Kühn und gar nicht klein

«Die Zeit vergeht im Flug» heisst die traumhafte Ausstellung in der Galerie Friebe. Es ist eine Begegnung mit den verspielten Arbeiten des Künstlerpaares Hendrikje Kühne und Beat Klein.

Brigitte Schmid-Gugler
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Gegen die Wand geflogen: Kühne/Klein mit ihrer «Schwärmerei». (Bild: Urs Bucher)

Gegen die Wand geflogen: Kühne/Klein mit ihrer «Schwärmerei». (Bild: Urs Bucher)

Von Vorteil ist es schon, die Ausstellung nicht in Begleitung von Kindern zu begehen. Obschon sie bestimmt nicht nur Erwachsenen das Herz erwärmt und einem gleich Erinnerungen hoch- und ein bestimmter nicht anwesender Geruch in die Nase steigen. Ein Geruch von Fischleim in Grossmutters Stube, der in einem Kupfertopf vor sich hin brodelte, um damit die Kanten der Kartonschächtelchen zu verleimen.

Die Grossmutter verdiente sich mit der Heimarbeit im Auftrag einer Kartonagefabrik einen Batzen dazu, und wenn die Enkelin am Tisch neben ihr sass, durfte sie die mit einem weissen, glatten Falzbein vorgeritzten, beschrifteten oder bebilderten Kartönchen umknicken und stapeln. Oft entstanden daraus kleine Türme, Häuser, Städte.

Das Spiel der Illusion

Man würde das Künstlerpaar Kühne/Klein gerne fragen, ob sie als Kinder auch eine Grossmutter hatten, die Kartonschächtelchen falzte und klebte. Man könnte sich mit ihnen aber auch übers Sammeln unterhalten, über Sammelgut und Sammelticks. Menschen sammeln ja alles Mögliche, alte Munition, Waffen sowieso, Damenunterwäsche, Schuhe, Panini-Bildli, Postkarten.

Kunstpostkarten, wie man sie gerne von Ausstellungen in Museen oder Galerien mitnimmt. Das ist es, was Kühne/Klein sammeln. Nicht etwa, um sie mit einer Briefmarke und schönen Grüssen ihren Freunden zu schicken, sondern um sie zu zerschneiden und neu zusammenzukleben. Zu Kunst-Gemälden, «Paintings», Abbildern von Malereien, die denen alter Meister im Stil des 17. bis 19. Jahrhunderts in nichts nachstehen.

Es handelt sich um paradiesisch anmutende Landschaften, Schlaraffenländer voller Lust und Schleckereien von Evas Apfel bis zu Zauberfrüchten; von biblischen Motiven bis zum Garten Eden. Die Fragmente sind perfekt in- und übereinander gefügte Collagen, Wunderwelten-Bilder, welche die präzise Schaffensweise, von der blossen Bastelarbeit in den künstlerischen Kontext gestellt, nachvollziehen lässt.

Wie etwa Fischli/Weiss oder Lutz/Guggisberg stellen auch Kühne/Klein den ironisch-kritischen Beiklang her, fragen nach der Bedeutung von Konsum und Werbung. «Ein Haufen Zeit» ist die geschichtete virtuelle Zeit, die verlorene oder gewonnene «Scheinzeit». Sie haben Fernsehzeitschriften auseinandergerupft und zerschnitten, die Bilder von Filmsequenzen und -stars auf Spiegelfolie geklebt und als Pyramide, bestehend aus viereckigen Kärtchen, ineinandergesteckt und aufgebaut.

Fast einen Meter wächst diese Traum-Wunsch-Glitzer-Welt, deren «Thema» sich erst im Herantreten an die Skulptur erschliesst. Der perfekt aufgebaute Zeithaufen sieht von weitem aus wie ein polierter Riesendiamant, von nahe betrachtet ist der Berg der Illusionen nicht stabiler als eine Sandburg. Die vermeintliche Stabilität ist ein Manifest an den Irrglauben, aber auch ein einzigartiges Vorzeige-Beispiel der Steck- und Falzwelt des Künstlerpaares.

Seit zehn Jahren arbeiten sie zusammen, die aus Darmstadt stammende Hendrikje Kühne (1962) und der Schweizer Beat Klein (1956). Zahlreiche Ausstellungen haben sie seither im In- und Ausland bewältigt, in der Schweiz zuletzt im Kunstmuseum Olten, und noch bis Ende dieses Monats ist im Kunstmuseum Thurgau in der Kartause Ittingen unter anderem eines ihrer raumgreifenden Mandalas ausgelegt.

Keine heile Welt

Ein solches ist leider in der Galerie Friebe nur als Wandbild, nicht aber als Installation mit dabei, dafür dürften kleine Kinderhände wiederum gerne ausprobieren, was passiert, wenn man eines der Flugzeuge, die wie Darts-Pfeile in die gleiche Richtung fliegen, vom Himmel holt. Oder besser gesagt von der weissen Wand, wo sie mit blauer Knete angepopelt sind, als wollten sie mit ihrer «Schnauze» kleine Wölkchen aufspiessen.

«Schwärmerei» heisst diese international-fluggesellschaftliche Wandarbeit, und man kommt nicht umhin, daran zu denken, dass man mit Flugzeugen nicht nur in die Ferien, sondern auch in Türme fliegen kann. Würden sie hier die Wand durchbohren, sähe man ihren Bug im Raum mit der Vogelhecke.

«A Hedge» heisst die circa fünf Meter lange, aus Tausenden von einheimischen und exotischen Vögeln zusammengesteckte Hecke.

Auch hier handelt es sich um ein methodisch-melancholisches Vexierbild: Die Rückseiten der Vogelgestecke sind aus einheitlichem Braun – aufgeklebtes Papier mit Holzmustern, so unecht wie die heile Welt.

Bis 26. Juni, Galerie Friebe, Unterstr. 16; www.galerie-friebe.ch