KOPF DES TAGES: Seine Ehrlichkeit ist unbequem

Die Deutschen werden sich noch wundern: In Kürze soll Markus Imbodens Film «Der Verdingbub» auch in ihren Kinos starten.

Merken
Drucken
Teilen

Seine Ehrlichkeit ist unbequem

Die Deutschen werden sich noch wundern: In Kürze soll Markus Imbodens Film «Der Verdingbub» auch in ihren Kinos starten. Sie werden keine Postkartenidylle à la Heidi, kein Feel-Good-Movie, sondern einen düsteren Problemfilm aus einer dunklen Ecke der Schweizer Geschichte zu sehen bekommen.

Das sieht Regisseur Markus Imboden nicht ganz so verengt. Er spricht von einem «farbigen Film»: Im Emmental sei die Natur üppig, der Himmel blau, die Wiesen saftig-grün und die Gewitterwolken mächtig. «Wer die Natur als Bühne hat, kann Filmfiguren besser zeigen», ist der 56jährige Berner überzeugt. Doch so sehr er der Natur die Hauptrolle zuschiebt, ist sie doch nur Mittel zum Zweck, Kulisse eben. Im Film dominieren andere Dinge. «Der Film ist ein Drama», sagt Imboden, ein Gesellschaftsdrama. «Die Geschichte zeigt die Verlogenheit, die sich unter dem Mantel des Althergebrachten verbirgt. Irgendwann nehmen die Dinge ihren unerbittlichen Lauf, wie bei einer griechischen Tragödie.» Nicht düster habe er das zeigen wollen, nur ernsthaft.

«Der Verdingbub» ist einem Menschen gewidmet: Imbodens Vater. Er erinnert sich: «Mein Vater hatte keine Eltern. Er erzählte mir viel über das Fehlen von Liebe und Zuneigung in seiner Jugend. Er wuchs bei den Grosseltern in ärmlichen Verhältnissen auf und fühlte sich oft einsam. Für ein Verdingkind war es allerdings noch sehr viel härter als für ihn.»

«Eine politische Haltung haben»

Imboden arbeitete in den vergangenen Jahren hauptsächlich in Deutschland. Das hat seinen Grund: Für seine Kino-Komödien «Katzendiebe» (1996) und «Komiker» (2000) konnte er problemlos Fördergelder auftreiben; suchte er aber Geld für schwierige, sozialkritische Filme, blitzte er ab. Diese Erfahrung machte er jedenfalls zu Beginn der 1990er-Jahre. Imboden stellte andere Ansprüche an sich. Er sagt: «Man sollte als Filmemacher eine politische Haltung haben und diese auch kundtun.» Den gesellschaftskritischen Film «Ausgerechnet Zoe» (1994) drehte er in Deutschland – und gewann den Adolf-Grimme-Preis.

Imboden kehrt zurück

Der Preis bewirkte wahre Wunder. Imboden bekam in seiner Wahlheimat immer neue und bessere Möglichkeiten, sich als Filmemacher zu entfalten. Vor allem aber stellten sich ihm die besten Schauspielerinnen und Schauspielern vor die Kamera. Dazu gehörten Martina Gedeck, Ulrich Mühe, Barbara Rudnick, Roeland Wiessnekker und Katja Riemann um nur einige wenige zu nennen; letztere spielte nun auch im «Der Verdingbub» mit. Auch die Schweiz scheint nun wieder einen Platz für den grundehrlichen, aber unbequemen Markus Imboden gefunden zu haben. Der gelernte Elektrotechniker, der später an der Uni Zürich Germanistik und Geschichte studierte und nach Stationen als Regieassistent an Theatern schliesslich beim Film landete, plant eine nächste Produktion: Im Februar beginnen die Dreharbeiten zu «Am Hang» nach dem Roman von Markus Werner. Im Herbst 2012 übernimmt er die Leitung des Masters an der Zürcher Hochschule für Künste (ZHdK). Imboden beruhigt sich selbst: «Das ist eine 50-Prozent-Stelle. Dass ich weiter Projekte verfolge, ist eine Auflage.» (phr)