben der vielen freien Künstlerinnen und Künstler. Da wolle er sich keinen verrückten Online-Spielplan ausdenken.

Doch wer weiss, was sich seine Künstlerinnen und Künstler noch so alles ausdenken. Und was Jonas Knecht und die anderen Direktoren des Theaters St.Gallen aushecken. Noch ein Grund mehr, wenn man schon nicht das Theater besuchen kann, täglich mal auf der Theaterhomepage vorbeizuschauen. 

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