KONZERTGESTALTUNG: Sechzig Minuten Zukunftsmusik

Musik ist überall und jederzeit verfügbar: Das ändert unsere Erwartungen an Liveauftritte. Am Festival Montforter Zwischentöne in Feldkirch haben junge Musiker innovative Formate präsentiert – das beste Projekt wurde mit dem «Hugo» prämiert.

Bettina Kugler
Drucken
Teilen

Bettina Kugler

bettina.kugler

@tagblatt.ch

«Bitte Ruhe, das Konzert hat bereits begonnen»: Solch eine Hinweistafel im Foyer stiftet Verwirrung, wenn man gerade routiniert sein Billett aus der Tasche fischt und sich auf einen exquisiten Konzertabend freut. Wie bitte? Hat man sich in der Zeit geirrt? Das Beste bereits verpasst? Und was denken die Leute, wenn man sich nun mitten im Stück durch die Reihe zwängt und seinen Platz sucht? Punktsieg für das Team Freischwimmer, die Feldkircher Lokalmatadoren.

Die sechs jungen Blechbläser, Studenten am Vorarlberger Landeskonservatorium, waren Anfang Februar eines der Teams, die sich um den diesjährigen «Hugo» bewarben, den Wettbewerb um die beste innovative Konzert­dramaturgie: benannt nach dem Minnesänger Hugo von Montfort und ausgetragen im Rahmen des Festivals Montforter Zwischentöne. Die Freischwimmer gehö­ren zur wachsenden Zahl kreativer Nachwuchsmusiker, die sich im Studium nicht nur auf technische Perfektion und künstlerische Gestaltung konzentrieren wollen. Sondern nach zeitgemässen Präsentationsformaten für Musik suchen: für alte und neue, oft gehörte oder experimentelle, herausfordernde Werke.

Wandeln im Labyrinth, Liederträume im Hallenbad

Bereits zum dritten Mal wurde der Wettstreit Anfang Februar im Rahmen des Festivals Montforter Zwischentöne ausgetragen. Die Aufgabe: ein Programm von etwa einer Stunde speziell für den Konzertort Altes Hallenbad zum Thema «Träumen» zu entwickeln, mit einem Budget von maximal 2500 Euro. Das Siegerprojekt soll am 22. Juni an den «Zwischentönen» aufgeführt werden.

Fünf Teams der Musikhochschulen Basel, Salzburg, Nürnberg und Feldkirch mit Studierenden aus Deutschland, Österreich, der Schweiz, Kolumbien, Puerto Rico und den USA, aus ­Israel, Frankreich und Spanien präsentierten in jeweils dreissig ­Minuten ihr Konzept: Sei es ein Labyrinth mit Klangstationen im abgedunkelten Raum, sei es eine Kombination aus Kunstliedern und Videoprojektionen mit Soundeffekten oder ein Experiment zum luziden Träumen, mit vorab eingereichten Traumtagebüchern von Zuhörern.

Die Jury bestand aus Sarah Wedl-Wilson, Vizedirektorin des Salzburger Mozarteums, Annekatrin Klein, Studiengangsleiterin Musikpädagogik an der Musikhochschule Basel und Konzertpianistin, Wolfgang Burtscher, Obmann des Kulturkreises Montforthaus, und Folkert Uhde, Musikmanager und Konzertgestalter. Sie diskutierte nach jeder Präsentation direkt und öffentlich. Zur Idee des Festivals gehört, die Adressaten – herkömmlich Pu­bli­kum oder Teilnehmer genanntAABB22– zu «Teil-gebern» zu machen. Wer bei «Hugo» überraschen, die Aufmerksamkeit von Beginn an fokussieren und dann möglichst bis zum Ende halten kann, hat gute Chancen, das Publikum anzusprechen, es «abzuholen» und zu berühren.

Unsere Hörgewohnheiten haben sich geändert. Musik ist überall und jederzeit verfügbar; wir hören sie häppchenweise, oft nur im Hintergrund, widmen uns gleichzeitig anderen Tätigkeiten. Musik ist vielfältiger, im klassischen Bereich breiter zugänglich geworden: kein Luxusgut, tradiert hinter verschlossenen Türen, Mittel zum Zweck bürgerlicher Selbstvergewisserung.

Ein wichtiges Kriterium: Praktische Umsetzbarkeit

Doch wie kann sie im Gespräch bleiben, als Performance und ­öffentliches Ereignis Teil des sozialen Lebens sein? Wie kann sie alters- und schichtenübergreifend Gelegenheit zu kollektiven Er­fahrungen geben? Solche Fragen ­bewegen Folkert Uhde und Hans-Joachim Gögl, die beiden künstlerischen Leiter der Montforter Zwischentöne, bei der Programmgestaltung. Der Wettbewerb «Hugo» ist seit der ersten Ausgabe 2015 Herzstück des zukunftweisenden Festivals.

Für Interessierte hatte es bereits im Dezember einen «Briefing-Workshop» mit Ortsbegehung gegeben. Aus den anschliessenden Bewerbungen wurden fünf Gruppen ausgewählt; eines der wichtigsten Kriterien war bereits bei der Vorauswahl die praktische Umsetzbarkeit der Idee.

Zwar gingen die Feldkircher Freischwimmer am Ende leer ausAABB22– den Preis holte das Nürnberger Ensemble fraktale mit dem Projekt «Morpheus Metamorphose», einer interdisziplinären Kombination aus alter und zeitgenössischer Musik (Bach, Vivaldi und Dominik Vogl), Livemusik und Sounds/Samples in ungewöhnlicher Besetzung, massgeschneidert für den Spielort Altes Hallenbad. Viel Lob und Applaus aber gab es für alle Teilnehmer: für innovative Ideen und kühne Versuche, mit dem Publikum in Kontakt zu treten. Für ihre Bereitschaft, technische Fragen mit­zudenken. Für überzeugende ­Repertoireauswahl und spannende Präsentationen. Ein Feld, in dem die «Zwischentöne» anderen Musikfestivals weit voraus sind.

Aktuelle Nachrichten