Kriege, Krisen und Konflikte

Der maltesisch-amerikanische Comicschöpfer Joe Sacco hat sich der Darstellung von Konflikten und Bürgerkriegen gewidmet. Das Basler Cartoonmuseum bietet eine einzigartige Schau zum umfangreichen Werk des Zeichners.

Hans Keller
Drucken
Teilen
Joe Sacco ist ein genauer Beobachter: Aus «Footnotes in Gaza», Tusche auf Papier, 2009. (Bild: Joe Sacco)

Joe Sacco ist ein genauer Beobachter: Aus «Footnotes in Gaza», Tusche auf Papier, 2009. (Bild: Joe Sacco)

Intifada in Palästina, Bosnien im Chaos, Bürgerkriegsdesaster in Ex-Jugoslawien, das Perpetuum mobile der Gewalt in Gaza: In den Krisen- und Kriegsreportagen Joe Saccos ähnelt sich seine Vorgehens- und Arbeitsweise von Werk zu Werk. Deshalb soll hier exemplarisch sein Band «Palästina» (1993–96) unter die Lupe genommen werden.

«Nicht objektiv, sondern ehrlich»

Um Missverständnissen vorzubeugen: In «Palästina» zeichnet Joe Sacco persönliche Erfahrungen auf, die er 1991/92 in Israel machte. Und zwar vor allem bei den Palästinensern. Denn der 1960 auf Malta geborene und in den USA ausgebildete Sacco strebt eine Korrektur der auch ihm sattsam bekannten israelisch-amerikanischen Sicht des ewigen Konfliktes an. Sacco: «Es ist kein objektives Werk, wenn man unter Objektivität die amerikanische Ansicht versteht, die sich nicht um die Darstellung der Realität kümmert. In diesem Buch wollte ich nicht objektiv sein, sondern ehrlich.»

Recherchen vor Ort

Was damals für den zeichnenden Reporter hiess, sich in die Palästinensergebiete zu begeben und das dort Erfahrene aufzuzeichnen. Und zwar im buchstäblichen Sinne, nämlich mit dem Zeichenstift. Joe Sacco besucht palästinensische Orte. Er beobachtet, wie im vorwiegend palästinensischen Hebron Enklaven orthodoxer Juden mitten in der Stadt von bewaffneten Soldaten bewacht werden müssen. Und er erlebt, wie es beim Grab Abrahams, einer für Juden und Moslems heiligen Stätte, zwischen Juden und seinem arabischen Führer zu Wortgefechten kommt.

Die Szene ist beispielhaft für den scheinbar unlösbaren Konflikt. Dass die Auseinandersetzungen oft dort stattfinden, wo sich die Kontrahenten im Grunde geistig besonders nahe stehen, scheint ein notorischer menschlicher Defekt zu sein.

Zeichnerische Ausdrucksmittel

Die erste Intifada ist gerade vorbei, es werden aber immer noch Palästinenser verhaftet. Ein Familienvater, der drei Wochen in israelischer Untersuchungshaft festgehalten wurde, erzählt von Misshandlungen. Gerade anhand dieser Sequenzen lässt sich auch die optisch effektive Arbeitsweise Saccos demonstrieren: Die Haft des Palästinensers schildert der Comicreporter zunehmend kleinteiliger, das Splitten in schliesslich zwanzig gleich grosse Panels pro Seite vermittelt die Enge der Zelle sowie die Qual der eintönig verrinnenden Zeit.

Beide Seiten beachten

Obwohl sich Joe Sacco vorwiegend um die Lage der Palästinenser kümmert, ist er keineswegs blind und taub für andere Belange. Unter der Kapitelüberschrift «Mit anderen Augen» diskutiert der Zeichner intensiv den Konflikt mit zwei Israelitinnen, die auf ihrem Standpunkt beharren. Dass man in Nahostkonflikt kaum einen Schritt weiter gekommen ist, zeigten die diversen Gaza-Kriege, wovon «Footnotes in Gaza» (2008) handelt.

Die Herkunft ist erkennbar

Joe Saccos Zeichnungen sind in leicht karikierendem Realismus gehalten und resultierten stilistisch zunächst aus den US-amerikanischen Underground-Comics der 1960er-Jahre; vorab denjenigen eines Robert Crumb mit seinen grotesk grossen Händen und Füssen. Diese künstlerische Herkunft des Zeichners ist in der Basler Ausstellung durch einschlägige Beispiele gut dokumentiert. Etwa durch seine karikaturistischen und grotesken Beiträge für Magazine wie «Weirdo». Nach und nach hat dann bei Sacco eine souveräne Verfeinerung stattgefunden. Lokalkolorit – etwa eines aus der Vogelperspektive dargestellten verregneten Flüchtlingslagers – wird stimmig festgehalten.

Geradezu obsessiv wirkt die ebenfalls gezeigte neuere Arbeit «The Great War». Es handelt sich um ein vielblättriges Panorama mit minuziösen Darstellungen der Erster-Weltkrieg-Schlacht an der Somme aus der Vogelperspektive. Und obschon es sich lediglich um den ersten Tag der Schlacht handelt, reibt sich eine Art Spielzeugoptik an der brutalen Realität. Das Panorama wirkt beinahe kindlich harmlos – wie etwa das Nachstellen der Custer-Schlacht am Little Big Horn mittels Bakelit-Indianern und Figuren der US-Truppen.

Joe Sacco: Palästina, Edition Moderne, 290 S., Fr. 42.–

Aktuelle Nachrichten