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KRIEGSJOURNALISMUS: Das Leiden der anderen

Wie viel fremden Schmerz ertragen wir? Und müssen wir Kriegsleid dokumentieren? Donald Margulies untersucht im Stück «Zeitstillstand» vier Sichtweisen – jetzt zu sehen in Frauenfeld und Zürich.
Dieter Langhart
«Ich lebe vom Leiden Fremder»: Pablo Bursztyn, Dorit Ehlers, Adele Raes, Noce Noseda in «Zeitstillstand». (Bild: Thi My Lien Nguyen)

«Ich lebe vom Leiden Fremder»: Pablo Bursztyn, Dorit Ehlers, Adele Raes, Noce Noseda in «Zeitstillstand». (Bild: Thi My Lien Nguyen)

Dieter Langhart

dieter.langhart@tagblatt.ch

Sarah hält das Chaos auf Armlänge von sich. Die Fotojournalistin geht an die Front, bannt den Horror mit der Kamera – dann steht die Zeit still. Als eine Bombe ihr das Bein zerfetzt und Splitter ihr Gesicht entstellen, muss sie eine Pause einlegen. Ihr Lebenspartner James, ein freier Auslandsreporter, holt sie heim. Sarah nervt sich über seine Fürsorglichkeit und seine Schuldgefühle; er war vor ihr zurückgekehrt nach seinem Zusammenbruch im Irak.

Hier setzt das Stück «Zeitstillstand» («Time Stands Still») des Amerikaners Donald Margulies ein. Sarahs alter Freund und Mentor Richard taucht auf, Fotoredaktor bei einer Zeitschrift, im Schlepptau seine neue Flamme Mandy, eine blutjunge, unbedarfte Event-Managerin. Sie bringt zwei Ballons mit: «Willkommen daheim» und «Gute Besserung». Sarah verdreht die Augen.

«Die Wahrheit einfangen, sie nicht inszenieren»

Zwei Kleinbühnen haben sich des eindringlichen Stoffes angenommen: das Zürcher Kodachrome-Theater und die Theaterwerkstatt Gleis 5 in Frauenfeld. Sie inszenieren «Zeitstillstand» als multimediales Stück: Die Videoinstallation von Bertold Stallmach thematisiert die Wirkung von Kriegsbildern, ohne den Schrecken zu zeigen; die Zitate aus Horrorfilmen, über die James schreibt, gerinnen zu ironischem Augenzwinkern. Passend die Songs zu den Szenenwechseln, nicht zwingend hingegen der Wechsel zwischen Deutsch und Englisch bei Sarah und James.

Brennpunkt des Stücks ist die Figur der Sarah. Dorit Ehlers gibt sie als harsche und unerbittliche Frau, die ihrer Berufung nicht entfliehen kann: Kriege, Hungersnöte, Völkermorde zu dokumentieren. «Wenn ich durch das kleine Rechteck sehe, bleibt die Zeit stehen.» Sie sammelt Beweise, legt Zeugnis ab. Als ihr Mandy mangelnde Empathie für die Opfer vorwirft, sagt Sarah: «Wir sollen die Wahrheit einfangen, sie nicht inszenieren.» Aber hat sie recht, das Leid nicht an sich heranzulassen, damit sie ihre Arbeit tun kann? «Ich würde ja gerne alle Waffen aus der Welt schaffen und alle Kinder retten. Das kann ich aber nicht. Ich bin da, um Bilder zu machen.» Eine Ausrede? Sind Kriegsjournalisten Heilige oder handeln sie aus Eigennutz?

Sehnsucht nach Ruhe und Glück

James kann Sarah kaum beistehen, zu sehr ist er mit Schreibstau und einem Gefühl von Neid und Minderwertigkeit beschäftigt. Pablo Bursztyn, der auch Regie führt, spielt aus dem Körper heraus, betont das Laute, Ungehobelte der Figur. Rastet aus, als er von Sarahs Verhältnis mit ihrem Dolmetscher Tarik erfährt, wird erst sanft, als er die Sehnsucht nach Familienglück und Ruhe in sich findet. Subtil zeichnen Dorit Ehlers und Pablo Bursztyn nach, wie sich die Beziehung zwischen Sarah und James verändert – bis zur überraschenden Wendung. Noce Noseda als Richard ist ausgleichend und zynisch zugleich und voller Freude über sein spätes Liebesglück. Adele Raes überzeugt erst als Provinzmaus Mandy, entwickelt sich weiter, verteidigt ihre Erfüllung als Mutter.

? Do–Sa, 23.–25.11., 20.30 Uhr, So, 26.11., 18.30 Uhr, EWZ Unterwerk Selnau, Zürich (25.11., 18.30 Uhr: Diskussionsrunde) ? Fr/Sa, 1./2.12., 20 Uhr, Theaterwerkstatt Gleis 5, Frauenfeld theaterwerkstatt.ch

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