KONZERTE: Im hypnotischen Blues stecken die Wüste und Magie

Die Tuareg-Band Tamikrest ist gleich für zwei Auftritte in der Region zu Gast. Im St. Galler Palace und im Kulturladen in Konstanz spielen sie ihren sehr gegenwärtigen «Desert Blues», der in ihrer Heimat Mali teils verboten ist.

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Schon das Cover des Débutalbums «Adagh» (2010) zeigte, um was es hier geht: um Gitarren. ­Gitarren, die den Blues spielen, einen Blues, wie man ihn selten gehört hat. Es ist ein genuin afrikanischer Blues, den die 2006 in Mali gegründeten Tamikrest spielen. Blues geprägt durch Vorbilder wie Ali Farka Touré, doch von ureigener Schönheit.

In der Musik von Tamikrest steckt vieles. Die Faszination des Lebens in der Wüste, die Magie, die Exotik, doch auch die Realitäten des 21. Jahrhunderts. Eine Gegenwart, die für die Tuareg immer noch ein Kampf um Selbstbestimmung bedeutet. Weite steckt in dieser spröden, hypnotischen Musik, aber auch die Dringlichkeiten politischer Kämpfe des Wüstenvolkes der Sahara.

Ihr «Desert Blues» kommt mit wenig aus: klagender Gesang, ein Bass, bisweilen eine Trommel, vor allem E-Gitarren bestimmen den Klangkörper des Septetts, deren Name Tamikrest in der Tamashek-Sprache der Tuareg «Bündnis» bedeutet, wie sie selbst erklären: «Eine Wüste beherbergt uns, eine Sprache vereint uns, eine Kultur verbindet uns.» Eine Kultur, die etwa in Mali, Algerien und Niger noch immer sozialer Ausgrenzung ausgesetzt ist, wie Bandleader Ousmane Ag Mossa sagt: «Es ist unsere Hoffnung, dass die Welt unseren Revolutionsliedern zuhört, die von den rauen Lebenskonditionen handeln, die unser Volk erduldet.»

Ihre Musik erzählt das Schicksal des Landes mit

Diese Musik erzählt von den Härten des Lebens, den Dürrekatastrophen, den Kämpfen gegen die Unterdrückung, doch auch von der Einsamkeit und Schönheit der Wüste. Der schrundige, karge Gitarrenklang eines Neil Young, der Wüstenrock von Tinariwen, die Gitarrentechniken Ali Farka Tourés oder Ry Cooders, all das und noch viel mehr finden wir in der elektrifizierten, magischen Blues-Musik von Tamikrest.

Inzwischen sind fünf Alben erschienen. Das neueste, «Kidal», aufgenommen mit dem Produzenten Mark Mulholland von Tony Allens Afro-Haitian Experimental Orchestra, ist ein weiterer Höhepunkt in der musikalischen Geschichte der Band: Inzwischen kommen in ihrem Sound Spuren aus Dub, Psychedelia, Funk und Art-Rock hinzu – ein äusserst gegenwärtiger Klang, der das Schicksal des afrikanischen Landes immer mit erzählt. Obwohl die Musiker nicht mehr im Nordosten Malis, sondern aufgrund von Krieg und Verfolgung im Exil in Algerien leben.

Hoffnung steckt in den dunklen Liedern

In Bamako, der Hauptstadt Malis, sind die Musiker nicht mehr sicher, im von der Scharia bedrohten islamistischen Norden des Landes, dem von Aufständischen ausgerufenen Azawad-Staat, ist ihre Musik verboten. Doch immer steckt auch Hoffnung in den dunklen Liedern: «Wie lange auch immer die Nacht dauert, ein Tag wird anbrechen. Alles, was in der Dunkelheit der Nacht versteckt ist, wird eines Tages entschleiert werden.» Sänger Ousmane Ag Mossa sagt über das neue Album, es gehe darin um die Würde: «Wir sehen die Wüste als einen freien Ort zum Leben. Viele Leute verstehen sie als einen Markplatz, den man multinationalen Konzernen verkaufen kann, und das macht nomadisches Leben sehr schwierig.»

Marc Peschke

ostschweizerkultur@tagblatt.ch

• Mo, 10.4., 21 Uhr, Kulturladen Konstanz • Sa, 15.4., 21 Uhr, Palace St. Gallen