Krokodilstränen im ­Haifischbecken

Bettina Kugler
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Erzählungen Bei grosser Hitze braucht es einen ersten Satz, der richtig einfährt, sonst gibt man schnell der sanften Schläfrigkeit in der Hängematte nach. Eva ­Menasse versteht sich auf die Kunst, mit wenigen Worten verheissungsvolle Plots anzudeuten. Gleich hat sie die Leserin (männliche Leser sind herzlich willkommen) hellwach mit Trompetenstössen wie diesem: «Ihr Jugendfreund Martin ist gestorben, und Tom, die Frau, die auf einem Männernamen besteht, sitzt ratlos am Computer und bucht einen Türkei­urlaub mit Wasserrutschen.» Umso mehr, wenn man das Buch in sicherer Distanz zu solchen Rutschen aufschlägt.

Die Verhaltensweisen moderner Städter in abgesicherten Verhältnissen (aber nicht ganz so gesicherten Beziehungen) sind das Forschungsfeld: Man blickt in Patchworkfamilien, Künstlerkolonien, in den Keller eines alten Patriarchen mit dementer Gattin. Die Inspiration dazu – mal mehr, mal weniger zwingend – stammt aus Zeitungsmeldungen über zoologische Kuriosa. Sie sind den Erzählungen jeweils vorangestellt. In den besten Fällen ist der Zusammenhang nicht so offensichtlich wie in «Opossum», wo ein Regisseur in prekärer Lebenslage zwischen zwei Frauen nächtens einen Wildwechsel zu spät bemerkt. Was ihm vorher passiert, ist spannender, weil rätselhaft. Dabei wird die Erzählerin nicht müde, ihre gnadenlosen kleinen Spitzen zu platzieren.

Bettina Kugler