Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

«Kritiker haben ‹La bohème› kein langes Leben vorhergesagt»

Auf einen Kaffee mit dem Dirigenten Hermes Helfricht
Rolf App
Hermes Helfricht, Dirigent der St. Galler Inszenierung von «La bohème». (Bild: Urs Bucher)

Hermes Helfricht, Dirigent der St. Galler Inszenierung von «La bohème». (Bild: Urs Bucher)

An einem kalten Herbstabend des Jahres 1893 treffen sich ­Giacomo Puccini und Ruggie­- ro Leoncavallo zufällig in einer Mailänder Galerie. Sie kennen ­einander aus Studientagen, beide sind sie erfolgreiche junge Kompo­nisten, Puccini mit «Manon ­Lescaut», Leoncavallo mit ­«Pagliacci» («Der Bajazzo»). «Schreibst Du etwas Neues?», fragt der eine den andern. Entsetzt finden sie heraus, dass sie am selben Stoff sind, den «Scènes de la vie de bohème» von Henri Murger. Drei Jahre später wird Puccinis «La bohème» Premiere haben, ein Jahr später Leoncavallos Oper. Beide haben sie Erfolg beim Publikum. Aber, erzählt Hermes Helfricht, der Puccinis Werk gerade am Theater St. Gallen einstudiert: «Die Musikkritiker haben Puccinis ‹La bohème› kein langes Leben vorhergesagt.» Wie man sich doch täuschen kann. Denn gerade mit «La bohème» hat er sich in die Herzen der Menschen gespielt, bis zum heutigen Tag. Er sei, hat er selber einmal in treffender Kürze gesagt, eben der «Komponist der kleinen Dinge».

Szenen des Alltags neben grossen Gefühlen

Wie schön diese kleinen Dinge im Musikalischen gearbeitet sind, das vermag Helfricht an vielen Beispielen zu illustrieren. «Die Partitur ist so reich», sagt er. «Auf der einen Seite sind da diese jungen Künstler, die unter dem Dach zusammen wohnen, nicht wissen, wie sie den nächsten Tag überstehen sollen – und trotzdem heiteren Gemüts sind. Es ist der Alltag, den Puccini ganz wunderbar vertont – und auf der andern Seite die grossen Gefühle, wenn Mimi kommt. Er nimmt das Orchester oft stark zurück, die Übergänge vom Rezitativischen zum Ariosen werden fliessender, und manchmal geht das dann unfassbar rasch voran. Was den vier Bohèmes Rodolfo, Marcello, Schaunard und Colline ziemlich viel abverlangt.»

Puccini nutzt das Orchester virtuos, aber sparsam

Es ist die Feinheit der Textur, die den Dirigenten so sehr beeindruckt. Puccini zeichnet Figuren und Situationen, vor allem aber Gefühle, und nutzt die Möglichkeiten des Orchesters virtuos, aber ganz sparsam. Ein Beispiel nur: Mit einer warmen Melodie kündigt sich im ersten Akt Mimi an, der Zuschauer denkt sofort: Es könnte sich etwas anbahnen zwischen ihr und Rodolfo. Wenn sie dann zu singen beginnt, tut sie es schüchtern, und ganz kurz schwenkt das Orchester von Dur zu Moll – zu jenem cis-Moll, das dann am Ende in den Bläsern ihren Tod begleitet. «Natürlich realisiert der Zuhörer nicht bewusst, dass da die Vorahnung eines nur kurzen Lebens in Töne gefasst wird», sagt Hermes Helf­richt. «Aber subkutan kann er es gut spüren.»

Puccini spielt gerne mit Kontrasten. Der zweite Akt endet übermütig mit dem Militärspiel. Dann, im dritten Akt, erwacht die Stadt an einem Wintermorgen, Schnee fällt. Und Puccini, der hier stark impressionistisch arbeitet, lässt Flöten und Harfen leere, absteigende Quinten spielen, darunter weben die Celli einen Klangteppich. Und wenn dann später Mimi und Rodolfo einander wieder finden, spielt sich hinter ihrem Liebesduett eine heftige Eifersuchtsszene zwischen Musetta und Marcello ab, ohne dass die beiden so unterschiedlichen Stimmungslagen einander ins Gehege kommen.

Fazit: «Puccinis vierte Oper ‹La bohème› ist grosse Kunst», sagt Hermes Helfricht, «alle Beteiligten freuen sich auf die Premiere» – die in der Inszenierung noch einige Überraschungen bereit hält. Welche, das verraten wir hier nicht.

Rolf App

rolf.app@tagblatt.ch

Premiere: Sa, 21.10., 19.30 Uhr, Theater St. Gallen

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.