KRIEGS-EPOS: Rette sich, wer kann

Mit «Dunkirk» schildert Regisseur Christoper Nolan bildgewaltig, aber nicht gewaltverliebt den Überlebenskampf von Soldaten, die nur nach Hause wollen. Das ist packend wie ein Thriller inszeniert.

Andreas Stock
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Warten auf das nächste Schiff – und Bangen vor der nächsten feindlichen Fliegerattacke. (Bild: pd/Warner)

Warten auf das nächste Schiff – und Bangen vor der nächsten feindlichen Fliegerattacke. (Bild: pd/Warner)

Andreas Stock

Eine leere Strasse, verlassene Häuser, es regnet Flugblätter vom Himmel. Sie sind an die französischen und englischen Soldaten gerichtet: Dünkirchen sei umzingelt, sie sollen sich ergeben. Dann fallen Schüsse, eine Gruppe britischer Soldaten rennt um ihr Leben.

Mit langen Erklärungen hält sich «Dunkirk» nicht auf. Eine Schrifttafel informiert darüber, dass im Mai 1940 im französischen Küstenstädtchen fast 400000 Soldaten festsitzen und «der Feind» näher kommt. Und es nur einen Weg raus gibt: Eine Evakuierung per Schiff. Nur einer der Soldaten aus der erwähnten ersten Szene schafft es an den kilometerlangen, weiten Sandstrand. Der junge Tommy (Fionn Whitehead) trifft hier auf Tausende Soldaten, die warten, dass ein Schiff sie mitnimmt.

Hier gibts keine Kriegs-Pornografie

Nach dem von Träumen strukturierten Thriller «Inception» und dem mit der Relativitätstheorie spielenden Science-Fiction-Epos «Interstellar» beschäftigt sich der britische Regisseur Christopher Nolan in «Dunkirk» mit einem für die Briten sehr bedeutsamen Ereignis zu Beginn des Zweiten Weltkriegs. Aber wie erwartet liefert Nolan keinen typischen Genre-Film ab. Dies ist kein Kriegsfilm wie beispielsweise «Saving Private Ryan» von Spielberg. Es gibt hier keine «guten» Deutschen, ja, man bekommt überhaupt keinen deutschen Soldaten zu sehen. Es gibt keine Szene mit Generälen, die auf Landkarten schauen, keine Männer, die in einer Gefechtspause über Heimat und Familie palavern, und keine Soldaten-Schicksale, die ausgebreitet werden. Es wird überhaupt sehr wenig geredet.

Aber es gibt 106 Minuten lang Angst und verzweifelten Überlebenskampf. Noch selten wurde in einem Kriegsfilm so deutlich wie hier, wie grausam zufällig das Schicksal über Leben und Tod entscheidet – und nicht ein Drehbuch, das seine Hauptdarsteller durch den Film bringen will. Es wird viel gestorben, das wird jedoch unsentimental inszeniert und ohne sich daran zu weiden. Nolan braucht keine brutalen Bilder von zerfetzen Körpern, um die Grausamkeit zu zeigen. Statt Kriegs-Pornografie findet er Bilder, die wuchtiger und packender sind als solche von Blut. Gedreht auf 65 mm-Film und mit Imax-Kameras (leider gibt es noch kein Imax-Kino in der Schweiz!), ist das ein wortwörtlich bombastisches Kinoerlebnis. Unterstützt von einem überwältigenden Tondesign, das einem Schüsse und Bomben um die Ohren fliegen lässt sowie einem wummernd-bedrohlichen Soundtrack von Hans Zimmer, der mit den Kriegstönen verschmilzt, und dessen tickender Takt das Rennen mit der Uhr intoniert.

Drei Schauplätze, drei Zeitspannen

Nolan versetzt das Publikum mitten hinein ins Geschehen. Man ist mit auf diesem verflucht weiten, offenen Sandstrand, auf dem die Soldaten ein leichtes Ziel sind. Und wir sitzen im Cockpit der Spitfire-Flieger und erleben, wie waghalsig ein Luftkampf ist. Es gibt kaum eine Verschnaufpause in diesem Kriegs-Thriller, in dem es ständig um Leben und Tod geht. Das lässt nicht kalt.

Christopher Nolan, der das Drehbuch diesmal ohne seinen Bruder Jonathan geschrieben hat, fokussiert auf drei Schauplätze und wenige Protagonisten, über die man nur wenig erfährt. Hauptschauplatz ist der Strand (unter den Darstellern hier Kenneth Branagh und «One Direc­tion-Musiker Harry Styles); der zweite Handlungsort ist die kleine Motorjacht von Mr. Dawson (Mark Rylance). Er schliesst sich mit seinem Sohn und dessen Freund George den vielen zivilen Booten an, die von der britischen Südküste aus den Ärmelkanal queren, um ihre Soldaten nach Hause zu holen. Und dann sind da, drittens, die drei Flieger der Royal Air Force, die auf dem Weg nach Dünkirchen sind.

Diese drei Geschichten werden parallel und ineinander verschachtelt erzählt. Denn die drei Stränge haben unterschiedliche Zeitspannen. Am Strand werden die Ereignisse einer Woche zusammengefasst, auf dem Boot vergeht ein Tag und die Flugzeuge sind eine Stunde in der Luft. Das führt zu einer kühnen Montage, die trotz spannendsten Situationen ungerührt den Schauplatz wechselt, den Thrill abrupt unterbricht. Denn Christopher Nolan, diesem Regisseur mit seinem kühl-analytischen Faible, geht es ums grosse Ganze während jener dramatischen Kriegstage. Um die kollektive Tragödie.

Ein wenig Pathos erlaubt er sich erst in den letzten Minuten, als ein britischer Mythos geboren wird. Ein militärisches Desaster zum wundersamen moralischen Sieg, weil 330000 Soldaten gerettet werden konnten.

«Dunkirk» läuft ab Donnerstag, 27.7., in den Schweizer Kinos