KONZERTE: Kurzkritiken

Bettina Kugler
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Vergnügte Ruh in letzter Minute

«Schläfert allen Sorgenkummer in den Schlummer»: Die Worte, mit denen die Arie der Kantate BWV 197 beginnt, wird Michael Wersin, künstlerischer Leiter der Barockkonzerte in der St. Galler Schutzengelkapelle, am Samstag im Stillen an der Truhenorgel mitgesungen haben. Bis kurz vor Probenbeginn war der Abend mit Arien aus diversen Bachkantaten, zugeschnitten auf die vorgesehene Solistin Margot Oitzinger, auf der Kippe gestanden. Dann aber sagte Benno Schachtner, Rising Star unter den Countertenören, spontan zu. Ein Bonus an Publikumssympathie war ihm sicher. Souverän übernahm Schachtner einen Grossteil des geplanten Programms mit Arien zur Osterzeit und überzeugte mit strahlendem Timbre und vokaler Mitteilungskunst; für den Rest kamen ihm die flexiblen Mitmusikerinnen des Collegium Instrumentale entgegen. Frisch und beweglich noch in der schönsten Seelenruhe wirkten sie zusammen, von der virtuos umspielten Choralmelodie in «Lobe den Herren» (Violine: Susanne von Bausznern) bis zum Bach-Schlager «Vergnügte Ruh, beliebte Seelenlust». Ebenso lustvoll, kantabel und quicklebendig das Oboenkonzert F-Dur mit Kerstin Kramp als versierter Solistin.

Bettina Kugler

Den Himmel gibt’s nicht ohne Augenzwinkern

Selbst das Paradies ist keine ironiefreie Zone: Diese Einsicht steht unweigerlich am Ende von Gustav Mahlers Vierter Sinfonie. Erwartungsgemäss doppelbödig mündete sie im sonntäglichen Konzert des Sinfonieorchesters St. Gallen unter der Leitung von Chefdirigent Otto Tausk in eine gebrochene Idylle. Der kindlichen Einfalt ist nicht zu trauen; mag Sopranistin Sunhae Im auch wie ein Engel in Erscheinung treten, mit einer Helligkeit in der Stimme, als sei sie das himmlische Kind. Da hatte sie bereits, schon vor der Pause, das Engelskonzert des Mozartschen «Exsultate, jubilate» bravourös, mit überirdischer Leichtigkeit absolviert – nicht kraftmeierisch sportiv, eher wie eine himmlische Brise. Etwas zu massig wirkte hier das Orchester. Was für die Sinfonie Nr. 4 des achtjährigen Wolferl und deren energischen Auftritt im Presto gut passte, kam in der Motette zu erdenschwer daher. Erstaunlich tiefschürfend dagegen der Mittelsatz, eine zarte Einstimmung auf die Komplexität in Mahlers Welt, dort unter Aufbietung geballter Farb- und Klangfülle. Mit kindlicher Energie spielt Tausk die Brüche und Kontraste Mahlers aus: eine Stunde im Banne zweifelhafter Schönheit.

Bettina Kugler