Konzert
Wie Bach einen Kriegskönig musikalisch zudröhnt: In der St. Galler Olmahalle wird die Kantate zum Appell in Richtung AfD

Für einmal stand eine weltliche Huldigungsmusik auf dem Programm der Bachstiftung St. Gallen. In der Olma-Halle gelang trotz grosser Abstände, die Feinheiten der dicht gewebten Musik zu zeichnen - und sie in religiöse Sphären zu heben.

Charles Uzor
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Rudolf Lutz mit Chor und Orchester der J.S.Bach-Stiftung St. Gallen in der Olma-Halle.

Rudolf Lutz mit Chor und Orchester der J.S.Bach-Stiftung St. Gallen in der Olma-Halle.

Bild: Jelena Gernert

Der Dreierschritt der Kantatenaufführungen der Bach-Stiftung ist eigentlich ein Viererschritt, der sich nun seit Jahren bewährt hat: Workshop – Erstaufführung – Reflexion – Zweitaufführung. Die Zweitaufführung ermöglicht noch genaueres Hinhören. Emil Cioran schrieb einmal, gäbe es Gott nicht, so hätte ihn Bach erfunden. Seine Kantaten sind etwas vom Besten, das Musik und Religion verbindet – erstaunlicherweise auch die weltlichen.

So klingt «Preise dein Glücke, gesegnetes Sachsen» wie eine Huldigung an den Heiligen Geist. Erstaunlich, wie leicht die Noten Bach von der Hand gehen, Musik, die auch als Passionsmusik durchgehen könnte. Dass einzelne Sätze daraus wiederverwendet und umgearbeitet werden - man spricht vom Verfahren der Parodie -, ist nicht ungewöhnlich. Bei Bach jedoch wuchern diese Blüten in ausserordentlicher Eleganz.

Bachs «glückliches Sachsen» ist heute AfD-Gebiet

Rudolf Lutz als musikalischer Leiter der Bachstiftung und Anselm Hartinger, Historiker und Musikologe, demonstrierten dies mit Begeisterung. In ihrem teils anekdotischen, teils possenhaft witzigen Workshop zeigen sich die erstaunlichen Hintergründe des Werks auf.
Das zu Ehren des sächsischen Kurfürsten August III. komponierte Werk wurde 1773 am Leipziger Marktplatz anlässlich eines Fackelzugs uraufgeführt. Bach blieben für die Komposition lediglich drei Tage.

In der Reflexion erläutert Anselm Hartinger die Feinheiten des Librettos. Darin stehen gekonnt verpackt offensichtliche Huldigungen neben diskreter Kriegstreiberei, dem Aufruf zur Feindesliebe und Seitenhieben auf politische Intrigen. Ein Text, der nicht nur dem neuen Doppelmonarchen geschmeichelt haben muss, sondern ihn gleichsam diskret «zudröhnt». Die Brücke zum heutigen, von der AfD gezeichneten Sachsen und Hartingers persönlicher Appell an die Vernunft sind unmissverständlich.

Hochgefühl mit wirbelnden Pauken und schmetternden Trompeten

Schon die erste Aufführung des Ensembles lässt einen den Kragen hochziehen. Die mal dicht gewebten, mal flockig anmutenden Kontrapunkte im Eingangschor zeugen von einem Hochgefühl, das mit aufsteigenden Noten, wirbelnden Pauken, schmetternden Trompeten und dem antiphonal, im Wechsel agierenden Doppelchor aufgeheizt und dessen Energie stetig gesteigert wird. Erstaunlich auch, wie gut die Olmahalle zum Klingen kommt. Jede Stimme ist hörbar, und trotz Corona-bedingten Distanzen wird das Ensemble in der Mitte zusammengehalten.

Der österreichische Tenor Daniel Johannsen.

Der österreichische Tenor Daniel Johannsen.

Bild: Anette Friedel

Daniel Johannsen (Tenor) wirkt in der zweiten Aufführung noch klangvoller und singt die nicht enden wollenden Melismen noch gebundener. Die Synkopen bringen eine adrenalingesättigte Gespanntheit des musikalischen Flusses, der erst durch Johannsens Solokadenz zur Ruhe kommt. Wunderbar ist auch die Tour de Force der Bass-Arie (Peter Kooij), mit schönem Cello-Continuo.

Die Vorarlberger Sopranistin Miriam Feuersinger.

Die Vorarlberger Sopranistin Miriam Feuersinger.

Bild: pd

In der Sopranarie von Miriam Feuersinger erreicht die Aufführung ihren Höhepunkt. Wie Feuersinger in einer unendlich anmutenden Melodie mit leichter, glockenhafter Stimme und umrankt von der Traversflöte (Tomoko Mukoyama) die weite Reise durch die Tonarten macht! Huldigungsmusik an einen Kriegskönig, gleichsam zur geistlichen Kantate überhöht.