Zwei Lesetipps zeigen russische Lebensrealität

Eine Neuübersetzung von Erzählungen Lew Tolstois und ein Roman von Dmitry Glukhovsky bieten schwermütige Lektüre.

Erika Achermann
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Kriege im Kaukasus

Es ist erstaunlich, wie aktuell die Erzählungen über den Kaukasus von Lew Tolstoi bis heute wirken. Zwar erzählt er oft idealisierend von tüchtigen Reitern, kaltblütigen Kriegern und stolzen Frauen, aber die Spannungen zwischen Russland und den Völkern im Kaukasus sind immer noch vorhanden. Das kann man nicht zuletzt in der Literatur aus Georgien nachlesen, die aus Anlass der Frankfurter Buchmesse zahlreich erschienen ist. Der 20-jährige Tolstoi reiste 1851, «auf der Flucht vor sich selbst», aus einem Leben der Petersburger «Jeunesse dorée» mit seinem Bruder in den Krieg. Er hatte zwar bereits damals eine distanzierte Haltung zum Krieg, wollte aber niederschreiben, was er dort sehe und war dann vom Kampfesmut der Kosaken hingerissen und von der grandiosen Naturbühne, die ihm der Kaukasus bot.

Nicht Kriegsszenen fesseln ihn, sondern das Leben der Menschen und das Schreiben: «Weshalb sind Glück und Unglück so eng verknüpft? Wie soll man leben?» Tolstois beinahe postkolonialer Blick auf die Psychologie des Despotismus erstaunt. Rosmarie Tietze, die Tolstoi neu übersetzt hat, verrät in ihrem Nachwort, dass die historisch verbürgte Geschichte der kaukasischen Helden auch 2018 kein Ende hat. Hadschi Murats Kopf wird immer noch in St. Petersburg als Trophäe des Sieges aufbewahrt, obwohl seine Nachkommen in Tschetschenien ihn bestatten möchten.

Lew Tolstoi: Krieg im Kaukasus. Erzählungen. Mit Illustrationen, Suhrkamp, 560 S., Fr. 38.–

Russische Realität heute

In Russland leben heute zwei Kasten: die Mächtigen und jene, die von den Mächtigen unterdrückt werden und nie eine Chance bekommen, nach oben zu kommen. In Dmitry Glukhovskys Roman werden beide Gruppen in einer Figur verkörpert. Ilija kommt nach sieben Jahren aus dem Gefängnis frei und bringt den Polizisten Petja um, der ihn unschuldig hinter Gitter gebracht hat und somit um seine Zukunft. Er nimmt ihm sein Smartphone ab, übernimmt Petjas Identität und spielt die dreckigen Spiele dieses Vertreters der Mächtigen weiter. Am Ende stellt sich natürlich die Frage, was gut und böse ist in einem solchen System, dem Ilja schutzlos ausgeliefert ist und das derart schicksalhaft wie in Putins Russland mit Macht und Ohnmacht verwoben ist. Eine schwermütige Lektüre.

Dmitry Glukhovsky: Text. Roman. Europa Verlag, 368 S. Fr. 24.-